Der Aufstand der Sanftmütigen

Hongkong steht kopf. Brave Menschen wie der Studentenführer Oscar Lai haben ihren Bürgersinn entdeckt. Sie kämpfen für Demokratie und wollen dabei niemandem wehtun. Für Peking sind sie auch deshalb gefährlich.

Klatschen für mehr Freiheit: Demonstranten blockieren auf dem Platz vor dem Hongkonger Regierungsgebäude einen Einsatzwagen der Polizei. Foto: Vincent Yu (Keystone)

Klatschen für mehr Freiheit: Demonstranten blockieren auf dem Platz vor dem Hongkonger Regierungsgebäude einen Einsatzwagen der Polizei. Foto: Vincent Yu (Keystone)

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Er hat sich den Namen Oscar gegeben, Oscar Lai, auf Kantonesisch liest sich das Lai Man Lok. Oscar Lai ist zwanzig Jahre alt, liest gern und leitet Jugendgruppen bei den Pfadfindern, die sich hier «Sea Scouts» nennen: Hongkong ist eine Insel, man ist viel auf dem Meer unterwegs. Oscar Lai hat gerade sein Studium begonnen, er will Sozialarbeiter werden. Oscar Lai ist einer von denen, die Hongkong gerade ins Chaos stürzen, ein «radikaler Extremist», der an den Strippen dunkler ausländischer Mächte an der Unterwanderung des Vaterlandes arbeitet. So liest man das in Pekings Propagandablättern, in der «Global Times» und in der «Volkszeitung».

Oscar Lai trägt eine Brille, aber bei ihm sieht das nicht nach Nerd aus wie bei seinem Kumpel Joshua Wong, sondern chic. Er ist der Mädchenschwarm unter all den Schüler- und Studentenführern, die die letzten Monate ins Licht gespült haben. Oscar ist ein Rebell wie aus dem Poster gestiegen. Er sagt, bei ­allem, was man tue, müsse man an seine Eltern denken: «Wir dürfen ihre Gefühle nicht verletzen.» Hongkongs Eltern sind noch mehr als sonst besorgt um ihren Nachwuchs in diesen Tagen. Oscar ist einer der Anführer von «Scholarism», einer Gruppe von Gymnasiasten, die gemeinsam mit den Studenten den Erwachsenen in Hongkong zeigen, wo es langgeht. Die «Global Times» schreibt, Oscar und Joshua und ihre Freunde stürzten die Stadt ins Chaos. Sie zerstörten die Stabilität. Sie unterminierten Recht und Gesetz. Oscar und seine Freunde entgegnen: «Tut uns leid, aber wenn jemand all diese Dinge Hongkong antut, dann ihr in Peking!»

«Das alte Hongkong ist tot»

Hongkong steht kopf. Wenn diese Tage vorüber sind, wird nichts mehr so sein, wie es war. Im Guten oder im Schlimmen. Die Stadt ist an diesem Montag wie vor den Kopf geschlagen. Es passieren Dinge, die mancher erwartet hatte, denn die Kommunistische Partei Chinas und ihre Statthalter sind in ihren Reaktionen auf jederlei Herausforderung auf geradezu deprimierende Weise berechenbar. Das heisst nicht, dass diese Dinge im Moment ihres Eintreffens weniger schockieren. Weil man das nicht kannte in Hongkong. Weil Hongkong bislang eben nicht wie der Rest Chinas war. «Das ist nicht mehr das Hongkong, in dem wir aufgewachsen sind», sagt Oscar Lai. Er muss gleich noch zum Arzt, in der Nacht hat es ihn am Knie erwischt. «Die Polizei», sagt er.

