Ausland

Gar nicht so höflich: Japan muss Bürgern Manieren beibringen

Aktualisiert am 26.03.2009

Bahngesellschaften rufen ihren Passagieren elementare Benimmregeln in Erinnerung. Eine Manieren-Kampagne im Land, das gemeinhin als so höflich gilt.

Benimmpolizist: Yukio Tanabe, 81, verteilt Höflichkeits-Flugblätter.

Benimmpolizist: Yukio Tanabe, 81, verteilt Höflichkeits-Flugblätter.
Bild: Keystone

Eine junge Frau biegt sich im Zugabteil mit einer Spezialzange die Augenwimpern nach oben. Ein junges Pärchen nascht genüsslich und denkt gar nicht daran, dem Mann mit dem Gipsbein Platz zu machen. Ein junger Mann lümmelt sich über zwei Sitzplätze und blättert breitbeinig in einem Buch.

Solch flegelhafte Szenen lassen sich in Japan beobachten - auf Postern. Sie sind Teil einer Kampagne japanischer Bahngesellschaften, mit der die Bürger zu gutem Benehmen angehalten werden sollen - zur Verwunderung manch durchreisender Ausländer. Denn gerade Japan ist ein Land, das solche Mahnungen eigentlich am allerwenigsten nötig zu haben scheint.

Viele Klagen

Der Schein trügt: Zwar warten alle Passagiere ohne Drängeln geduldig in Kolonnen auf die nächste U-Bahn. Die Wände in den Tunnels sind sauber, keine Graffiti oder Tags verunstalten die Wände, Scheiben haben keine Kratzer und nirgends liegt Abfall. Sogar Punks zünden sich ihre Zigarette nur in Raucherzonen an.

Dennoch beklagen sich viele Zugpassagiere über Mitmenschen, die sich beim Einsteigen vordrängen oder lautstark telefonieren. Am schlimmsten aber sind die «chikan», die Grapscher in den chronisch überfüllten Zügen der Grossstädte.

Benimmschilder

Damit solche Unsitten unterbleiben, appellieren die Bahnbetreiber auf bunten Postern daran, «manaa» zu bewahren - das Wort ist dem englischen «manner» entlehnt und bedeutet Benehmen oder Betragen.

«Wir hängen Manaa-Schilder auf, damit die Leute selber darauf achten», sagt Tatsuya Edakubo von der Tokyo Metro, aber selbst wenn die Passagiere ein Verhalten störe, spreche kaum einer den anderen an. Stattdessen beschwerten sich die Leute beim Bahnbetreiber. «Wir bekommen schon Anrufe von unseren Kunden, die sich über verschiedene Verhaltensweisen anderer Fahrgäste beklagen», sagte Edakubo.

Verschiedene Bahnen schicken daher auch Benimmpolizisten los und seit ein paar Jahren gibt es jeweils in der Mitte des Zuges ein Abteil, das während den Stosszeiten allein den Frauen vorbehalten ist. So können die Damen unbelästigt zur Arbeit pendeln.

Telefonieren im Zug ist verpönt

Daneben werden die Japaner auch akustisch ständig zu korrektem Benehmen aufgefordert: «Eine Bitte an unsere Fahrgäste: Bitte schalten Sie Ihr Mobiltelefon im Bereich der Vorzugssitzplätze aus. Schalten Sie die Geräte andernorts auf manaa-mode und sehen Sie bitte von Telefongesprächen ab», dringt es aus den Abteillautsprechern. Dementsprechend ist das Telefonieren im Zug verpönt in Japan.

Ob sich in Japan jemand höflich oder unhöflich verhält, hängt von der Situation ab. Höflichkeit ist erst angesagt, wenn zwischen zwei Menschen eine noch so flüchtige Beziehung besteht: Sobald man jemandem in die Augen gesehen hat, ist man zu gutem Benehmen verpflichtet. Wer dem Blick ausweicht, kann das vermeiden.

Für Takeshi Kuroda von der Bahngesellschaft Tokyu Dentetsu zeigen die neuen Massnahmen Wirkung. «Wir haben die Bitten immer über Lautsprecher durchgegeben. Seit zwei Jahren haben wir Werbeschilder, weil wir den Kunden entgegenkommen wollten, die sich beschweren», erzählt Kuroda.

«Wir merken schon den Effekt dieser Schilder. Beispielsweise bekommen wir weniger Anrufe von Kunden, die sich über Leute mit lauten Kopfhörern beschweren», sagt der Beamte. (jak/sda)

Erstellt: 26.03.2009, 08:46 Uhr

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