Die Versuchsmenschen von Kasachstan

Von . Aktualisiert am 18.09.2009 9 Kommentare

Leukäme, Missbildungen, Suizid: Jahrzehnte nach den sowjetischen Atomtests sterben die Anwohner des ehemaligen Testgeländes noch immer einen leisen Tod. Eine Magazin-Reportage von Andreas Albes.

Die Nachwirkungen halten an: Der erste sowjetische Nukleartest in Semipalatinsk, 1953.

Die Nachwirkungen halten an: Der erste sowjetische Nukleartest in Semipalatinsk, 1953.

In Semipalatinsk nennen sie Berik den «Mann ohne Gesicht». Aber das stimmt nicht. Man muss nur genau hinschauen. Da ist der kleine Mund, der herzlich lachen kann, und das linke, obere Augenlid, das zwar zugewachsen ist, aber auf und ab hüpft, wenn Berik sich freut. Doch die meisten Menschen sehen nur die vielen Wucherungen, von denen die grösste von der rechten Stirnseite bis zum Kiefer reicht. Wenn Berik sich Schweiss abwischt, muss er den Hautlappen anheben. Anschliessend lässt er ihn mit dem Geräusch einer Ohrfeige zurück auf die Wange klatschen.

Es ist Nachmittag. Draussen weht der Nordostwind den Staub der kasachischen Steppe in die Stadt. Berik sitzt auf dem Bett und schaukelt mit den Beinen. Er hat ein paar Stunden auf seinem Elektroklavier geklimpert und «Jingle Bells» geübt. Die Melodie lief so oft im Radio, dass er sie eines Tages nachspielte. «Happy Birthday» kann er auch. Ansonsten war er sechsmal im Treppenhaus, eine rauchen.

So etwas wie Familienleben beginnt für Berik erst nach zwanzig Uhr. Dann kehrt seine Mutter vom Basar heim, wo sie Kaugummi und Cola verkauft. Später kommen seine Schwägerin und sein Bruder, der als Wachmann arbeitet. Sie alle teilen sich die winzige Dreizimmerwohnung. Im Januar wurde Berik dreissig. Er hat nie schreiben oder rechnen gelernt, geschweige denn, Blindenschrift zu lesen. Dafür kann er erklären, was Rente ist, weil seine Mutter ständig klagt, dass ihre nicht reicht. Berik weiss vieles, weil er das wenige, was um ihn herum passiert, begierig aufsaugt. Nur was eine Atombombe ist, weiss Berik nicht. Dieses Thema ist tabu zu Hause. Dabei ist die Bombe an allem schuld.

Die 340'000-Einwohner-Stadt Semipalatinsk liegt im Nordosten Kasachstans, unmittelbar an der Grenze eines ehemaligen Atomtestgeländes der UdSSR. «Polygon» heisst es auf Russisch. Vor sechzig Jahren, am 29. August 1949, explodierte hier die erste sowjetische Atombombe, Sprengkraft: zwanzig Kilotonnen. Bis 1989 wurden auf dem Polygon 113 über- und 348 unterirdische Atomtests durchgeführt. Auf einer Fläche von 300 000 Quadratkilometern, einem Neuntel Kasachstans, ging der radioaktive Niederschlag von 2500 Hiroshima-Bomben nieder. Um die Menschen scherten sich die Politbonzen in Moskau dabei nicht — im Gegenteil, sie benutzten sie als Versuchsobjekte.

Herrscherin der Akten

Professor Nailia Tschaischnusowa hat es eilig. Eine Konferenz mit Wissenschaftlern aus Japan muss vorbereitet werden, Gewebeproben warten auf ihren Versand, und jeden Moment müssten ihre «Scouts» zurück sein, die ständig nach neuen Strahlenopfern suchen. Deren Zahl wird mal mehr, mal weniger; momentan nimmt sie dramatisch zu. Die zierliche Ärztin rennt so hektisch auf und ab, dass ihr die grosse lila Brille ständig von der Nase rutscht. Ihr Büro liegt in einem Nebentrakt des Instituts für Radiologie, ein gelber, unscheinbarer Bau. Früher hiess es «Dispensarium Nr. 4» und war wohl der geheimste Ort der Sowjetunion. Hier werteten Forscher des Kreml die Ergebnisse ihrer Menschenversuche aus.

