Ausland

Die neue Leitmacht

Von Christoph Neidhart. Aktualisiert am 23.08.2010 8 Kommentare

Die Volksrepublik China hat Japan wirtschaftlich überholt. Das hat Folgen für ganz Fernost.

Chinas Wirtschaft wächst in den Himmel: Auf dem Bild feiern chinesische Arbeiter ein Firmenfest.

Chinas Wirtschaft wächst in den Himmel: Auf dem Bild feiern chinesische Arbeiter ein Firmenfest.
Bild: Reuters

China hat Japan überholt. Das Riesenreich ist nun die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt. Und während Nippon nach einigen Quartalen Wachstum wieder schwächelt, stampft das Reich der Mitte voran. Der Rangtausch ist so sehr ein Scheitern Japans wie ein Erfolg Chinas. Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas in den letzten zwanzig Jahren ist kein isoliertes Phänomen. Die gesamte Region hat an Gewicht gewonnen. Der Aufschwung begann mit dem Wiederaufbau Japans nach dem Zweiten Weltkrieg, setzte sich in Taiwan und Südkorea fort, verhalf später Thailand, Malaysia, Indonesien und dann Vietnam zu raschem Wachstum und zog schliesslich China mit.

Untrennbar mit dem Aufstieg verbunden ist eine immer engere wirtschaftliche Integration der Region. Mit seinem gesteuerten Kapitalismus – auf der Makroebene eine rigide Planwirtschaft, an der Basis ein freier Markt – bot Japan der Region nicht nur das Modell, es leistete auch einen grossen Teil der Investitionen für den Aufstieg. Was sich für das ständig höher entwickelnde Japan nicht mehr lohnte, selber zu produzieren, lagerte es in Nachbarländer aus, um sich auf lukrativere Aufgaben zu konzentrieren.

Japan schwächelt

Dieser Strategie folgten alle Länder Ostasiens. Heute verschieben Taiwan und Südkorea, die auch mit der Herstellung von T-Shirts begannen, ihre Halbleiter-Produktion nach China. Der japanische Ökonom Kaname Akamatsu hat in dieser Integration unterschiedlich entwickelter Volkswirtschaften aufsteigende Wildgänse gesehen. Die stärkeren ziehen die schwächeren nach. Experten haben Akamatsus Bild als reine Metapher kritisiert. Aber als solche ist es träf.

Japan war in diesem Bild die unbestrittene Leitgans; das hat auch China nie bestritten. Doch die Leitgans lahmt und sperrt sich gegen eine Integration. Während die japanischen Unternehmen sich eng mit China und den andern Nachbarn vernetzen, hat Tokio sich bisher geweigert, dieser Vernetzung einen politischen Rahmen zu geben. China hat viel von Japan gelernt. Doch die verschiedenen Regierungen in Tokio haben es verpasst, daraus Kapital zu schlagen und die enger werdenden Verbindungen zu institutionalisieren.

China wird den Vorsprung nicht mehr abgeben

Japan wird noch lange die führende Industrienation Asiens bleiben, etwa als Werkzeugmaschinen-Hersteller. Aber China holt schnell auf. Bald wird es Japan als Lehrmeister nicht mehr brauchen, während umgekehrt Japan auf China als Kunde immer mehr angewiesen ist.

Die Nachricht, China habe Japan überholt, ist eine eher zufällige Wegmarke, gestützt auf die amtliche Statistik und abhängig vom Dollarkurs und andern Faktoren. Aufs Quartal gerechnet, war Chinas Wirtschaft schon früher gelegentlich grösser. Jetzt jedoch wird es den Vorsprung nicht mehr abgeben.

Rechnet man auch die Schattenwirtschaft mit, dürfte China Japan sogar längst überholt haben. Das wäre auch der Fall, wenn China seine Währung gegenüber dem Dollar aufgewertet hätte. Ohne Finanzkrise dagegen hätte China länger warten müssen.

Nicht zu stoppen

In ihren Wirtschaftsstrukturen sind sich Japan und China nicht so verschieden, wie es das Klischee will. China ist ein neues Japan, nur grösser und noch weniger demokratisch. Aber auch Nippon entwickelte sich einst um jeden Preis und schadete damit der Umwelt schwer.

Anderseits erwirtschaften die Japaner trotz zwei Jahrzehnten Krise mit einem Zehntel der Bevölkerung Chinas noch fast das gleich grosse Bruttoinlandprodukt. Doch die Bewegung zu Chinas Gunsten ist nicht zu stoppen. Und anders als Japan weiss China, wohin es will.

Japan ist im Zugzwang

Die japanische Politik hingegen hat längst keine Rezepte mehr. Das Steuersystem ist obsolet, der Staatshaushalt deshalb enorm verschuldet. Ein Drittel der Jungen findet keine feste Stelle, also kein sicheres Auskommen, sie können nicht konsumieren und werden keine Kinder haben. Die Bevölkerung altert derweil rapide, das Rentenwesen wackelt, aber Tokio will keine Arbeitsmigranten.

Bisher hat Japans Exportwirtschaft Nippon über Wasser gehalten, gerade auch dank der steigenden Nachfrage aus China. Insofern sollte Japan China dankbar sein, dass es so rasant vorwärtsstürmt. Aber auf Dauer kann Japan nicht nur vom Export leben. Es muss seine Strukturen endlich reformieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2010, 11:17 Uhr

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8 Kommentare

Alexander Dominguez

23.08.2010, 12:03 Uhr
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Solche Zahlen sind doch völlig nebensächlich. Die chinesischen Zahlen sind doch nur darum so gross, weil China mit Abstand am meisten Einwohner hat. Wenn man die Zahlen pro Einwohner anschaut, ist China doch nur im hinteren Mittelfeld. Absolute Zahlen alleine sagen noch lange nichts aus über die Stärke einer Volkswirtschaft aus. China ist noch weit zurück ! Antworten


Walter Kaikoura

23.08.2010, 12:53 Uhr
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Da wir den wirtschaftlichen Einfluss staerker fuehlen, wird hier im Pazifischen Raum China ganz anders beurteilt als in Europa. Antworten



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