Das verstörende Titelbild des «Time Magazine»

Auf dem Titel ihrer aktuellen Ausgabe zeigt die amerikanische Zeitschrift das Bild einer verstümmelten Frau aus Afghanistan– und druckt dazu ein klares Bekenntnis ab.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vom Titelbild des aktuellen «Time Magazine» blickt eine junge Frau, eine Afghanin mit dunklen Augen und vollen Lippen. Wo ihre Nase sein sollte, klafft ein Loch. Talibankämpfer haben die 18-Jährige verstümmelt, weil sie die Familie ihres Mannes verlassen hat. Diese Lebensgeschichte in zwei Sätzen steht unter dem Bild, dazu die Schlagzeile: «Was passiert, wenn wir Afghanistan verlassen.» Ein klares Bekenntnis, das die Zeitschrift für den Krieg in Afghanistan abgibt – und ein Bild, das haften bleibt.

«Time» ist sich der Wirkung des Bildes bewusst. «Wir haben lange darüber nachgedacht, ob wir dieses Bild auf das Titelblatt des Magazines setzen sollen», wendet sich der Chefredaktor im Vorwort an seine Leser. «Das Bild ist machtvoll, schockierend und verstörend.» Sie hätten das Bild abgedruckt, so der Chefredaktor, «weil es Teil unserer Arbeit ist, grausame Dinge, die Menschen widerfahren, zu betrachten und zu erklären». Die weiteren Bilder im Text werden begleitet von einer Reportage über das Leben der Frauen in Afghanistan, die vielfach seit der Schwächung der Extremisten aufgeblüht seien.

«Emotionale Wahrheit»

«Wir drucken diese Geschichte und zeigen dieses Bild um darzustellen, was wirklich im Feld dort passiert», so der Chefredaktor weiter. «Wir sind nicht für oder gegen den Krieg», hält er trotz des eindeutigen Tons in der Schlagzeile fest. Das Parlament und die Bürger debattierten zurzeit stark über den Krieg. «Es ist unsere Aufgabe, die Zusammenhänge und Perspektiven für eines der schwierigsten aussenpolitischen Themen der Gegenwart aufzuzeigen.» Was die Geschichte und Bilder von «Time» zeigten, sei etwas, was nirgends in den 91'000 Dokumenten stehe, die Wikileaks vor kurzem veröffentlicht habe – «emotionale Wahrheit und ein Einblick (...) in die Konsequenzen der wichtigen Entscheide, die anstehen».

Die junge Frau auf dem Titel, die «Time» lediglich «Aisha» nennt, wird laut der Zeitschrift in die USA reisen, wo ihre Nase wiederhergestellt wird. Die Kosten dafür übernimmt eine kalifornische Stiftung. Aisha lebt nach Angaben der Journalisten in den Räumen der Hilfsorganisation Women for Afghan Women an einem geheim gehaltenen Ort. Sie wisse, was es bedeute, auf dem Titelbild des «Time Magazine» als Symbol für den Preis zu stehen, den afghanische Frauen in der unterdrückenden Ideologie der Taliban bezahlen.

(oku)

(Erstellt: 29.07.2010, 22:09 Uhr)

Artikel zum Thema

Deutsche Schattenkrieger in Afghanistan

Nicht nur die USA setzen bei der Jagd nach Aufständischen geheime Elitetruppen ein – auch Deutschland tut dies. Nur wenige wissen, welchen Auftrag die Schattenkrieger haben. Mehr...

Geheime Afghanistan-Protokolle waren nur ein Vorgeschmack

Fast 92’000 geheime Berichte über den Afghanistan-Krieg sind seit dem Wochenende für jedermann einsehbar. Doch das war erst der Anfang: Wikileaks ist auch im Besitz von brisanten Irakkrieg-Protokollen. Mehr...

Das ungeschönte Bild eines Krieges

Die US-Regierung versucht verzweifelt, die Brisanz der veröffentlichten Berichte aus Afghanistan abzuschwächen. Mehr...

Werbung

Werbung

Blogs

Private View Glück oder Tod?

Outdoor Achtung, Pistengeher!

Anzeigen

Die Welt in Bildern

Der Wüstenbesuch: Die britische Premierministerin Theresa May am zweiten Tag des Gulf-Cooperation-Council-Gipfels in Manama, Bahrain. Am diesjährigen Treffen werden regionale Themen, etwa die Situation in Jemen und Syrien, sowie auch die vermeintliche Bedrohung aus dem Iran besprochen. (7. Dezember 2016).
(Bild: Carl Court / Getty) Mehr...