Heute ist Tschaischnusowa Herrscherin über die einst hoch geheimen Akten, zumindest über jene, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht vernichtet wurden: Berge von vergilbtem Papier, die sich um ihren Schreibtisch türmen. Seit 1984 arbeitet Tschaischnusowa hier. Als sie die Stelle bekam, war sie dreissig, eine junge Assistenzärztin, Mitglied der Partei. Von den finsteren Geheimnissen des Dispensariums hatte sie keine Ahnung. Es war einfach irgendein Institut — und das Beste: Es lag in ihrer Heimatstadt. «Natürlich begriff ich sofort, was hier vor sich ging. Aber niemand fühlte sich schuldig. Wir haben die Bomben ja nicht gezündet.»

«Sie wollen wissen, was Radioaktivität ist?», fragt Tschaischnusowa und legt ein orangefarbenes Fotoalbum vor sich auf den Tisch. «Radioaktivität ist mächtiger als alles, was Sie sich vorstellen können.» Sie schlägt das Album auf. Die ersten Bilder sind schwarz-weiss und wurden vor Jahrzehnten aufgenommen, die letzten vor wenigen Wochen. Sie zeigen Kinder ohne Arme, ohne Unterschenkel, ohne Ohren, einem Jungen fehlt der Penis, einem anderen die ganze Schulter, sodass sein Arm wie bei einer Puppe herunterbaumelt. Manche haben vom Unterleib an keine Haut auf dem Fleisch. Der Körper eines Mädchens ist mit Melanomen übersät. Die Bilder zeigen Köpfe, flach und riesig wie aus einem Sciencefiction-Film. Die Körper der Kinder wurden zerstört von Jod 131, Cäsium 137, Strontium 90 — nukleare Spaltprodukte, die sich im Knochenmark, in den Zähnen, den Schilddrüsen ablagern; sie schädigen das Erbgut, verhindern die Blutbildung, setzen das Immunsystem ausser Kraft.

147'000 Personen hat Professor Tschaischnusowa in ihrer Datenbank, 30'000 sind bereits tot. Ein Phänomen in der Region sei die hohe Selbstmordrate, erklärt sie. Bis zu 47 Suizide pro 10'000 Einwohner, darunter viele Jugendliche, sogar Kinder. «Offensichtlich gibt es da im Gehirn eine biochemische Reaktion, die wir noch nicht entschlüsselt haben.»

«Seine Augen waren riesig»

Es ist kurz vor acht, als Beriks Mutter mit zwei schweren Tüten die Eisentreppe zu ihrer Wohnung hinaufstapft. Sie hat Milch, Reis und Hammelfleisch mitgebracht. Seinelchan Sysdikowa wird bald siebzig, in ihrem runden, dunklen Gesicht blitzen schwarze Augen, um ihren kräftigen Körper hat sie eine Schürze gewickelt. Erschöpft sinkt sie auf einen Hocker in der Küche. Dann kocht sie Tee auf einer Elektroherdplatte, die auf dem Boden steht.

Wie war das, als Sohn Berik geboren wurde?

«Wie schon? Normal. Ich habe ihn im Kreisssaal zur Welt gebracht wie seine neun Geschwister.» Sie lächelt kurz. «Mit dem Orden für Heldenmütter wurde ich ausgezeichnet.»

War gleich klar, dass mit Berik etwas nicht stimmte?

«Seine Augen waren riesig.» Sie formt mit den Fingern einen Kreis, gross wie ein Eurostück. «So etwa.» Geweint habe er viel. Ob er je sehen konnte, wisse sie nicht. «Mit sechs wurde sein rechtes Auge entfernt. Danach waren die Schmerzen besser, aber die Wucherungen begannen.» Nun seien ständig Ärzte aufgetaucht. Manchmal dreimal die Woche. Sie hätten Blut- und Urinproben genommen und Berik irgendwelche Substanzen gespritzt. «Aber an seinem Zustand änderte sich nichts.»

Hatten Sie eine Ahnung von der Strahlung?

«Nein, wir wussten nichts. Ausserdem hatten wir immer viel Arbeit. Mein Mann und ich, wir waren Hirten. 700 Schafe von der Sowchose in Snamenka. Von Frühjahr bis Herbst lebten wir im Freien und schliefen in einer Jurte mit den Kindern.»

Auf dem Polygon?

