Er hat die Hölle von innen gesehen

Ahn Myong-chol war Wächter im Gulag in Nordkorea. Sieben Jahre lang diente er im Lager 22 bei Hoeryong – bis zu seiner Flucht. Nun erzählt er seine Geschichte.

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Friedrich Dürrenmatt hat die Schweiz als Gefängnis bezeichnet, in dem die Schweizer zugleich als Gefangene und als Wärter leben. In Nordkorea ist das, was Dürrenmatt für die Schweiz gesagt hat, kein Gedankenspiel, sondern Realität. Eine unglaublich brutale Realität.

Ahn Myong-chol war Wärter in mehreren politischen Gefängnissen in Nordkorea. Das war vor 20 Jahren, doch noch immer plagen ihn Albträume. «Gerade gestern hatte ich wieder einen», sagt er beim Gespräch in der Lobby eines Genfer Konferenzzentrums. «Selbst wenn ich hier durch die Strasse gehe, sehe ich neben mir Geister mit bekannten Gesichtern.» Es sind die Gesichter der Häftlinge, vor allem aus dem Lager 22 bei Hoeryong im Nordosten Nordkoreas, wo Ahn sieben Jahre als Wachsoldat gedient hat bis zu seiner Flucht im Herbst 1994.

Begeistert vom «Grossen Führer»

Nun ist er nach Genf gekommen, wo derzeit der UNO-Menschenrechtsrat tagt und sich auch mit Nordkorea befassen wird. Im vorab veröffentlichten Bericht heisst es, Nordkorea begehe «systematische und weitreichende» Menschenrechtsverletzungen, von denen viele Verbrechen gegen die Menschlichkeit seien. Das 372-seitige Dokument ist die erste ausführliche Untersuchung im Auftrag der UNO zur Menschenrechtslage in der nordkoreanischen Diktatur. Ahn Myong-chol ist darin ein wichtiger Zeuge, weil er als ehemaliger Wachsoldat den nordkoreanischen Gulag von innen kennt. Er ist 45 oder 46 Jahre alt, genau weiss er es nicht.

«Als ich das erste Mal das Lager betrat, kam ich mir vor wie ein Verbrecher», sagt Ahn. Das war 1987, Ahn ist 17 Jahre alt. Er hat die militärische Grundausbildung und sechs Monate Spezialtraining als Wächter hinter sich, er hat gelernt zu hassen und zu prügeln, sein Hirn ist eingefärbt mit der kommunistischen Ideologie des Staatsgründers Kim Il-sung. Der junge Soldat glaubt an den «Grossen Führer», und dass die Häftlinge im Kwanliso, im «kontrollierten Gebiet», wie die politischen Straflager offiziell genannt werden, keine Existenzberechtigung haben. «Das Leben dieser Menschen war absolut sinnlos, und ich fragte mich, weshalb sie geboren wurden.»

«Gefangene waren nur Haut und Knochen»

Und doch gibt es bei Ahn Myong-chol eine menschliche Regung, als er erstmals durch das grosse metallene Gefängnistor tritt, vorbei an den Wachtürmen und dem hohen Elektrozaun. «Ich hörte das Summen des Stroms, und mich schauderte es.» Als er die ersten Gefangenen sieht, ist er schockiert. «Sie waren alle viel kleiner als ich und nur Haut und Knochen. Es waren Frauen, die versuchten, einen Felsbrocken auf einen Lastwagen zu hieven. Mich verblüffte, dass es ihnen gelang.»

Ahn Myong-chol dient in drei Lagern, die gemäss UNO-Report inzwischen aufgelöst oder verlegt worden sind. Zuerst in Kyongsong und Onsong, den Lagern 11 und 13, und dann die meiste Zeit in Camp 22 in Hoeryong mit etwa 50'000 Häftlingen. Lager 11 wurde Ende der 80er-Jahre aufgehoben, um Platz zu schaffen für eine neue Villa Kim Il-sungs. Lager 13 wurde Anfang der 90er-Jahre geschlossen, Lager 22 Mitte 2012. Beide wohl deshalb, weil sie nahe der chinesischen Grenze lagen und Informationen über das Lager ins Ausland drangen.

