«Axpo muss den Kauf von Nuklear-Material aus Majak stoppen»
Von Matthias Chapman. Aktualisiert am 21.06.2011 28 Kommentare
Zur Person: Natalia Mironowa (65) ist Vorsitzende und Gründerin der 1989 ins Leben gerufenen Organisation Bewegung für Atomsicherheit und kämpft gegen die umstrittene Wiederaufbereitungsanlage in Majak. Mironowa hat in den 70er-Jahren an der Technischen Hochschule in Tschelyabinsk studiert. Laut Greenpeace Schweiz, welche sich regelmässig mit Mironowa austauscht, ist sie die «führende Person einer Bewegung, die sich für eine Verbesserung der Zustände in der Region um die Wiederaufbereitungsanlage Majak einsetzt». Laut Mironowa erkranken in der Region, 1500 Kilometer östlich von Moskau, deutlich mehr Menschen an Krebs als im übrigen Russland. (Bild: zvg)
Streit um Majak zwischen Greenpeace und Axpo
Vorwürfe gegen die Atomanlage in Majak bestehen seit Jahren. Radioaktive Abfälle seien dafür verantwortlich, dass die Raten von Kindermissbildung und Krebs in der Region deutlich höher sind als im übrigen Russland. Studien belegen dies auch. Der Schweizer Stromriese Axpo, der aus Majak Brennmaterial bezieht, stellt sich auf den Standpunkt, dass nicht klar sei, ob die Verschmutzung von Altlasten aus früheren Jahren herrührt. 1957 ereignete sich ein schwerer Unfall, als ein Wasserbehälter explodierte und das Gebiet verseuchte. Deshalb wollten Verantwortliche von Axpo in den letzten Tagen Majak besuchen. «Wir versuchen abzuklären, inwieweit die Vorwürfe stimmen, dass durch die heutigen Prozesse immer noch Belastungen für Umwelt und Bewohner entstehen. Axpo versucht, möglichst viele Fakten zu beschaffen, dazu gehört auch ein Besuch der Anlage», erklärte Axpo gestern. Und nachdem ein Besuch von Majak kurzfristig abgesagt wurde: «Axpo wird weiterhin versuchen, eine Bewilligung zu bekommen.»
Greenpeace wendet dagegen allerdings ein: «Das ist eine Ausflucht von Axpo.» Die Anlage würde seit Jahrzehnten betrieben, und Abwässer würden seither in einen riesigen See eingeleitet. Dieser sei seit Jahrzehnten radioaktiv verseucht und stelle eine riesige Gefahr für die Menschen in der Region dar. Auch wenn die heutigen Abwässer weniger kontaminiert seien, würden sie immer noch ins gleiche Becken eingeleitet. Florian Kasser von Greenpeace gibt dazu einen Vergleich: «Das wäre doch, wie wenn in Bohpal weiter Anlagen betrieben würden, obwohl keine Sanierung vorgenommen worden wäre. Und so würde doch auch keine Schweizer Firma damit in Verbindung gebracht werden.» Damit überhaupt ein Geschäft mit Majak vertretbar wäre, müsste die Anlage und deren Wasserbecken zuerst saniert werden. Riesige Erdschichten müssten abgetragen und endgelagert werden.
Dossiers
Artikel zum Thema
- «Das war sehr naiv von der Axpo»
- «Der Entscheid zum Atomausstieg ist nicht nachvollziehbar»
- Axpo darf umstrittene Uran-Anlage nicht besuchen
- AKW Mühleberg: Hochwasserrisiko wird unterschätzt
- Berggebiete gegen Unterland: Kampf um Wasserrechte ist lanciert
Stichworte
SwissquoteExklusiver Trading-Partner
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Frau Mironowa, konnten Sie die Anlage von Majak je besuchen?
Ja, sogar mehrmals. Das erste Mal in den frühen 90er-Jahren. Damals war ich Abgeordnete im lokalen Parlament und hatte als solche Zugang im Rahmen einer Inspektion. Mit dabei waren auch russische Parlamentarier. Das zweite Mal besuchte ich die Anlage in Majak im Jahr 2005 – damals als Zeugin im Rahmen von Untersuchungen der Oberstaatsanwaltschaft. Es standen die Vorwürfe im Raum, die Anlage in Majak hätte gegen das Umweltgesetz verstossen.
Was haben Sie in der Anlage in Majak gesehen?
Beim ersten Besuch sah ich den Bereich der Wiederaufbereitung – oder zumindest Teile davon. Als Ingenieurin wurde für mich klar, dass das System total veraltet war. Beim zweiten Mal war ich für ein Treffen mit dem damaligen Direktor Vitaly Sadovnikov in der Anlage. Gegen ihn liefen Untersuchungen wegen des Vorwurfs der Umweltverschmutzung und nicht sachgemässen Umgangs mit nuklearen Abfällen.
Was geschah aufgrund der Untersuchungen?
