Die Schweizer Helfer der syrischen Revolution
Von Mario Stäuble. Aktualisiert am 11.02.2012 56 Kommentare
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Der junge Araber trägt einen schwarzen Rollkragenpullover. Er hat eine Marlboro im Mundwinkel und giesst sich gerade einen Tee ein, den er mit seinem Gaskocher aufgebrüht hat. Dann richtet er seinen Blick wieder auf das Display seines verstaubten Laptops und beginnt, abgehackt zu tippen. Rami al-Shami* ist ein syrischer Revolutionär, und seine Basis ist die Stube einer Parterrewohnung in Dietikon, Kanton Zürich.
Auf dem Bildschirm hat er ein Dutzend Fenster geöffnet – Chaträume, Facebook, Skype-Kontakte, Arabisch, Englisch, Deutsch, alles durcheinander. «Die sind von heute», sagt er und ruft einige Videos aus der Stadt Homs auf. Zu sehen sind in schneller Abfolge: ein schreiender Mann, dem ein Projektil das Kinn zerschmettert hat. Eine tote Frau mit weggesprengten Beinen. Die Leiche eines Babys, das von Trümmern erdrückt wurde. Shamis Augen werden immer noch feucht beim Betrachten der Bilder, obwohl er sich schon durch Hunderte solcher Videos geklickt hat. Leise sagt er: «Die Armee schiesst Raketen in die Stadt, ohne zu zielen. Sie glauben, wir werden aufhören, uns zu wehren, wenn genug von uns sterben. Aber wir werden niemals einbrechen.»
Der Bürgerjournalist
Der 31-jährige Shami pendelt zwischen der Schweiz und Syrien hin und her. Die Grenzen stehen ihm offen, weil er seit drei Jahren mit einer Schweizerin verheiratet ist. In Dietikon begann er, eine Firma aufzubauen. Die hat er inzwischen aufgegeben. Es gibt Wichtigeres zu tun. Tag und Nacht sitzt er an seinem Computer, er bildet eine Art Schnittstelle zwischen Aufstand und Öffentlichkeit. Über Skype und sein Mobiltelefon spricht er mit den Aktivisten in Syrien. Er sammelt Berichte und Videos, die diese ins Internet gestellt haben. Dann verteilt er sie weiter, indem er sie auf Facebook-Gruppen postet, in News-Gruppen einfügt oder an Fernsehstationen wie al-Jazeera weiterschickt. Wenn er nicht im Netz aktiv ist, sammelt er bei Bekannten Geld. Mit der Hilfe seiner Frau schickt er Kleider in syrische Flüchtlingslager im Grenzgebiet zur Türkei. Ebenso lässt er Satellitentelefone und Kameras über die Türkei und den Libanon ins Land schmuggeln. «Das Wichtigste ist, dass wir der Welt zeigen können, was vor sich geht», sagt Shami.
Zu Beginn des Aufstands ist er selbst ein Demonstrant gewesen, in Damaskus, an der Spitze der Bewegung. «Wir haben im Februar damit begonnen, ‹Freiheit!› an Hauswände zu sprayen und Flugblätter zu drucken», sagt er. Das wurde immer gefährlicher – als Arabischlehrer von ausländischen Studenten und Sohn eines reichen Unternehmers war er seit Jahren auf dem Radar der Geheimdienste. Regelmässig wurde er verhaftet und verhört. Wenn den Beamten seine Antworten nicht passten, misshandelten sie ihn, schlugen ihm mit einem Gewehrkolben Schneidezähne heraus, drückten brennende Zigaretten auf seinen Unterarmen aus. «Sie warfen mir vor, dass ich mit ausländischen Terroristen Kontakt hätte. Wahlweise auch, dass ich selbst Terrorist sei oder dass ich für Israel spionierte.» Kurz bevor die Protestbewegung im März hochkochte, beschloss Shami, Syrien zu verlassen. «In der Schweiz bin ich sicherer. Hier nütze ich mehr.»
Tawfik Chamaa kann sich nicht so einfach zwischen alter und neuer Heimat entscheiden. Der 52-Jährige ist der bekannteste syrische Regimekritiker in der Schweiz. Seine Landsleute nennen ihn nur «Le docteur». Der Allgemeinmediziner kam vor 32 Jahren nach Genf, weil er sich schon 1979 gegen das Regime aufgelehnt hatte, damals noch gegen Hafiz al-Assad, den Vater des heutigen Präsidenten. Seither verweigert ihm die Regierung die Einreise nach Syrien. Chamaa ist politisch und humanitär aktiv. Er organisiert Demos und Konferenzen, schreibt Protestbriefe an den Bundesrat, tritt im Fernsehen auf. Befreundete Ärzte schicken ihm Medikamente, die er in Koffer packt und nach Syrien weiterleitet: «Die medizinische Versorgung im Land ist katastrophal. Selbst das Rote Kreuz wird vom Regime bei seiner Arbeit behindert.»
Angst um die Familie
Die syrische Protestbewegung in der Schweiz ist klein. Obwohl laut Bundesamt für Statistik rund 2500 Syrer im Land leben, sind schon 40 Demonstranten vor dem russischen Konsulat in Genf für Tawfik Chamaa ein Erfolg. Aktivisten gebe es noch weniger. «Wir sind 10, vielleicht 20 Personen, und nicht alle kennen sich.» Das habe damit zu tun, dass viele Schweiz-Syrer nach wie vor das Regime unterstützten, weil deren Familien von alten Privilegien profitierten.
«Le docteur» hat einen Verein gegründet, um die Opposition zu bündeln: l’association des Démocrates syriens, die Vereinigung der demokratischen Syrer. Heute Samstag findet in Vevey die erste Vollversammlung statt, Chamaa hofft auf 200 Teilnehmer. Rami al-Shami weiss noch nicht, ob er hingehen wird. Er befürchtet, dass der Geheimdienst an seiner Familie in Syrien Vergeltung übt, wenn er sein Gesicht an einer solchen Veranstaltung zeigt. Auch in der Schweiz habe die Regierung ihre Spitzel – wie in Deutschland. Dort wurden diese Woche zwei Männer verhaftet, die Exilsyrer bedroht haben sollen. Und Aussenminister Guido Westerwelle verwies vier syrische Diplomaten des Landes, weil sie Oppositionelle ausspioniert hatten.
Auch Tawfik Chamaa rechnet damit, bedroht zu werden. Als Arzt habe er zwar einen gewissen Schutz: Würden die Geheimdienstleute ihn attackieren, käme das selbst bei den Assad-Befürwortern schlecht an. «Aber am Ende ist es mir egal. Ich mache so oder so weiter.»
* Name geändert
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.02.2012, 12:27 Uhr
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56 Kommentare
...nach den Tamilen, den Kurden, fundamentalistischen Algeriern und den Libyern (und noch einigen anderen Provenienzen) benutzen also auch die Syrier, bestens ausgestattet mit Sozhilfe und NGO-Unterstützung, die Schweiz als Basis für ihre Kriege und derer Finanzierung. ist das im Sinne unserer Gesetze, unseres Bundesrates und von uns Steuerzahlenden? Antworten
Dass Asylsuchende dem Asylland keine Wertschätzung zollen, zeigen diese Beispiele deutlich. Wir wollen nicht, dass immer mehr Konflikte hier ausgetragen werden. Wer sich nicht integrieren will soll abhauen und die Konflikte im eigenen Land austragen. Antworten
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