Erlaubnis, Fliehende sofort zu erschiessen

Im Lager 22 waren bis zuletzt 30'000 bis 50'000 Menschen inhaftiert. Was mit ihnen geschah, ist nicht bekannt. Wahrscheinlich liess sie das Regime einfach verhungern, schreibt die UNO. Offenbar hat das Regime den Gulag zentralisiert. Heute sind noch vier Lager für politische Gefangene bekannt, bis zu 560 Quadratkilometer grosse Gebiete mit 80'000 bis 120'000 Internierten. Sie liegen fern der Landesgrenzen Nordkoreas.

Ahn Myong-chol hat den Job des Zerberus, jenes Ungeheuers also, das in der griechischen Mythologie den Eingang zur Hölle bewacht, damit niemand entkommt. «Wagt es einer der Toten an ihm vorbei sich zu schleichen, so schlägt er die Zähne tief und schmerzhaft ins Fleisch der Entfliehenden und schleppt sie zurück unter Qualen, der böse, der bissige Wächter», beschrieb der altgriechische Dichter Homer den Zerberus. Dessen nordkoreanische Verkörperung hat ein Gewehr und die Erlaubnis, sofort zu schiessen, wenn ein Häftling fliehen will. Und für den Fall, dass Nordkorea angegriffen wird, muss er sofort alle Häftlinge töten und die Beweise von der Existenz des Lagers vernichten.

«Nie direkt» an Tötungen beteiligt

Ahn und seine Kameraden vom Wachzug sind hoch motiviert, denn wer einen Häftling erschiesst, darf an die Uni. Oft reicht es auch, einen Fliehenden aufzuhalten, worauf der Häftling gefoltert und dann ebenfalls getötet wird. Um den 10-jährigen Militärdienst abzukürzen, werden Fluchtversuche inszeniert und dann gestoppt. «Mein Vorgesetzter zwang einige Häftlinge, den Stacheldraht hochzuklettern, damit er sie dabei töten konnte», sagt Ahn. «Er gab vor, den Fluchtversuch vereitelt zu haben und wurde dafür belohnt.»

Hat auch Ahn Myong-chol getötet? «Ich war nie direkt beteiligt», sagt er. Seine Aussagen können nicht überprüft werden. Er räumt ein, oft dabei gewesen zu sein, so auch, als ein Kamerad mit dem Anlasserseil eines Lastwagens einen behinderten Mann totschlug, weil er einen Stein nicht auf die Ladebühne heben konnte. «Den Gefangenen wurde jede Würde genommen, sie waren keine Menschen mehr.» Sie arbeiten von frühmorgens bis spät abends auf den Feldern oder im Bergwerk, wer zusammenbricht, wird geschlagen, oder die Wächter hetzen die Hunde auf ihn, zu essen gibt es fast nichts – ausser Würmer und Insekten, eine Ratte war ein Festmahl. «Es existierte absolut keine Menschlichkeit im Lager», sagt Ahn. Dafür ist Töten im Kwanliso alltäglich und wird von den Vorgesetzten geschätzt. Wer Mitleid hat, macht sich mitschuldig.

Kollektivstrafen für drei Generationen

Wachsoldat Ahn verspürte zunächst vor allem Ekel, wie er heute sagt. Als eine Frau mit heissen Metallstäben gebrannt wird, muss er sich übergeben. «Ich erinnere mich heute noch an den Geruch.» Ahn hat den Namen der Frau nicht vergessen, sie hiess Han Gindiok und war 26 Jahre alt. Ein Kollege hatte sie vergewaltigt, sie wurde dafür gefoltert. Er selber habe nicht gefoltert, sagt Ahn, denn er habe der Sicherheits- und nicht der Folterabteilung angehört.