In der idyllisch gelegenen Universität Hongkongs haben sich zur heissesten Stunde am Montag mehr als eintausend Studenten auf dem Innenhof bei der Bibliothek versammelt. Der Platz ist nach Sun Yat-sen benannt, dem Mann, der 1911 Chinas Kaiser stürzte; er plante seine Revolution einst in Hongkong. Die Sonne brennt, die Studenten sitzen auf dem Boden und beraten über den Unterrichtsboykott, der wieder beginnen soll, ein Meer von schwarzen T-Shirts, auf dem bunte Schirme schaukeln. Schon sprechen einige von der «Sonnenschirm»-Revolution. Die Schirme leisten gute Dienste – gegen die Sonne und das Tränengas. Einige gähnen, viel Schlaf hat keiner hier bekommen. Chloe und Carrie, zwei Studentinnen, beide 23 Jahre alt, waren dabei gestern Nacht. «Ich habe geweint», sagt Chloe. Tränengas? «Nein. Ich habe um unsere Stadt geweint. Das alte Hongkong ist tot.»

Die Nacht zuvor. Der Stadtteil Central. Das Nervenzentrum einer der wichtigsten Finanzmetropolen der Welt. Hier residiert die Regierung. «C. Y. Leung, komm raus!» Leung ist der Regierungschef. Man kann die Rufe schon unten hören, im ­U-Bahn-Schacht, U-Bahnhof Admiralty. Es ist Mitternacht, Tränengas hängt in der Luft. Zum Regierungshauptquartier nimmt man gewöhnlich Ausgang A. Unmöglich, verbarrikadiert. An der Wand ein Stück Pappkarton, ein Pfeil, der zu ­einem anderen Ausgang weist, darauf gekritzelt: «Demokratie – hier lang!» Es ist Mitternacht. Zehntausende Schüler, Studenten, Bürger sind auf der Strasse. Rund um das Regierungsgebäude Spezialtrupps der Polizei. Man belauert sich. Das Ärgste ist zu diesem Zeitpunkt schon vorüber. Erschöpfte Menschen liegen auf der Strasse, in den Parks. Regenmäntel, Atemmasken, Kisten mit Wasser – Freiwillige versorgen Neuankömmlinge mit dem Nötigsten gegen das Gas.

Pekings hysterische Propaganda

Man kennt solche Bilder aus Istanbul, aus Athen. Aber Hongkong ist nicht Athen. Hier gibt es keine linksradikalen Autonomen, die mit Eisenstangen auf Polizisten losgehen. Hongkong ist eine Stadt, in der die Menschen an der Ampel bei Rot stehen bleiben und in deren Einkaufszentren man beim Hineingehen von einer Anzeigetafel gemahnt wird: «Sei zivilisiert!»

Während Occupy-Bewegungen anderswo im Zuge der Finanzkrise hineinmarschierten in den öffentlichen Raum, Plätze mit Zelten verstellten und Parks vollpinkelten, klebten die Hongkonger Occupy-Central-Organisatoren erst einmal den Zusatz «With Love and Peace» an ihren Namen, dann zogen sie sich jahrelang zu Planungen zurück, stets in der Hoffnung, die Regierung werde ihnen noch entgegenkommen. Als es dann ernst wurde, kündigten sie die Besetzung von Central erst einmal für den 1. Oktober an, einen Feiertag, sie wollten die Leute nicht zu sehr stören auf dem Weg zur Arbeit.

Demonstranten räumen Müll weg

Die hysterische Propaganda Pekings, die Etikettierung dieser sehr braven Menschen, die einfach nur ihren Bürgersinn entdeckt haben, als Radikale und Extremisten, könnte man komisch finden, diente sie nicht der Gehirnwäsche der eigenen Bürger, der Impfung gegen das Hongkonger Virus. Hongkonger Demonstranten sind die halbe Zeit damit beschäftigt, ihren Müll wegzuräumen. Dass diese Demonstranten eigene Mülltrenner beschäftigen: selbstverständlich. Keiner wirft einen Stein, keiner wirft eine Flasche, nicht einmal eine aus Plastik. Die Polizei nun rückte gegen die Menge vor, als gehe es gegen Hooligans, sie deckte die Leute mit Tränengas ein, gleich zu Beginn der Proteste, noch am Sonntagnachmittag. Das hatten sie nicht erwartet. Das letzte Mal, dass in Hongkong Tränengaskanister flogen, war 2005, und die trafen südkoreanische Bauern, die gegen die Welthandelsorganisation demonstrierten. «C. Y. Leung, tritt zurück!», skandieren sie nun.

