Hintergrund

Chen hofft auf Hillary Clinton

Schläge, Haft und Hausarrest konnten Chen Guangcheng nicht erschüttern. Doch nun hat der blinde Anwalt zum ersten Mal wirklich Angst: Um sein Leben und das seiner Familie.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Chen Guangcheng will nur noch weg. Der blinde Aktivist, der am Mittwoch die US-Botschaft in Peking verlassen und sich in Spitalpflege begeben hat, will aus China ausreisen, da er sich dort nicht sicher fühlt. «Ich will ins Ausland. Ich möchte, dass die USA mir und meiner Familie helfen. Sie haben mir zuvor geholfen», sagte Chen der Nachrichtenagentur AFP am Telefon. Trotz der ihm vor Verlassen der US-Botschaft gemachten Zusicherungen der chinesischen Behörden fürchtet Chen um sein Leben und das seiner Familie.

«Meine grösste Hoffnung ist, dass es für mich und meine Familie möglich wäre, mit dem Flugzeug von US-Aussenministerin Hillary Clinton in die USA zu fliegen», sagte Chen gegenüber Melinda Liu, der Pekinger Korrespondentin von Thedailybeast.com. Als Chen mit ihr am Telefon gesprochen habe, habe er geweint, schreibt sie. Sie kenne Chen Guangcheng seit über zehn Jahren. Er wurde eingeschüchtert, geschlagen, inhaftiert und unter Hausarrest gestellt, doch sie habe nie das Gefühl gehabt, dass er Angst habe. «Jetzt hat er Angst.»

«Sie drohten, meine Familie zu Tode zu schlagen»

Liu konnte am Mittwoch ausführlich mit Chen telefonieren. Als ihn die Amerikaner nach 15 Uhr Ortszeit aus der US-Botschaft eskortierten, hätten sie ihm versprochen, dass mindestens einer von ihnen bei ihm im Spital bleiben würde. Doch «als ich ins Spitalzimmer gebracht wurde, sind alle gegangen. Ich weiss nicht, wo sie hin sind.» Der blinde Aktivist suchte fieberhaft nach Krücken oder dem Rollstuhl. Bei seiner Flucht hat er sich den Fuss gebrochen, er ist auf Gehhilfen angewiesen.

Seine Frau und seine Kinder konnte er im Spital wiedersehen. Seine Frau erzählte ihm, sie sei nach seiner Flucht an einen Stuhl gefesselt und geschlagen worden. «Sie drohten, meine Familie zu Tode zu schlagen», sagte Chen am Donnerstag im Interview mit «Sky News». Offizielle aus der Provinz seien in sein Haus eingedrungen, mit Stöcken bewaffnet. «Sie haben sieben Überwachungskameras in unserem Garten, auf dem Dach und im Haus installiert. Und sie werden einen elektrischen Zaun um das Haus errichten.»

Im Spital alleingelassen

Er habe zunächst in China bleiben wollen, sagte Chen zu «Sky News», aber nun wisse er, dass er und seine Familie nicht sicher seien. «Gestern Nacht konnte ich niemanden aus meiner Familie telefonisch erreichen. Dann konnte ich von meinem Mobiltelefon weder jemanden anwählen noch Anrufe empfangen. Heute Morgen kann ich Anrufe empfangen, aber immer noch nicht jemanden anwählen.»

Im Spital habe sich am Mittwoch niemand um die Familie gekümmert, sagte Chen zu Melinda Liu von Thedailybeast.com. Chens sechsjährige Tochter habe vor Hunger geweint, trotz mehrmaliger Anfragen habe sich niemand darum gekümmert. Erst als Freunde Stunden später die US-Botschaft erreichten, hätte ihnen das Spitalpersonal etwas zu essen gebracht. Er selber habe die Amerikaner nicht erreichen können, so Chen zu Liu. «Ich versuchte drei-, viermal, die Botschaft zu erreichen, doch niemand hat meine Anrufe entgegengenommen.»