Im Lager leben Frauen und Männer, alte und junge durcheinander. Auch Kinder sind da, solche, die bereits als Kleinkinder verhaftet worden sind, und solche, die im Lager geboren wurden. Sie sind alle schuldig, obwohl sie nicht wissen weshalb. Doch in ihnen fliesst das Blut eines Verbrechers, das stets drei Generationen verseucht; das «Drei-Generationen-Prinzip» als Kollektivstrafe erfunden hat Staats- und Gulaggründer Kim Il-sung. Deshalb wird in Nordkorea nie nur eine Einzelperson verhaftet, sondern immer auch die Söhne, Töchter und Enkel. Und wird im Lager ein Baby geboren, gilt es vom ersten Lebtag an als kriminell, vorausgesetzt, es überlebt ihn.

Im Kwanliso ist Endstation

Nicht überlebt hat ihn das Kind von Ahns Vorgesetztem Kim Man-soon. Er war 1988 der Oberzerberus in Lager 13 und vergewaltigte eine inhaftierte Frau. Sie wollte das Kind abtreiben, aber das misslang. «Kommt es im Lager zu einer unerlaubten Schwangerschaft, wird die Frau gefoltert, um herauszufinden, wer der Vater ist. Sie fanden es heraus», sagt Ahn. «Die Frau gebar das Kind, als sie auf einem Maisfeld arbeiten musste. Als das Baby da war, warf es die Wache in den Fressnapf der Hunde. Dann töteten sie auch die Frau, mein Vorgesetzter wurde degradiert.» Ahn Myong-chol sitzt in einem bequemen Sessel berichtet mit klaren Worten ohne Regung in seiner Stimme. Er ist in Seoul verheiratet und hat zwei Töchter. Die Übersetzerin aus Südkorea ringt um Fassung.

Aus einem politischen Lager kommt niemand raus; wer dort ist, stirbt dort, durch Gewalt, an Hunger oder Erschöpfung, im Kwanliso ist Endstation. Die Aussagen im UNO-Report stammen daher meistens nicht von Opfern aus den Kwanliso, sondern von früheren Häftlingen aus den sogenannten Kyohwaso, Umerziehungslagern für normale Gefangene, die nach einigen Jahren entlassen werden können – vorausgesetzt, sie haben Beziehungen zum obersten Machtzirkel.

Hunderttausende Häftlinge verschwunden

Doch selbst aus diesen Umerziehungslagern kommen immer weniger Menschen frei. Seit Kim Jong-un, der Jungdiktator mit den Pausbacken, an der Macht sei, habe sich die Menschenrechtslage weiter verschlechtert, sagt Ahn, der heute in Seoul die Nichtregierungsorganisation Free NK Gulag leitet. Als Beispiel nennt er Camp 15, das früher noch ein Umerziehungslager enthielt. Nun aber sei alles total kontrolliert. «Kim Jong-un wurde von der Elite nicht ernst genommen, weshalb er sogar seinen Onkel umgebracht hat.»

Sein Grossvater Kim Il-sung hatte das Lagersystem aufgebaut und dessen Sohn, der «Geliebte Führer» Kim Jong-il betrieb es konsequent. Die Zahl der Opfer ist nicht bekannt, die UNO schreibt, dass Hunderttausende Häftlinge verschwunden seien in den vergangenen 50 Jahren. Kim Jong-un agiere noch brutaler als seine Vorfahren, sagt Ahn. Er scheint sich so Autorität verschaffen zu wollen – das ist das andere nordkoreanische Drei-Generationen-Prinzip.