C. Y. Leung, das ist Leung Chun-ying, Hongkongs Regierungschef. Sie rufen ihn auch «689», weil er 2012 mit genau 689 Stimmen in sein Amt gewählt wurde. Das ist nicht viel in einer Stadt mit sieben Millionen Bürgern. Das ist nicht einmal viel bei einem Gremium, in dem 1200 pekingfreundliche Wahlmänner und -frauen sassen. Es reicht aber, um Hongkong zu regieren. Weil Peking es so will.

Eine Wahl, die so frei doch nicht sein soll

2017 wird wieder gewählt. Deshalb sind sie hier auf der Strasse. Wegen dieser Wahl. Weil sie endlich gefragt werden wollen, nach ihrer Stimme. So wie Peking es ihnen 1997 versprochen hatte, als aus der britischen Kronkolonie über Nacht chinesisches Territorium wurde. Grosse Versprechen hatte Deng Xiaoping den Hongkongern damals gegeben: Sie sollten ihre Stadt selbst regieren dürfen – «ein Land, zwei Systeme» hiess die Zauberformel. Eines Tages sollten sie auch ihren Regierungschef frei wählen. 2012 legte sich Peking auf ein Datum fest für diese erste freie Wahl in der Geschichte Hongkongs, 2017 sollte sie stattfinden. Nur: Mit einem Mal soll sie so frei dann doch nicht sein. Im August dieses Jahres entschied der Nationale Volkskongress in Peking, wie die Wahl zu verlaufen habe: Tatsächlich, das ist die gute Nachricht, sollen erstmals alle wahlberechtigten Hongkonger zur Urne gerufen werden. Zur Auswahl aber werden nur Kandidaten stehen, die Peking zuvor für passend befunden hat. «Wahlen wie in Nordkorea?» steht auf einem Banner: «Nein danke!»

Deshalb sind sie hier heute Nacht. «Peking hat uns betrogen», sagt der 28-jährige Alan: «Und C. Y. Leung spricht nicht einmal mit uns.» Um 1.30 Uhr am Morgen die Nachricht: Der Regierungschef hat gesprochen. Er hat abgelesen: Alle sollen nach Hause gehen. «Sonst wird der Verkehr blockiert, und die Menschen können morgen früh nicht zur Arbeit gehen.» Mehr hat er nicht zu sagen. «Siehst du, er hört uns nicht einmal zu. Er führt einfach die Befehle Pekings aus. Was sollen wir mit so einem?» 
Alan ist Geschäftsmann, Import-Export, er verbringt viel Zeit in Shenzhen, der Nachbarstadt Hongkongs auf der anderen Seite der Grenze: «Dort erfährst du in den Medien kein Wort über die Proteste hier. Sie schauen dort Hongkonger Fernsehen, aber wenn die Nachrichten kommen, wird der Bildschirm schwarz. Ich will nicht, dass Hongkong wird wie Shenzhen.» Sie sind zu zehnt, junge Männer, junge Frauen, sitzen auf dem Asphalt der achtspurigen Strasse, als hätten sie sich zum Picknick versammelt.