«Überall. Manchmal kamen Soldaten und sagten, wir sollten uns unter einem Teppich verstecken. Wodka haben sie mitgebracht. Aber wir trinken ja nicht, wir sind Muslime. Dann kamen die Explosionen, und die Erde hat gebebt.»

Haben Sie jemals einen Atompilz gesehen?

«Zweimal, wenige Tage hintereinander. Es war irgendwann im Herbst. Ich hatte ein Baby im Bauch.»

Was dachten Sie, was da passiert?

«Nichts habe ich gedacht.»

Aber irgendetwas denkt man doch, wenn auf einmal der Himmel glüht und eine riesige Wolke aufsteigt?

«Über Armeezeug hat man besser nicht nachgedacht.»

Ihr Mann?

«An Krebs gestorben.»

Und Ihre acht anderen Kinder? Alle gesund?

«Natürlich gesund!» Beriks Mutter steht auf und geht aus der Küche. Als sie zurückkommt, sind ihre Augen rot und ihre Wangen feucht. Sie bittet uns zu gehen.

30 Liter Milch pro Monat

Für die Gesundheitsbehörden gilt Berik offiziell nicht als Strahlenopfer, lediglich als «Invalide ersten Grades». Seine Invalidenrente beträgt 18'320 kasachische Tenge, 87 Euro; als Strahlenopfer bekäme er zehn Euro mehr. Die scheinbar kleine Summe bedeutet für die Familie dreissig Liter Milch. Für die Regierung ist es eine Frage von Millionen, ob mehrere hunderttausend Menschen als Strahlenopfer einzustufen sind, was westliche Experten schätzen, oder «allerhöchstens einige zehntausend», wie das Nationale Nuklearinstitut versichert. Moskau hat an Kasachstan nie einen Rubel Entschädigung gezahlt.

Das Zentrum für ambulante Betreuung behinderter Kinder ist auf zwei Etagen in einem maroden Plattenbau mit feuchten Wänden untergebracht. Es existiert seit fünf Jahren. Zum Glück sei sie früher Sekretärin beim Komsomol gewesen, sagt Direktorin Rimschan Tinisowa, da habe sie gelernt, ohne Geld auszukommen. Derzeit renovieren Eltern die Räume. «Bei uns machen es die Menschen dem Staat leicht», erklärt Tinisowa. «Wer ein behindertes Kind hat, stellt keine Forderungen, er versteckt es. Aus Scham.»

Falsche Fürsorge

Es mangele an Aufklärung, viele Familien würden nicht begreifen, dass auch ein spastisch Gelähmter Bewegung braucht, wenn er nicht ganz ans Bett gefesselt sein soll. Und dass sich Downsyndrom-Kranke natürlich zu selbstständigen Wesen entwickeln können, wenn man sie entsprechend fördert. «Falsche Fürsorge ist ein grosses Problem.» Manche Mütter teilten mit ihren behinderten Kindern das Bett und würden ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen. «Wir erleben Jungen und Mädchen, die nicht in der Lage sind, einfachste Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Freude oder Trauer auszudrücken.»

Tinisowa ist 56 und war Ingenieurin bei der Stadtverwaltung. Sie ist auf ihren Posten gerutscht, weil Kollegen ihr «ein grosses Herz» nachsagten. Pädagogisch geschultes Personal lässt sich kaum auftreiben. Zu Tinisowas Team gehört eine Psychologin, der Rest sind Juristen. Was auch sein Gutes habe, meint sie. Denn die Bürokratie sei unbarmherzig. Die Mutter eines gelähmten Jungen stellte kürzlich einen Antrag auf eine rollstuhlgerechte Brücke über eine Fernwärmeleitung. Zum Ortstermin rückten drei Beamte an. Am Ende wurde der Antrag abgelehnt: Der Abstand eines rollstuhlgerechten Überweges zu den links und rechts gelegenen Treppen sei zu gering, um die Investition zu rechtfertigen.

Nicht selten geben Eltern ihr behindertes Neugeborenes gleich ins Kinderheim an der Gagarinstrasse. Oder sie legen es einfach im Morgengrauen auf die Türschwelle. Jene Jungen und Mädchen, deren «Defekte sich in Grenzen halten», wie Schwester Brombaewa es ausdrückt, hätten so immerhin die Chance auf Adoption durch eine ausländische Familie aus dem Westen. Kasachen würden grundsätzlich keine behinderten Kinder adoptieren. «Wer braucht die schon bei uns?» Für Ausländer, oftmals solche, die zu Hause ob ihres Alters als Adoptionseltern ausscheiden, ist Semipalatinsk so etwas wie die letzte Chance. Drei Agenturen mit Namen wie «Little Miracles» sind der Grund, warum man in der Stadt ständig Amerikanern, Holländern und auch Deutschen begegnet.