Wendepunkt im achten Dienstjahr

Doch wie kann man sich als Teil dieses Systems, als Zerberus im Gulag, zurück verwandeln in einen Menschen? «Bei mir begann dieser Prozess, als ich vom einfachen Wachsoldaten zum Fahrer befördert wurde», sagt Ahn. Nun musste er die Häftlinge auf die Felder oder ins Bergwerk chauffieren, der Kontakt wurde etwas menschlicher. Vor allem zu einem alten Mann, der Ahns Lastwagen putzte. «Er erinnerte mich an meinen Vater.» Der Alte sagte, er wisse nicht, weshalb er hier sei, als ihn Ahn danach fragte. Vielleicht habe sein Bruder einen Fehler gemacht. Ahn realisiert, dass niemand weiss, weshalb er hier ist. «Erstmals zweifelte ich an der Regierung und beschloss insgeheim, die Gefangenen nicht mehr anzubrüllen.»

Zum eigentlichen Wendepunkt im Leben des Wachsoldaten Ahn kommt es im achten Dienstjahr, als er einen fünftägigen Urlaub erhält und nach Hause fährt. Dort, in Hong-won am Meer, erzählt seine Mutter, dass sich ihr Ehemann, Ahns Vater, das Leben genommen habe. Er hatte ein Verteilzentrum für Nahrungsmittel geleitet. Eines Abends betrank er sich und kritisierte die Regierung wegen der Hungersnot. Ein tödlicher Rausch: Am nächsten Morgen dämmerte ihm, dass er ein Kapitalverbrechen begangen hatte, die Angst ergriff ihn und er vergiftete sich. «Es gab keine Alternative zum Selbstmord, und das galt auch für den Rest der Familie, vor allem für mich als Staatsdiener», sagt Ahn. Nun aber wuchs seine Wut auf das Regime. «Ich war immer so loyal gewesen und fühlte mich nun extrem betrogen.»

Bitte um Gnade mit dem eigenen Blut

Er kennt den Gulag, Ahn weiss, was ihm bevorsteht. «Da blieb nur die Flucht», sagt Ahn. Trotzdem kehrt er nach dem Urlaub ins Lager zurück. Denn wohin hätte er sonst gehen sollen? Von Hong-won aus kann er nicht ins Ausland fliehen, vor ihm liegt das Meer. Er kehrt ins Lager 22 zurück, wo er befürchtet, umgehend verhaftet zu werden. Doch vorderhand bleibt er Wächter, aber wie lange noch? Er spürt, dass seine Vorgesetzten vom Vergehen seines Vaters erfahren haben, denn sie behalten ihn permanent im Auge. «Ich war nie mehr allein unterwegs mit meinem Lastwagen, auch sonst war immer jemand bei mir.»

Wenn Ahn fliehen will, muss er irgendwie erreichen, dass seine Überwachung gelockert wird. Es scheint nur eine Frage von Tagen, bis er die Uniform mit den Häftlingslumpen tauschen muss. Er geht deshalb in die Offensive und gesteht dem Kommandanten, dass sein Vater ein Verräter sei. «Ich sagte ihm, dass ich ihn hasse.» Ahn bittet um Gnade. Da schnauzt ihn sein Vorgesetzter an: «Du bist nur Scheisse, vergiss es.» Nahe der Verzweiflung geht Ahn einen Schritt weiter. Er schneidet sich in den Zeigefinger – die Narbe ist immer noch sichtbar – und schreibt mit seinem Blut dem Lagerkommandanten einen Brief, in dem er der Regierung «seine ultimative Loyalität bis zum letzten Atemzug» versichert. Der Brief wirkt, die Überwachung wird etwas gelockert.

Einkaufsfahrt wird zur Flucht

Tatsächlich kommt nun Ahns Chance: Der Lagerkommandant hat Geburtstag. «Ich schlug ihm vor, dass ich im nächsten Dorf Schnaps kaufe, damit er feiern konnte. Der Kommandant brüllte mich an, ich solle das gefälligst tun.» Nach der Schicht bringt Ahn seinen Lastwagen auf den Parkplatz im Lager. Die anderen vier Fahrzeuge stehen schon da. Ahn kriecht unter ihnen hindurch und schneidet die Benzinschläuche durch. Als Fahrer ist er auch Mechaniker. «Das war alles altes russisches Gerät ohne jede Elektronik», erinnert sich Ahn.

