4000 Soldaten für eine Turbine

Rund 90 Fabriken liegen still im Wirtschaftszentrum Südafghanistans. Sie wären das wirksamste Mittel gegen die Taliban. Doch da gibt es ein grosses Problem.

Die Fabriken könnten tausenden Menschen Arbeit bieten und damit mehr gegen die Taliban ausrichten als jede Armee - wenn es eine zuverlässige Stromversorgung gäbe. Dass es daran mangelt, liegt auch am Aufstand eben dieser Taliban.

Das Dilemma ist überall im Süden das Gleiche: Damit die Menschen sich von den militanten Islamisten abwenden, wären Entwicklungsmassnahmen nötig. Doch solche Projekte scheitern immer wieder an Kampfhandlungen; Millionensummen werden in den Sand gesetzt.

Hauptquelle der Energieversorgung der Stadt Kandahar ist eigentlich der Kadschaki-Staudamm in der Nachbarprovinz Helmand. Seit sechs Jahren geplante Reparaturen des Wasserkraftwerks verzögern sich immer wieder wegen Kämpfen und Schwierigkeiten, Ersatzteile heranzuschaffen. Zwei Turbinen konnten instandgesetzt werden, weil Teile mit dem Hubschrauber eingeflogen wurden. Das kostete nach Angaben der USA, die das Vorhaben bezahlen, sieben Millionen Dollar (fünf Millionen Euro). Im September gelang es, mit einem einwöchigen Konvoi aus 4000 Soldaten eine dritte Turbine zum Damm zu transportieren. Doch nun entschieden die Verantwortlichen, dass die Strasse für weitere Transporte nicht mehr sicher genug ist.

Warten auf den richtigen Moment

Ob es sich aber lohnt, 900 Tonnen Zement und Gerät einzufliegen und das Projekt fertigzustellen, bezweifeln sie. Die ursprünglich mit 47,9 Millionen Dollar (rund 35 Millionen Euro) angesetzte Wiederherstellung hat jetzt schon das Doppelte verschlungen. Die US-Entwicklungshilfeagentur hält nun weitere 50 Millionen Dollar zurück in der Hoffnung, dass die Kämpfe lange genug abflauen, um noch einen Konvoi durchzubringen.

«Der richtige Moment ist leider noch nicht gekommen», bedauert John Smith-Sreen, der Energieprojekte der Agentur betreut. «Wenn sich in den nächsten paar Monaten nichts ergibt, müssen wir eine Entscheidung hinsichtlich anderer Möglichkeiten in Afghanistan treffen.» Vielleicht wäre das Geld besser für die Energieerzeugung in anderen Landesteilen verwendet.

Das Nachsehen hätte Kandahar. Hier klagen die Menschen immer wieder, dass ihre eigentlichen Probleme wirtschaftlicher Natur sind: Schafft Arbeitsplätze und baut Unternehmen auf, heisst es immer wieder, dann verlieren auch die Taliban an Zulauf. Die Radikalislamisten zahlen arbeitslosen jungen Männern Lohn, damit sie in den Kampf ziehen. Die Bauern bauen aus Wassermangel die anspruchsloseste Pflanze an: Mohn für die Opiumproduktion.

12 Stunden Strom jeden zweiten Tag

Mohammad Naim kann sich für seine Plastiksandalen-Fabrik in Kandahar keinen Notstromgenerator leisten. Der Diesel wäre so teuer, dass er seine Schlappen mit Verlust verkaufen müsste, erklärt der 40-Jährige. Also muss er mit vielleicht zwölf Stunden Strom jeden zweiten Tag hinkommen. «Wir haben 15 Arbeiter, die müssen wir bezahlen, auch wenn wir keinen Strom haben», sagt er. «Wenn der Strom länger ausfällt, muss ich mein Geschäft aufgeben und die Arbeiter entlassen. Dann ist zu befürchten, dass sie anfangen, in der Stadt Illegales zu treiben, oder sich den Kämpfern anschliessen.»

Wenn alles klappt, kann Kandahar nach Angaben von Kraftwerkschef Fasel Ahmad 26 Megawatt Strom am Tag beziehen: zwölf vom Kadschaki-Damm und 14 anhand von zwei Dieselgeneratoren, die die USA bereitgestellt haben. Das deckt gerade den halben Bedarf, so dass die einzelnen Stadtteile nur jeden zweiten Tag versorgt werden. Und es klappt selten alles. Die 200 Kilometer lange Überlandleitung zum Staudamm ist immer wieder unterbrochen, sei es im Zuge von Kämpfen oder durch Sabotage der Taliban. Den Generatoren geht immer wieder der Diesel aus.

Der Traum von Waschmaschine und Fernseher

Eine ordentliche Stromversorgung für Kandahar könnte sich sehr lohnen. Die Stadt könnte zu einem Gewerbezentrum werden, das mit dem benachbarten Pakistan mithalten könnte, von Annehmlichkeiten wie Strassenbeleuchtung und Fernsehen ganz zu schweigen. «Wir waschen mit der Hand. Ich könnte eine Waschmaschine haben», träumt Rasia Mohammadi. «Und wir könnten Nachrichten sehen und uns über die Sicherheitslage informieren.»

Kabul hat es vorgemacht. Als voriges Jahr eine Stromleitung aus Usbekistan in Betrieb ging, kauften sich die Leute Fernsehgeräte, in den Bergen um die Hauptstadt glommen Lichter. Es wuchs das Gefühl, dass es aufwärtsgeht. In Kandahar dagegen liegen die meisten der Betriebe im Industriegebiet still. Für eine Reihe von Generatoren wurde seit Jahren kein Diesel mehr bezahlt, voriges Jahr legte ein Bombentreffer die Anlage vorübergehend lahm. Am meisten Betrieb herrscht noch in einer vormaligen Obstkonservenfabrik: Hier haben sich kanadische und amerikanische Soldaten eingerichtet. (sam/ddp)

Erstellt: 08.02.2010, 16:43 Uhr

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