Neuer Name, altes Leid

Es ist der 18. Juni, ein besonderes Datum für Semipalatinsk, es markiert den letzten Atomtest vor zwanzig Jahren. Zur Gedenkfeier wird Präsident Nursultan Nasarbajew erwartet. Er kommt aus Astana eingeflogen, Kasachstans künstlich aus dem Boden gestampfter Hauptstadt mit ihren Glastürmen, die das Land dank seines Ölreichtums finanziert. Astana hat die einzige behindertengerechte Buslinie des Landes. Sie führt am Parlament vorbei.

In Semipalatinsk wurden für den Präsidenten über Nacht Strassen neu asphaltiert und Bordsteine weiss getüncht, alle fünfzig Meter steht ein Polizist. Nasarbajew ist schon seit der Perestroika im Amt. Er liess das Polygon vor achtzehn Jahren schliessen und Kasachstans Atomraketen verschrotten. Um halb eins rollt sein Konvoi aus schwarzen Limousinen vor das Denkmal für die Strahlenopfer. Es steht abseits in einem Park, ein gigantischer Granitblock mit einem Loch in Form eines Atompilzes. Hunderte Studenten, abkommandiert von ihren Instituten, haben sich versammelt, junge, gesunde Menschen; auf ihren Plakaten steht: «Mit Nasarbajew in eine atomwaffenfreie Zukunft!» Kranke und Behinderte wurden nicht eingeladen.

In seiner Rede ruft Nasarbajew die USA auf, seinem Beispiel zu folgen und alle Nuklearwaffen zu vernichten. Die Veranstaltung ist kein Gedenken an die Opfer. Der Präsident feiert sich selbst. Während man ihm zuhört, erscheint klar, warum Kasachstan das wahre Ausmass der Katastrophe ignoriert. Es möchte in der Welt nicht als Land der Strahlenopfer dastehen. Vor zwei Jahren entschied Nasarbajew, dass Semipalatinsk nur noch «Semey» heissen soll, damit man beim Klang des Namens nicht länger an Leid und Elend denkt.

Die Amerikaner brachten Beton

Am nächsten Morgen, der Präsident weilt wieder in Astana, ist Berik schon um acht aufgestanden. Er hat sich über einer Zinkwanne rasiert und die Klinge geschickt durch sein Gesicht geführt, dann hat er sein Aftershave «Man 212» aufgelegt, das er bei seiner Mutter auf dem Basar gekauft hat. Seine beste Hose trägt er auch, sie ist aus braunem Flanell und zu gross für seinen gedrungenen Körper, weshalb er die Hosenbeine ein paar Mal hochgekrempelt hat. So steht er nun auf dem Parkplatz und spielt schon voller Vorfreude mit dem Autoschlüssel unseres Fahrers Jeldos.

Wir wollen nach Snamenka, jenes Dorf, in dem Berik aufwuchs. Siebzig Kilometer über staubige Pisten voll tiefer Schlaglöcher, geradewegs aufs Polygon zu. Niemand weiss zu sagen, wie verseucht das ehemalige Testgelände heute ist. 2003 liessen die Amerikaner eine fussballfeldgrosse Fläche zubetonieren, weil das Erdreich so belastet war, dass die US-Regierung fürchtete, Terroristen könnten eine Bombe daraus bauen.

Snamenka hat etwa 2000 Einwohner, von denen bei unserer Ankunft keiner zu sehen ist. Berik verbrachte hier oft die Wintermonate, wenn seine Eltern die Steppe verlassen mussten und ihre Schafe im Stall standen. Meistens eine traurige Zeit. Die Nachbarskinder wollten nichts mit Berik zu tun haben, und wenn Gäste kamen, sperrte ihn eine ältere Schwester in ein Zimmer.

