Ausland

Hamid Karzai greift den Westen frontal an

Von Tobias Mattern und Cathrin Kahlweit. Aktualisiert am 03.04.2010

Der afghanische Präsident macht Ausländer für den Betrug bei der Präsidentschaftswahl verantwortlich. Die UNO spricht von einem «schlechten Aprilscherz».

Verbaler Frontalangriff gegen den Westen: Der afghanische Präsident Hamid Karzai.

Verbaler Frontalangriff gegen den Westen: Der afghanische Präsident Hamid Karzai.
Bild: Keystone

Der afghanische Präsident Hamid Karzai hat heftige Kritik am Westen geübt. Hochrangige ausländische Diplomaten – und nicht etwa die Afghanen – seien für den Betrug bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr verantwortlich gewesen. «Es hat eine massive Einmischung von Ausländern gegeben», sagte Karzai und griff den ehemaligen Vize-Chef der Vereinten Nationen, Peter Galbraith sowie den Vorsitzenden der EU-Wahlbeobachtermission, Philippe Morillon, persönlich scharf an. Der Westen wolle zudem verhindern, dass die Parlamentswahlen in Afghanistan im Herbst abgehalten werden. «Sie wollen auch, dass das Parlament so ist wie ich: angeschlagen und verwundet. Sie wollen, dass ich ein unrechtmässiger Präsident bin, sie wollen, dass das Parlament unrechtmässig ist.»

Galbraith nannte die Äusserungen Karzais einen «schlechten Aprilscherz». Dadurch belege der Präsident nur, dass er «kein verlässlicher Partner» sei. UNO-Diplomat Galbraith hatte dem afghanischen Präsidenten nach der Wahl vorgeworfen, ein grosser Teil der für ihn abgegebenen Stimmen seien gefälscht gewesen. Er hatte kurze Zeit später seinen Posten verloren. Die von der UNO getragene Beschwerdekommission hatte Karzai nach einem wochenlangen Disput die absolute Mehrheit bei der Wahl aberkannt. Sein Herausforderer, Abdullah Abdullah, weigerte sich dann aber, zu der eigentlich erforderlichen Stichwahl anzutreten. Auch ohne Manipulationen hätte der Amtsinhaber die Abstimmung deutlich gewonnen.

Drei deutsche Soldaten getötet

Karzai will seinen Landsleuten durch die Attacken offenbar beweisen will, dass er keine Marionette des Westens ist. Sein Wutausbruch unterstreicht das tiefe Misstrauen, das zwischen ihm und der Regierung von Barack Obama herrscht. Der US-Präsident war am Sonntag zu seinem ersten Besuch nach Kabul gereist und hatte vom afghanischen Präsidenten mehr Einsatz im Kampf gegen die Korruption gefordert. Die USA stocken derzeit ihre Truppen um 30 000 Mann auf, um die Taliban stärker unter Druck zu setzen.

Auch am Freitag ist es wieder zu schweren Gefechten mit Talibankämpfern gekommen. Dabei sind im Norden des Landes drei Bundeswehrsoldaten getötet worden. Die Gefechte hielten auch am Abend noch an. Die Soldaten befanden sich bei Kunduz auf einer Patrouille, als sie beschossen wurden. Die Zahl der in Afghanistan bei Kampfeinsätzen getöteten deutschen Soldaten erhöhte sich damit auf 22.

Ein Drittel völlig verarmt

Derweil erhob auch die UNO schwere Vorwürfe gegen Karzais Regierung. In einem jetzt vorgelegten Report der UNO-Kommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, zur Armut in Afghanistan heisst es, neun Millionen Afghanen, mithin 36 Prozent der Bevölkerung, lebten in absoluter Armut. Obwohl seit 2002 mehr als 35 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern in das Land gepumpt worden seien, habe Afghanistan die zweithöchste Müttersterblichkeit der Welt und die dritthöchste Kindersterblichkeit.

Nur 23 Prozent der Bevölkerung hätten Zugang zu sauberem Trinkwasser, nur ein Viertel der Menschen über 15 könne lesen und schreiben. Die UNO lastet diese katastrophale Bilanz auch der Regierung an, die durch Machtmissbrauch und Inkompetenz zur Ausbreitung der Armut beitrage.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2010, 04:00 Uhr

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