Sadovnikov wurde gefeuert und an seiner Stelle Sergej Baranow installiert. Baranow kam vom Geheimdienst KGB und ist bis heute Direktor der Anlage in Majak.
Haben Sie mit dem heutigen Direktor Baranow schon einmal gesprochen?
Ja, ich traf ihn im letzten November, als er für eine Präsentation ans Nuklearforum in Tschelyabinsk kam.
Um was ging es in seinen Ausführungen?
Er sprach über Verfahren bei der Entsorgung von nuklearem Abfall und präsentierte einen Zeitplan für die Lösung der Probleme in Majak. Der aber war auf Jahrzehnte in die Zukunft angelegt.
Mit welchen Problemen kämpft die Bevölkerung in der Gegend um die Anlage in Majak?
Mit radioaktiver Verschmutzung, die von der schlechten Behandlung des atomaren Abfalls herrührt. Die Menschen kämpfen mit gesundheitlichen Problemen und als Folge davon mit sozialen Missständen, Armut und vielem mehr.
Wie nahe an der Anlage von Majak leben Sie?
Rund 60 Kilometer entfernt. Sollte sich ein Unfall ereignen, wäre das nahe genug, dass ich betroffen würde und mein Zuhause in der Gegend verlieren würde.
Haben Sie schon von der Schweizer Firma Axpo
(AXP10
104.5
0.00%)
gehört, die Brennmaterial aus der Anlage in Majak bezieht?
Ja.
Wurden Sie von Axpo kontaktiert?
Nein.
Was könnten ausländische Firmen tun, um die Situation der Menschen in der Umgebung von Majak zu verbessern?
Sie müssten allgemeingültigen moralischen Prinzipien folgen. Geschäftsaktivitäten dürfen nicht zum Nachteil anderer Menschen ausgeübt werden. Man darf keine Geschäfte tätigen, welche die Menschenrechte verletzen.
Konkret?
Wenn Axpo mit Majak geschäftet, nimmt diese Firma die Gefährdung von Leben in Kauf. Und der Boden kann für das normale Leben nicht mehr gebraucht werden. Es sieht so aus, als ob internationale Gesellschaften Krieg führten gegen die lokale Bevölkerung, welche keine Rechte hat, sich dagegen zu wehren. Und Axpo beteiligt sich daran. Die Schweizer Firma muss also den Kauf von Nuklearmaterial aus Majak stoppen. Die Produktion hier ist die grösste Quelle der Verschmutzung, vergleichbar mit Fukushima. Diese Anlage wird ausserhalb jeglicher öffentlicher Kontrolle betrieben. Und das, weil es militärisches Sperrgebiet ist und als solches der Geheimhaltung untersteht.
Was machen die regionalen Behörden im Fall Majak?
Sie wollen schlauer sein als die Verkäufer auf dem Basar. Gegenüber der Öffentlichkeit und den Käufern sagen sie, es bestehe keine Gefahr. Aber bei der Zentralregierung fragen sie um immer mehr und mehr Geld an – abgesehen davon mein Steuergeld –, um Bewohner zu behandeln und den Boden zu sanieren.
Fühlen Sie sich bedroht, wegen Ihres Engagements?
Ja, KGB und Antiterroreinheiten stellten Nachforschungen über mich an. Darüber möchte ich aber nicht reden. Ich bin mutig und clever genug, um damit umgehen zu können. Und schliesslich tue ich nur, was Artikel 58 der russischen Verfassung verlangt: Jeder Russe muss die Umwelt schützen und Sorge tragen zu den natürlichen Ressourcen.
Was ist das Ziel Ihrer Arbeit?
Wir arbeiten daran, dass die Wiederaufbereitung in Majak gestoppt wird. Das Schlimme ist, dass die internationalen Verträge die Betreiber dazu bringen, aggressiv gegen jeglichen Widerstand vorzugehen. Sie sagen mir offen, dass ich mit meinen Aktivitäten die internationalen Verbindungen durchkreuze. Und das sei der Grund, warum sie gegen mich ankämpften.
Wie ist Ihre Zusammenarbeit mit Greenpeace?
Wir pflegen gute Beziehungen im Bereich Atomanlagen. Wir tauschen Daten und Know-how aus, um in der Öffentlichkeitsarbeit besser zu werden. Es ist unser gemeinsames Ziel, die Anlage Majak zu mehr Transparenz und Ehrlichkeit zu bringen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.06.2011, 17:34 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
28 Kommentare
Ausland
- 23:21Iran kündigt Zugang zu Parchin an
- 22:51Proteste im Libanon nach Entführung
- 22:03Oskar Lafontaine verzichtet auf Kandidatur für Parteivorsitz
- 18:21Der gefürchtete Grieche zu Besuch in Berlin
- 16:09Spardiskussion, Eurobonds und dann auch noch die Schäuble-Frage
- 14:12Suu Kyi hält Nobelpreisrede – mit 21 Jahren Verspätung


Bitte warten



