Chinas verlassene Kinder

Verwahrlost, ausgebeutet, in Todesgefahr: Mehr als 60 Millionen Kinder wachsen in den ländlichen Provinzen Chinas ohne ihre Eltern auf. Das ist eine Kehrseite des ungebremsten Wirtschaftsbooms.

Kinder in einer chinesischen Landschule. Mehr als ein Drittel von ihnen wächst ohne Eltern auf.<br />Foto: Michael Reynolds (Keystone)

Kinder in einer chinesischen Landschule. Mehr als ein Drittel von ihnen wächst ohne Eltern auf.
Foto: Michael Reynolds (Keystone)

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Eben ist der Unterricht zu Ende, doch nur einige wenige Grosseltern haben den Weg zur Dorfschule von Tangxi gefunden. In diesem gottverlassenen Ort in der Provinz Jiangxi, einer der ärmsten der ganzen Volksrepublik, sind die meisten Kinder sogenannt verlassene Kinder. Deren Zahl ist so gross, dass sich in China für sie ein eigener Begriff ein­gebürgert hat: liushou ertong, die ­Zurückgelassenen. Ihre Eltern sind in der Hoffnung auf Arbeit in die grossen Städte des Landes gezogen. Wie Millionen Wanderarbeiter-Kinder in der ländlichen Einöde Chinas zählen die Schüler die Tage bis zum chinesischen Neujahr. Dann sehen sie nach Monaten endlich ihre Eltern wieder.

In Lumpen gekleidet und das Gesicht dreckverschmiert, kauert der neunjährige Xiaohai in einem mit baufälligen Häusern gesäumten Gässchen und schaut seinem Schulkameraden zu, wie dieser auf seinem Smartphone spielt, während er selber gebratene Pouletschenkel aus einem Plastiksäckchen fischt. Statt direkt von der Schule nach Hause zu gehen, hat er sich beim Spielen aufhalten lassen. «Meine Grosseltern haben auf dem Feld zu tun», sagt Xiaohai und zeigt auf ein einsames Häuschen in der Ferne, inmitten von Reisfeldern. Bei den Hausaufgaben sind ihm seine Grosseltern, so gut wie Analphabeten, keine Hilfe. «Ich komme alleine zurecht. So ist das eben», murmelt er, die Augen unablässig auf den Bildschirm gerichtet.

Seine beinahe 70-jährigen Ersatzeltern, von jahrelanger harter Arbeit gezeichnet, geben Xiaohai ein Dach über dem Kopf, ein Bett, zu essen und etwas Zuneigung. Für das Materielle kommen seine Eltern auf, jeden Monat schicken sie etwas weniges Erspartes. Mehr als einmal pro Jahr sieht Xiaohai sie nie, manchmal auch nur alle zwei Jahre. «Sie haben mir gesagt, dass sie dieses Jahr für das chinesische Neujahr kommen», sagt er. «Letztes Jahr haben sie keine Zug­billette erhalten. Ich habe sie also seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.»

Den Geburtstag vergessen

Er freue sich nicht auf den Besuch seiner Eltern, behauptet Xiaohai, durch die jahrelange Trennung abgestumpft. «Mir egal», sagt er, um dann doch einzuräumen, dass seine Eltern ihm fehlen und er oft an sie denkt, manchmal weint. Er erinnere sich nicht, in welcher Stadt sie wohnten, sagt er, und auch nicht, wie sie ihr Geld verdienten. Das Einzige, was Xiaohai weiss, ist, dass seine Eltern in ­einer Fabrik arbeiten und zu weit weg wohnen, um mehr als einmal pro Jahr zu Besuch zu kommen. «Ich schreibe ihnen Briefe aus der Schule», erzählt Xiaohai, «aber sie antworten nicht immer. Manchmal rufen sie an, aber nicht oft. Dieses Jahr haben sie meinen Geburtstag vergessen.» Nach seinen Leistungen in der Schule erkundigen sich seine ­Eltern nie, und Kontakt zu seinen Lehrern haben sie keinen.