Rebellion gegen die Korruption

Es ist ein ungleicher Kampf. Der kleine Flecken Hongkong gegen die Weltmacht China. Ein paar Tausend Bürger gegen die Herrscher eines 1,3-Milliarden-Volkes. «Ein Baby gegen einen Gorilla», so sieht es der Politikprofessor Joseph Chan. Glaubt ihr, dass eure Proteste Erfolg haben werden? «Nein.» Die zehn Freunde rufen das wie aus einem Mund. Nein? Warum seid ihr dann hier? Warum kämpft ihr? Alle durcheinander: «Ich will nicht eines Tagen aufwachen und es bereuen, dass ich es nie versucht habe.» – «Warum sonst leben?» – «Es ist unsere letzte Chance.» – «Wir brauchen Hoffnung. Wenn kein anderer sie uns gibt, dann schaffen wir sie uns selbst.» – «Hongkong ist die letzte Bastion der Freiheit auf chinesischem Boden.» Alan erzählt von einem chinesischen Studenten, den er in Shenzhen getroffen habe. «Kämpft für uns», habe der Student ihm gesagt: «Erkämpft einen Rest an Würde für uns Chinesen.»

Davor hat Peking Angst: Hongkong als Vorbild für den Rest von China. «Sie fürchten nichts mehr als eine Farbenrevolution wie in der Ukraine oder anderswo», sagt Chan Kin-man, Soziologieprofessor und einer der Gründer von Occupy Central. Auch deshalb rechnet kaum einer damit, dass Peking nachgibt. Sie denken hier viel an den 4. Juni 1989, jene Nacht, in der in Peking die Panzer die Nacht zum Zittern brachten und die Träume der Studenten und Bürger unter sich begruben.

Kein Zufall

Der Mythos vom apolitischen Hongkonger, der sich allein um seinen Geldbeutel kümmert, das war immer eine grosse Lüge. In den 1950er- und 1960er-Jahren, der chinesische Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Nationalisten war gerade vorbei, gingen sich in der Stadt beide Lager regelmässig an die Gurgel. Das Wirtschaftswunder, das dann kam, half, die alten Konflikte zu verdrängen. Aber ein Zufall ist es nicht, dass die Bürger der Stadt ihr gesellschaftliches Engagement ausgerechnet nach der Rückkehr zu China neu entdeckten: Unter den Engländern hatten sie ihre Freiheit auch ohne Demokratie genossen.

Nach 1997 merkten sie dann, dass das eine ohne das andere nicht garantiert ist. Hinzu kam die Desillusionierung über die Regierungschefs von Pekings Gnaden. Nepotismus und Korruption haben Einzug gehalten. Die Hongkonger waren immer stolz auf ihre effiziente und saubere Verwaltung, die zentral war für den Aufstieg unserer Stadt: «Nun haben wir das Gefühl, die Korruption zerstört die zentralen Werte, das Herz Hongkongs ist krank.» Die Kluft zwischen Arm und Reich ist explodiert. Auch deshalb steht die Jugend nun vorn. «Wir haben keine Hoffnung. Wir haben keine Zukunft», sagt Oscar Lai.

Mit «Donnerschlag» gedroht

Die Alten sind müde, die Veteranen des demokratischen Lagers in Hongkong haben lange gekämpft, ohne je belohnt zu werden. Sie machen jetzt Platz für Oscar Lai und die anderen. Oscar Lai sagt, er liebe Hongkong so sehr, dass er als Schüler nicht mal einem Auslandsjahr zustimmte, das seine Eltern schon für ihn geplant hatten. «Ich will hier nicht weg. Ich will dabei sein, nichts verpassen von der Entwicklung Hongkongs.» Am Mittwoch ist der chinesische Nationalfeiertag: der 1. Oktober. «Die Proteste werden noch grösser werden», sagt Oscar Lai. Wie wird Peking reagieren? Der ehemals für Hongkong zuständige Beamte Chen Zuo’er warnte, wenn die Proteste zu weit gingen, werde ein «Donnerschlag» auf Hongkong niedergehen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.09.2014, 23:40 Uhr)

«Wir haben keine Hoffnung. Wir haben keine Zukunft.»
Oscar Lai, Protestführer

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Studentenproteste in Hongkong

Studentenproteste in Hongkong Studenten gehen in Hongkong für ihre Forderung nach freien Wahlen auf die Strasse.

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