«Er trat uns in die Schienbeine oder spuckte uns sogar an»

Die einzige kommunistische Dynastie hat einen Nachfolger: Kim Jong-un. Ausser in Nordkorea gibt es nur in der Schweiz eine Handvoll Menschen, die mit ihm schon einmal zu tun hatte. Mitschüler erzählen.

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Mitte September 2009 belagerten Vertreter internationaler Medien die Schule in Liebefeld-Steinhölzli in der Berner Gemeinde Köniz. Der Grund: Spekulationen um einen Schweizer Schulaufenthalt von Kim Jong-un. Zuvor hatten südkoreanische Medien berichtet, der nordkoreanische Diktator Kim Jong-il habe seinen dritten und jüngsten Sohn als Nachfolger bestimmt. Er sei den Spitzen von Partei und Armee als politischer Nachfolger vorgestellt worden.

Die Gemeinde Köniz, die wegen des Medienrummels eigens eine Pressekonferenz einberief, wollte die Gerüchte über einen örtlichen Schulaufenthalt Kim Jong-uns weder bestätigen, noch dementieren. Man nehme nicht an den Spekulationen teil. Eine offizielle Bestätigung bleibt bis heute aus. Bestätigt wurde lediglich, dass von Herbst 1998 bis Herbst 2000 ein Koreaner im Liebefeld zur Schule ging, der als Sohn eines Botschafters angemeldet war.

Die ganze Angelegenheit ist noch undurchsichtiger. Denn schon Jahre zuvor war über einen längeren Schweizaufenthalt des Diktatorensohns spekuliert worden. Damals hiess es, Kim Jong-un habe die International School of Berne (ISB) in Gümligen besucht. Beobachter nahmen später jedoch an, bei diesem nordkoreanischen Schüler könnte es sich um den zweitältesten Kim-Sohn, Jong-chol, gehandelt haben, wie die «Berner Zeitung» schrieb.

Schulfreund glaubte Kim Jong-un nicht

Auskunftsfreudiger als die Könizer Behörden waren zwei Mitschüler des jüngsten Kim, der als Sohn eines Botschafters unter dem falschen Namen Un-pak in Liebefeld-Steinhölzli eingeschrieben gewesen sein soll. Der Portugiese João Micaelo gab in der «Berner Zeitung» vom 17. Juni 2009 als Schulfreund des Diktatorensohns Auskunft. Demnach spielten sie gemeinsam viel Basketball und sahen sich in der Freizeit auch Jackie-Chan-Filme an. Kim Jong-un sei ein «sehr netter, normaler Junge» gewesen. Bei ihm zu Hause an der Kirchstrasse sei es ebenfalls nett gewesen. Die Begleitpersonen seines Freundes habe er nie richtig kennengelernt, weil sie nur Koreanisch und Englisch sprachen.

Obwohl Kim Jong-un alias Un-pak behauptet hatte, er sei der Sohn des nordkoreanischen Herrschers, habe Micaelo das damals nicht geglaubt. Den letzten Kontakt zu seinem Banknachbarn an der Schule in Köniz habe er sechs Monate nach dem Schulaustritt Kim Jong-uns gehabt.

Sport statt Mädchen

Ein gutes Jahr nach João Micaelo meldete sich auch eine Mitschülerin in der «Berner Zeitung» zu Wort. S. B., die anonym bleiben wollte, zeichnete ein weniger löbliches Bild. Un-pak, von den Mitschülern lediglich Un genannt, sei gegenüber den Mitschülern anfangs aggressiv gewesen. Regelmässig sei er ausgerastet: «Er trat uns in die Schienbeine oder spuckte uns sogar an», sagte S.B. «Das hat sich im Lauf der Zeit jedoch geändert und er taute etwas auf», fährt die ehemalige Kameradin fort. Weil Un-pak kaum Deutsch sprach, sei er in der Klasse aber nicht gut aufgenommen gewesen. Bis zuletzt sei er steif und unnahbar geblieben und habe wenig gelacht.

Mädchen habe Un-pak regelrecht gemieden. «Ich habe in der ganzen Zeit kein einziges längeres Gespräch mit ihm geführt», sagte S.B. Er sei insgesamt ein Einzelgänger gewesen und habe sich – wenn überhaupt – mit seinen Freunden João Micaelo und Marco Imhof abgegeben. Mit ihnen habe er regelmässig Basketball gespielt, seine einzige Leidenschaft. «Sport war das einzige, wo er aufblühte», sagt S. B. Der durchschnittliche bis gute Schüler habe ausschliesslich Adidas-Trainingsanzüge und Nike-Air-Turnschuhe getragen. Was er nach seiner Schweizer Schulzeit machte, wisse sie nicht.

Machtinstinkt und Skrupellosigkeit

Nach Presseberichten besuchte Kim Jong-un anschliessend die nach seinem Grossvater Kim Il-sung benannte Militärakademie in Pyongyang. Nachdem sein Vater im August 2008 einen Schlaganfall erlitt, ging es für Kim Jong-un rasch empor: Im September 2010 wurde er General, bekam wichtige Parteiämter und wurde vom Propagandaapparat, der einen beispiellosen Personenkult um die Herrscherfamilie pflegt, als «junger Kapitän» tituliert. Zudem soll er die Führung der Geheimpolizei übernommen haben.

Um seine Machtbasis zu erhalten und auszubauen, hievte Kim Jong-il auch andere ergebene Funktionäre in Schlüsselstellungen im einflussreichen Komitee für nationale Verteidigung. So machte er seinen Schwager Jang Song Theak zum Vizepräsidenten des Komitees und bedachte auch seine Schwester mit einflussreichen Posten. Auch deshalb wird spekuliert, dass beide zusammen mit Kim Jong-un nun eine Art Triumvirat an der Staatsspitze bilden könnten.

Experten zufolge verfügt der junge Kim aber auch allein über die Intelligenz und den Machtinstinkt, die ihn für die Spitze qualifizieren. Auch soll er über das erforderliche Mass an Skrupellosigkeit verfügen. Beobachter gehen deshalb davon aus, dass auch unter Kim Jong-un das Militär eine wichtige Rolle in der Politik spielen und Nordkorea sein umstrittenes Atom- und Raketenprogramm vorantreiben wird. (rub)

(Erstellt: 19.12.2011, 14:16 Uhr)

Infobox

Seit Jahren hat sich Kim Jong-un auf diese Aufgabe vorbereitet, nun ist es soweit: Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters, Nordkoreas langjährigem Machthaber Kim Jong-il, wurde der junge Mann heute offiziell zum neuen Herrscher des autoritär regierten Landes ausgerufen. «An der Spitze der koreanischen Revolution steht nun Kim Jong-un», erklärte die amtliche Nachrichtenagentur KCNA, die ihn als «grossen Erben» und «herausragenden Führer von Partei, Armee und Volk» bezeichnete.

Kim Jong-un, der 1983 oder 1984 geboren sein soll, war in der einzigen kommunistischen Dynastie der Welt seit Jahren von seinem schwer kranken Vater zum Nachfolger aufgebaut worden. Über das Leben Kim Jong-uns ist nur wenig bekannt. Bis im September 2010 Fotos von ihm an der Seite seines Vaters veröffentlicht wurden, gab es nicht einmal ein Bild des jungen Manns. Gesichert ist jedoch, dass er der jüngste von drei Söhnen Kim Jong-ils ist. Seine Mutter ist die japanisch-stämmige Tänzerin Ko Jong Hi, die 2004 an Brustkrebs gestorben sein soll. (afp)

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