Gemäss Zahlen der All-China ­Women’s Federation leben in den ländlichen Gebieten Chinas mehr als 61 Millionen Wanderarbeiter-Kinder ohne ihre Eltern. Duan Chengrong, Professor für Bevölkerungswissenschaft an der chinesischen Volksuniversität in Peking und Mitautor der ACWF-Studie, schätzt ihre Anzahl heute auf 65 bis 66 Millionen. Noch viel höher, bei rund 250 Millionen, liege die Zahl der Mingongs, der Wanderarbeiter. Seine Schätzungen stützt der Professor auf die letzte Volkszählung 2010. Die elternlosen Kinder, Opfer der grössten Migrationswelle der Geschichte, machen 37,7 Prozent der Kinder auf dem Land und 22 Prozent aller Kinder in China aus. Die meisten von ihnen wachsen bei den Grosseltern oder anderen Angehörigen auf. Weniger als 5 Prozent der Kinder sind ganz auf sich allein gestellt und leben vom Geld, das ihnen die Eltern schicken.

Auf dem Weg von Tangxi nach ­Yichun, der nächstgrösseren Stadt in 70 Kilometer Entfernung, sieht man bis zum Einbruch der Dunkelheit Kinder in den Strassen zwischen den Reisfeldern spielen. Einige von ihnen sind erschöpft entlang der Hauptstrasse eingeschlafen. Yi Zhibing, ehemaliger Direktor einer Vorschule für Wanderarbeiter-Kinder in Yichun, sagt: «Diese Kinder haben weder eine Struktur noch einen fixen Tagesablauf.» Yi Zhibing ist heute wieder einfacher Lehrer auf dem Land. «Den ganzen Tag toben und spielen sie entlang der Strassen, bis sie vor Müdigkeit umfallen. Regelmässig werden Kinder angefahren. Andere ertrinken in den Teichen.» So geschehen im Mai vor drei Jahren, als in Tangxi fünf Kinder der ­Familie Wang ertranken.

Keine Arbeit auf dem Land

Es waren Wang Jiushou (75) und seine Frau Li Xixiu (74), die damals die Verantwortung für ihre acht Enkel hatten. Noch heute schmerzt die Erinnerung. Li Xixiu wischt sich die Tränen mit der Innenseite ihres Ärmels ab, während ihr Mann schluchzend an seiner Zigarette zieht. Dann sagt Li Xixiu: «Wir arbeiteten, sorgten dafür, dass sie etwas zu essen auf den Tisch bekamen und brachten sie zur Schule. Aber wir konnten sie nicht die ganze Zeit beaufsichtigen. Das war zu viel. Wir sind zu alt.» Ihre beiden Söhne hätten keine andere Wahl gehabt, als das Dorf zu verlassen, sagt die alte Frau, sie sitzt auf einem Bambusstuhl auf der Türschwelle des Hauses.

In Tangxi gab es keine Arbeit für die Söhne, deshalb zogen sie nach Shenzen. «Wie alle Jungen im Dorf. Ausser Reis und Kartoffeln anzupflanzen oder Rapsöl herzustellen, gibt es hier nichts zu tun. Kein Unternehmen kommt hierher, mitten ins Gebirge», sagt Li Xixiu und schüttelt den Kopf. Wie verhext sei es gewesen, erzählt sie, ihre Söhne ­hätten erst nur Töchter bekommen. Also gab es immer mehr Kinder, bis endlich Söhne geboren wurden, «denn die Tradition will es, dass eine Familie Söhne hat». Obwohl alle wussten, dass sie sie nicht würden ernähren können.

Nach dem Unglück zog der jüngere Sohn Wang Guangjun, der seine beiden kleinen Töchter verloren hatte, mit seiner Frau in die Stadt Yichun. Das dritte Kind lebt wieder bei ihnen. «Zum Glück bleibt uns ein Sohn», sagt Wang Guangjun. «Nie wieder werden wir für die ­Arbeit in eine andere Stadt ziehen, egal, wie gross die finanziellen Sorgen sind.» Seine Mutter findet, ihre Enkel seien bei den Eltern besser aufgehoben. «Die Kinder hörten nicht auf uns und gingen ­lieber spielen als Hausaufgaben zu machen. Ihre Eltern sind strenger und ­verfolgen, wie es im Unterricht geht.»