Bei seiner Tante Katja setzen wir uns auf bunte Kissen im Wohnzimmer. Ihr Mann hockt auf einem Schemel, starrt dumpf zu Boden, wie immer, seit er mit fünfzig einen Schlaganfall erlitt. Sie erzählt, dass die meisten Dorfbewohner von dem leben, was in ihren Gärten wächst, von Schafzucht und von den Fischen, die sie aus dem «Atomsee» angeln. Der heisst so, weil er 1965 durch eine unterirdische Explosion entstand. Katja seufzt. Vor drei Jahren habe sich der Sohn ihrer Nachbarin umgebracht. Er sei in die vierte Klasse gegangen, ein guter Junge, nur beste Noten. Seine Mutter habe ihn ins Haus geschickt, damit er sich eine Jacke anziehe. Als er nicht zurückkam, sei sie nachsehen gegangen. Sie fand ihn erhängt an einem Heizungsrohr.

Eine kleine Poliklinik hat Snamenka auch. Im Eingang warnt ein grosses Plakat vor Ansteckungsrisiken der Vogelgrippe. Von Radioaktivität ist nichts zu lesen. Das modernste Gerät ist ein Telefon mit Wählscheibe auf dem Schreibtisch von Chefärztin Gulsada Isbekowa. Stationäre Patienten gibt es nicht. Wenn jemand ernsthaft erkranke, erklärt Isbekowa, rufe sie in der Stadt an, die schickten dann einen Spezialisten, der komme nach einer Woche. Lautet die Diagnose «Krebs im fortgeschrittenen Stadium» — und das tut sie oft —, informiere man nur die Angehörigen. «Wozu den Patienten unnötig belasten?»

Warum die Leute nicht wegziehen? Isbekowa beugt sich über ihren Schreibtisch. «Wohin denn? Siebzig Kilometer weiter in die Stadt? Dann sterben sie eben da.»

Die Gepäckdurchleuchtung strahlt

Doktor Isbekowa war die Erste, die Beriks Wucherungen behandelte. Sie punktierte sie, doch ausser einer schmierigen rosa Flüssigkeit lief nichts heraus. Nachdem die Atomtests verboten wurden und Mitte der Neunzigerjahre erstmals Journalisten aus dem Westen das Polygon betraten, berichtete ein italienisches Fernsehteam über Berik. Er wurde nach Italien eingeladen, wo ihn Ärzte operierten. Das ist zwölf Jahre her. Die Mediziner erklärten, bei den Hautlappen handle es sich um Tumore, die durch Mutation des Erbmaterials entstehen könnten. Mit 25 würden die Wucherungen aufhören. Und tatsächlich wuchs das Geschwulst in Beriks rechter Gesichtshälfte nicht weiter. Dafür werden die Tumore auf der linken Seite immer dicker.

Auf dem Rückweg erzählt Berik, dass er mit uns nach Deutschland möchte, und er will wissen, ob es in Deutschland auch Schwimmbäder gibt. In Italien habe er in einem grossen Pool gebadet, das sei das schönste Erlebnis seines Lebens gewesen. Sein linkes Augenlid hüpft vor Freude auf und ab. Zum Abschied besteht er darauf, uns noch ein Konzert zu geben. «Jingle Bells» und «Happy Birthday». Als wir ins Taxi steigen, steht Berik allein auf dem Parkplatz und raucht.

Wenig später stehen wir am «Semey Airport». Ein gelbrotes Schild warnt vor radioaktiver Strahlung. Es klebt an der Gepäckdurchleuchtung, in die wir unsere Taschen schieben.



Lesen Sie das ganze «Magazin»: www.dasmagazin.ch (Das Magazin)

Erstellt: 18.09.2009, 13:58 Uhr

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9 Kommentare

Ueli Arm

18.09.2009, 11:45 Uhr
Melden

Das sind Verbrechen an der Menschheit, wenn man sie nicht auf dieser Welt zur Rechenschaft ziehen kann, dann in der nächsten Welt, mit Sicherheit. Trotz allem, die Menschen sind in einem unübertroffen, Unheil, Gewalt und Massenvernichtung. Dieser Artikel un die Fotos aus google haben mich tief bewegt und schockiert, trotz allem geht es immer noch weiter, mit neuen Bedrohungen und Leid. Antworten


Reto Keller

18.09.2009, 12:03 Uhr
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Erschütternder Bericht - unfassbar! Aber auf der UBS rumhacken können oder das Ausreiseverbot von 2 Leuten in Libyen ist ja viel wichtiger. Antworten



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