Er teilt seinen Kameraden mit, dass er für den Chef Alkohol kaufen müsse. «Sie waren hell begeistert, denn sie wussten, dass sie mittrinken durften.» Ahn setzt sich hinters Steuer seines intakten Lasters. Das Gefängnistor öffnet sich sofort. «Alle winkten mir zu, sie freuten sich auf die Party», erzählt Ahn Myong-chol und lächelt erstmals während unseres Gesprächs. Die Wache am Ausgang ahnt nichts, auch nicht, dass sich zwei Passagiere auf der Ladefläche verstecken. Die beiden Häftlinge, die Ahn mitgenommen hat, steigen aus, sobald Lager 22 ausser Sichtweite ist. «Sie hatten plötzlich Angst und wollten zu Fuss weiter.» Was aus ihnen geworden ist, weiss Ahn nicht. «Wahrscheinlich wurden sie geschnappt und getötet.»

Vorsprung von zunächst zwei Stunden

Ahn ist nun alleine, Motor und Zeit laufen. Er weiss, dass seine Flucht bald bemerkt werden wird. Denn der Schnapsladen ist nicht weit vom Gefängnis entfernt, er wird bald zurückerwartet. Zwei Stunden etwa hat er Vorsprung, so lange brauchen die Kameraden, um die Benzinschläuche zu ersetzen. Dann nehmen sie die Verfolgung auf. Auch diesmal winkt eine Belohnung.

Ahn fährt Richtung Fluss, es holpert, die Strasse ist nicht asphaltiert, er kommt nur langsam voran. Dann, nach zehn Kilometern Fahrt, sieht er den Fluss, den Tumen. So heisst die nordkoreanische Variante des Acheron, des Totenflusses in der griechischen Mythologie. Er trennt die Hölle von der Welt. Noch steht der Zerberus am Rand der Hölle. Er muss über den Totenfluss Tumen, wenn er Mensch sein will. Auf der anderen Seite liegt China, Verbündeter und Schutzmacht Nordkoreas, aber wer einmal in China ist, kann untertauchen und es nach Südkorea schaffen.

«Der Erste, der über dieses Lagersystem berichtete»

Ahn Myong-chol steigt ins Wasser. Es ist kalt, die Strömung stark. Ahn ertrinkt fast, weil ihn die schweren Gewehre hinunterziehen. Er hat zwei Kalaschnikows und eine Pistole mitgenommen. Er behält nur die Pistole, schwimmt nach China und versteckt sich im Gebüsch. Auf der anderen Seite des Höllenflusses sieht er, wie Soldaten auftauchen und nach ihm suchen. Sie entdecken den verlassenen Lastwagen. Es sind gemischte Truppen mit Nordkoreanern und Chinesen. «Ich erkannte in der Ferne meine Freunde aus dem Lager, die schwer bewaffnet nach mir suchten.» Die Geburtstagsparty des Kommandanten war abgesagt worden.

Nachts marschiert Ahn los, er muss eine Gebirgskette überqueren. Nach einigen Tagen erreicht er die chinesische Stadt Yanji, wo er einen Zug besteigt, um von der Grenze zu Nordkorea wegzukommen. Inzwischen wird er steckbrieflich gesucht, am Bahnhof hängt überall sein Bild, die beiden roten Diktaturen kooperieren eng bei der Jagd auf den entflohenen Geheimnisträger. Denn bis anhin gibt es noch keine klaren Beweise für den nordkoreanischen Gulag. «Ich war der Erste, der über dieses streng geheime Lagersystem berichtete.» In Nordkorea selbst wissen die Menschen bis heute nicht genau, was ihnen blüht, wenn sie ihre Führung kritisieren. «Allerdings merkt es jeder, wenn sein Nachbar verschwunden ist. Und dann weiss man genau, dass er nicht zurückkehrt.»