Fehlende Zuneigung

Um den grossen Esstisch der Familie stehen immer noch etwa 15 Stühle. Aber die grossen Familienessen finden nicht mehr statt. «Unsere Kinder sind uns nicht böse», sagt Li Xixiu. «Trotzdem ­sehen wir sie nicht mehr oft. Unsere ­Enkel rufen manchmal an und sagen, dass sie uns vermissen.»

Zurück in der Dorfschule von Tangxi, schätzt der regionale Schulleiter, dass 70 Prozent der Schüler in der Umgebung ohne Eltern leben. «Das grösste Problem ist die fehlende Zuneigung», sagt er. «Wir versuchen das zu kompensieren, indem wir die Lehrer regelmässig mit kleinen Geschenken bei den Kindern zuhause vorbeischauen lassen. Wir betreuen die Schüler bei den Hausauf­gaben und schreiben mit ihnen Briefe an die Eltern. Mit diesen stehen wir regelmässig in Kontakt und halten sie auf dem Laufenden über die Leistungen ­ihrer Kinder.»

Hier schaltet sich der Sekretär der ­lokalen Kommunistischen Partei ins ­Gespräch ein, die Schule hat ihn benachrichtigt. Für die Behörden ist der Vorfall mit den ertrunkenen Kindern eine sensible Angelegenheit. «Nach dem Unglück ist allen bewusst geworden, dass die Kinder die Zukunft unserer Familien und unseres Landes sind», sagt der Funktionär; er besteht darauf, dass sein Name nicht genannt wird. «Glücklicherweise ist dank der modernen Kommunikationsmittel alles einfacher geworden. Wir haben zudem ein Förderprogramm, mit dem wir Unternehmen in die Region holen wollen.» Er denkt lange nach, kann dann aber weder den Namen einer Firma nennen, die sich in der Umgebung niederzulassen gedenkt, noch den ­Industriezweig, den man nach Yichun holen möchte.

Leere Versprechungen

Den ehemaligen Vorschuldirektor Yi Zhibing bringen die ewig gleichen Phrasen zur Verzweiflung. «Das sind nichts als leere Versprechungen, tatsächlich wird nie etwas für die Kinder unternommen», ereifert er sich. «Das Einzige, was für die öffentlichen Schulen zählt, ist der Unterricht. In Wahrheit aber sind die Wanderarbeiter-Kinder sich selbst überlassen. In 30 Jahren als Lehrer habe ich es kein einziges Mal erlebt, dass Eltern anriefen, um sich nach ihrem Kind zu erkundigen, selbst wenn eines krank war. Die Grosseltern beschränken sich darauf, die Kinder zu ernähren. Kaum erreichen die Kinder die Pubertät, gehen sie ins Internet-Café und geraten ­unter schlechten Einfluss. Ihre Eltern schicken zwar genug Geld, um für sie aufzukommen. Aber die Knaben verpulvern alles, beginnen zu stehlen und zu betrügen, um zu mehr Geld zu kommen. Die Mädchen verlieben sich jung und verpfuschen ihr Leben.» Laut einer neuen Studie ist mehr als die Hälfte ­dieser Kinder verhaltensauffällig, dreimal mehr als im nationalen Schnitt. Besonders Depressionen und Angststörungen sind verbreitet.

Besserung ist nicht in Sicht. Ein 57-jähriger Grossvater, der vor der Dorfschule steht, klagt: «Seit den 1980er-Jahren sind es hier die Grosseltern, die die Kinder aufziehen. Heutzutage ist das normal.» Seine Enkelin stimmt zu: «Nur Kinder aus reichen Familien leben mit ihren Eltern. Man erkennt sie leicht, es sind diejenigen mit den schönsten Kleidern.» Es vergehe keine Woche, ohne dass sie nicht weinen müsse, wenn sie an ihre Eltern denke oder das Thema in der Schule angesprochen werde.


Copyright «Le Figaro». Übersetzung: Tina Huber. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.04.2015, 23:17 Uhr)

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