Ausland

Das Land der Freitode

Aktualisiert am 13.05.2010

In Japan gibt es durchschnittlich 90 Selbstmorde pro Tag. Die Wirtschaftskrise verschlimmert die Situation.

An der Tagesordnung: Ein Selbstmord im Hotel Peninsula in Tokio.

An der Tagesordnung: Ein Selbstmord im Hotel Peninsula in Tokio.
Bild: Keystone

In Japan haben sich im vergangenen Jahr nach Polizeiangaben 32'845 Menschen das Leben genommen. Dies ergibt täglich fast 90 Suizide. Damit liegt die Zahl der Suizide in der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt seit zwölf Jahren über der Marke von 30'000. Auffallend sei dabei eine rasante Zunahme an Freitoden von Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, wie die nationale Polizeibehörde am Donnerstag bekanntgab. Depressionen waren der häufigste Grund für Selbstmorde.

Die Zahl der Freitode, die auf den Verlust des Arbeitsplatzes zurückzuführen seien, erhöhte sich um 65,3 Prozent auf 1071, wie die Behörde weiter mitteilte. Eine makabere Statistik der japanischen Regierung für die Jahre 2004 bis 2008 unterlegt diese Vermutung. Demnach ist der «Montag im März» der Zeitpunkt mit der höchsten Selbstmordrate.

Der Montag im März

«Der März ist das Ende des Geschäftsjahres und der Montag ist der Neubeginn einer Woche. Diese Wendepunkte des Lebensalltages haben womöglich einen psychologischen Einfluss auf den Menschen. Aus diesen Gründen ist ‹der Montag im März› der gefährlichste Zeitpunkt für Selbstmordgefährdete», meint Yasuyuki Shimizu von der Hilfsorganisation Life Link gegenüber der «Asahi Shimbun».

Die Regierung will Zahl der Suizide in den kommenden Jahren deutlich reduzieren. Premierminister Yukio Hatoyama hat versprochen die Präventionsmassnahmen. Bereits 2007 hatte sich der japanische Staat zum Ziel gesetzt die Zahl der Freitode in den nächsten zehn Jahren um zwanzig Prozent senken zu wollen.

Kein religiöses Verbot

Die westlichen Vorstellungen über Freitod in Japan sind unter anderem durch Darstellung ritueller Freitode der Samurai beeinflusst. Tatsächlich hat Selbstmord in Japan eine lange Tradition.

Der rituelle Freitod Seppuku (im Ausland auch als Harakiri bekannt), bei dem der Bauch mit einem Schwert aufgeschlitzt wird, war während der Feudalzeit dem Stand der Samurai vorbehalten und stellte ein Privileg dar. Der Samurai wollte dadurch seine Ehre und so die seiner Familie bewahren. Während im christlichen Glauben eine bewusste Selbsttötung eine schwere Sünde ist, kennt Japan solche religiösen Verbote nicht.

Die Urreligion der Japaner, Shinto, ist auf das Leben ausgerichtet und sagt nichts darüber aus, was nach dem Tod geschieht. Totenriten und die Bestattung folgen dem buddhistischem Brauch. Es herrscht die Ansicht vor, dass ein Mensch beim Ableben ungeachtet der Art des Todes in einen friedlichen Zustand übergeht.

Zu wenig Beratungsdienste

Dennoch ist der Freitod in Japan nicht problemlos. Nach Ansicht des buddhistischen Priesters Eiichi Shinohara reichen die bestehenden Beratungsdienste nicht aus, um die Zahl der hilfesuchenden Menschen zu bewältigen. Der 65-jährige Priester des Chojuin Tempels in Tokios Nachbarprovinz Chiba führt eine neue nationale Kampagne zur Verhinderung von Freitoden an.

Die von Priestern verschiedener Sekten im vergangenen Jahr gegründete Organisation Jisatsu Boushi (Selbstmordvorbeugung) bietet Zufluchtsstätten an und ist bereits an 37 Orten in rund der Hälfte aller 47 Provinzen des Landes aktiv.

(jak)

Erstellt: 13.05.2010, 12:18 Uhr

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