Der Jackpot für Südkorea

Im Eisenbahnwagen dann das grosse Glück: Ahn gegenüber sitzt ein Mann koreanischer Herkunft, er hilft ihm, die südkoreanischen Behörden in China zu kontaktieren. Seoul hat von der Flucht des Wachmanns gehört und tut alles, um den Insider zu bekommen, er ist der Jackpot. «Ohne sie wäre ich jetzt nicht hier», sagt Ahn. Mehr ins Detail darf er nicht gehen aus Sicherheitsgründen. Die ganze Flucht hat zehn Tage gedauert. Der Preis dafür war hoch: Die Volksrepublik China, mit der die Schweiz derzeit eifrig über ein Freihandelsabkommen verhandelt, deportierte danach 140 Überläufer aus Nordkorea zurück in ihre verhasste Heimat. Sie dürften tot sein.

Ahn Myong-chol lebt heute unter dem Schutz von Südkoreas Behörden. In Genf habe er keine Angst, sagt Ahn. Hier würden es die nordkoreanischen Spione nie wagen zuzuschlagen, in Seoul hingegen schon. Deshalb wollten 240 Zeugen, die von der UNO befragt wurden, im Report nicht namentlich genannt werden. 80 Personen, unter ihnen Ahn Myong-chol, gaben öffentlich Auskunft.

Schicksal der Familienangehörigen unbekannt

Was aber wurde aus Ahns Familie in Hong-won? «Ich weiss nicht, wo sie sind, ob sie leben oder tot sind», sagt er. Als er Nordkorea verlassen habe, seien seine Mutter, der Bruder und die Schwester bereits in ein Gefangenenlager verschleppt worden. Wohl ins Nr. 15, weil es nahe seiner Heimatstadt liege. Er habe nie versucht, ein Lebenszeichen zu erhalten, das sei unmöglich. «Wer mir in Nordkorea hilft, meine Mutter zu kontaktieren, wird sofort auch ins Lager gebracht.» So versuche das Regime, die Existenz der Lager geheim zu halten.

Dagegen kämpft Ahn Myong-chol an. Er hat mit den amerikanischen Behörden zusammengearbeitet, um die Satellitenbilder der Lager auszuwerten. Und hier in Genf will er an einer Menschenrechtskonferenz, die von UN-Watch und anderen NGOs organisiert wurde, auf die Lage in seiner alten Heimat aufmerksam machen vor der Sitzung im UNO-Menschenrechtsrat zu Nordkorea am 17. März. Er hofft, dass die Führung in Pyongyang vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gebracht wird. Das fordern auch die Verfasser des UNO-Reports. «Und alle Länder sollten sich das kleine Botswana zum Vorbild nehmen, das als Reaktion auf den UNO-Bericht die diplomatischen Beziehungen zu Nordkorea abgebrochen hat.»

Die Geister des Gulags sind immer noch da

Seine Schuldgefühle kann er mit seinem Engagement aber nicht verscheuchen. Wie kann man trotzdem weiterleben nach sieben Jahren als Zerberus am Tor zur nordkoreanischen Hölle? In der ersten Zeit in Seoul, sagt Ahn Myong-chol, habe er dauernd getrunken, um den Tag zu überstehen, ohne den Geistern aus dem Gulag zu begegnen. «Aber sie sind immer noch da. Vielleicht brauche ich eine Psychotherapie.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.03.2014, 06:18 Uhr)

Der nordkoreanische Gulag

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Bildstrecke

Das nordkoreanische Lagersystem

Das nordkoreanische Lagersystem Nordkoreas Strafsystem aus geheimen Arbeitslagern und Umerziehungslagern kann auf Satellitenbildern nur erahnt werden.

Lager 22 bei Hoeryong

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