Chen hatte keine Wahl

Er sei in der US-Botschaft unter «enormen Druck» geraten, sagt Chen weiter. «Nicht von denen von der Botschaft, sondern anderen», fügte der 40-Jährige offenbar unter Hinweis auf angereiste Regierungsbeamte hinzu. «Ich war isoliert.» Dabei, schreibt Liu, habe Chens Stimme gezittert. «Dann hörte ich von den Drohungen, dass meine Frau nach Shandong zurückgeschickt würde, wenn ich die Botschaft nicht verlasse. So bin ich gegangen», sagte Chen.

Mit physischer Gewalt habe zwar niemand gedroht, «aber niemand musste es sagen». Unter Hausarrest in der Provinz Shandong habe er genug erlebt: Schläge, Einschüchterungen. Seine Tochter sei zur Schule begleitet worden, seinen Sohn habe er zwei Jahre lang nicht gesehen. «Er stand unter enormem Druck, die Botschaft zu verlassen», sagt Bob Fu, Präsident der China Aid Association gegenüber Medien. «Er stand vor der Wahl, die Botschaft zu verlassen oder seine Frau und seine Kinder zu verlieren.»

US-Offizielle üben sich im Krisenmanagement

Das US-Aussenministerium dementiert, dass Chen bedroht wurde, bestätigte aber die Darstellung, wonach Chens Frau nach Shandong zurückgeschickt würde: «Amerikanische Gesprächspartner machten deutlich, dass chinesische Offizielle uns gegenüber darauf verwiesen hätten, dass seine Familie nach Shandong zurückgebracht werde und sie die Möglichkeit verlören, eine Wiedervereinigung auszuhandeln, falls Chen sich entscheide, in der Botschaft zu bleiben», sagte Sprecherin Victoria Nuland.

US-Botschafter Locke betonte am Donnerstag vor Reportern, Chen sei nicht unter Druck gesetzt worden, die Botschaft zu verlassen. Er sei «aufgeregt und begierig» zu gehen gewesen, sagte Locke. Seine Frau habe ihn gedrängt, zurück zu seiner Familie zu kommen. «Ich wollte erst in China bleiben», sagt Chen gegenüber ABC News. «Doch nun habe ich meine Meinung geändert.» Chen traut der chinesischen Regierung nicht, dass sie ihr Wort hält. China hat den USA zugesagt, für die Sicherheit von Chen und seiner Familie zu sorgen. Dass Chen nun die USA um Hilfe anfleht, das Land verlassen zu können, bringt Barack Obama in Zugzwang und belastet die ohnehin schon angespannten Beziehungen zwischen den beiden Grossmächten zusätzlich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.05.2012, 13:16 Uhr

Artikel zum Thema

Chinesischer Aktivist richtet schwere Vorwürfe an die USA

Er habe die US-Botschaft in Peking nicht freiwillig verlassen – die Diplomaten hätten ihn dazu gedrängt, sagt Bürgerrechtsaktivist Chen Guangcheng. Und er bittet die USA um Hilfe bei der Ausreise. Mehr...

Chinesische Behörden drohen Chens Frau zu töten

Chen Guangcheng hat sich von der US-Botschaft in ein chinesisches Spital bringen lassen. Nun wurde bekannt wieso: Die Behörden bedrohten den Dissidenten massiv. Mehr...

Der blinde Anwalt aus Dongshigu

Hintergrund Chen Guangcheng erblindete als Kind. Das hinderte ihn nicht daran, sich selbst zum Anwalt auszubilden und in China gegen Zwangsabtreibung und Korruption zu kämpfen. Dafür liessen ihn Provinzbeamte bitter büssen. Mehr...

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Get up, stand up! Drei Stand Up Paddler geniessen das Sommerwetter auf dem Genfersee bei Allaman (27. Mai 2017).
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...