Historischer Handschlag in Delhi

Pakistans Premier Sharif besucht die Amtseinsetzung des neuen indischen Regierungschefs Modi. Das weckt Hoffnungen auf eine Entspannung zwischen den verfeindeten Bruderstaaten.

Chance für den Frieden: Narendra Modi begrüsst Nawaz Sharif.

Chance für den Frieden: Narendra Modi begrüsst Nawaz Sharif. Bild: Reuters

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Ein pakistanischer Regierungschef zu Gast bei der Vereidigung eines indischen Ministerpräsidenten? Das konnten sich viele nur schwer vorstellen. Aber an diesem Montag ist es genau so gekommen. Der Pakistaner Nawaz Sharif flog in Delhi ein, um an den Feierlichkeiten zur Amtseinführung seines indischen Kollegen, Narendra Modi, teilzunehmen. Es war ein verblüffender Tag in der Geschichte der verfeindeten Bruderstaaten, ein Moment, der weltweit für Aufmerksamkeit sorgte.

Sharif hatte mit einer solchen Einladung durch Modi offenbar am wenigsten gerechnet. Denn er brauchte mehrere Tage, um sich zu entscheiden. Ein spontaner Alleingang schien dem Pakistaner zu riskant, also konsultierte er erst einmal führende Mitglieder seiner Partei und auch die mächtigen Generäle in seinem Land. Schliesslich aber nahm er die Einladung an und stieg ins Flugzeug. «Ich komme mit einer Botschaft des Friedens», liess Sharif verkünden. Solche Töne waren im indisch-pakistanischen Verhältnis nicht allzu oft zu hören.

Modi gibt sich gesprächsbereit und pragmatisch

Der Inder Modi setzt zu Beginn seiner Amtszeit nicht nur nach innen, sondern auch nach aussen Signale, die ihn als gesprächsbereiten und pragmatischen Regierungschef ausweisen sollen. Modi und Sharif sollten am Dienstag auch noch zu einem ersten Gespräch zusammenkommen.

Seitdem der Hindunationalist bei den indischen Wahlen triumphiert hat, lässt er seine angriffslustige Rhetorik, die er im Umgang mit seinen politischen Rivalen eingeübt hatte, erst einmal hinter sich. Jetzt setzt der 63-Jährige andere Töne. Nicht als autoritärer Alleingänger will er wahrgenommen werden, sondern als einer, der sich mit Teamgeist und Verhandlungsbereitschaft an die Arbeit macht.

Zur Vereidigung waren deshalb nicht nur Sharif, sondern auch Staats- und Regierungschefs aus anderen Nachbarländern geladen. Sie sollten das Gefühl bekommen: Das neue Indien unter Modi ist an Gesprächen und einem regen Austausch in der Region interessiert. Der Pakistaner Sharif möchte die Beziehungen zu Indien normalisieren, weil er sich vor allem mehr Handel und ökonomische Vorteile für sein Land erhofft.

Doch sowohl in Indien als auch in Pakistan sind die nationalistischen Gefühle stark und engen die Bewegungsräume der Politiker traditionsgemäss ein. Modi aber hat sich ein sehr starkes Mandat bei dieser Wahl gesichert, er regiert mit absoluter Mehrheit. Deshalb hat er nach Ansicht von Analysten mehr politischen Spielraum bei Entscheidungen als seine Vorgänger.

Modi hat mehr Spielraum als sein Vorgänger

Als Sharif vor einem Jahr die pakistanischen Wahlen gewann, hatte er seinerseits Modis Vorgänger eingeladen. Doch Manmohan Singh von der Kongresspartei lehnte damals ab. Ob sich die indisch-pakistanischen Beziehungen unter Sharif und Modi nun tatsächlich verbessern können, ist Gegenstand vieler Debatten. Die beiden Atommächte haben in früheren Jahrzehnten dreimal Krieg um die Bergregion Kashmir geführt. Und über deren Zukunft streiten die beiden Länder noch immer. Ausserdem rivalisieren sie heftig in Afghanistan, was nach dem baldigen Abzug der Nato noch bedeutsamer wird. Modi und Sharif mangelt es daher nicht an kontroversen Themen.

Nach der Terrorattacke in Mumbai 2008 durch pakistanische Extremisten, die 164 Menschen das Leben kostete, stürzten die Beziehungen der Staaten auf einen Tiefpunkt. Seither haben sie sich zwar wieder etwas erholt, aber die immer wieder aufflammende Gewalt in Kashmir mindert die Chance auf einen dauerhaften Dialog.

Forderung nach Härte aus der BJP

In der Partei Modis, der Bharatiya Janata Party (BJP), sind immer wieder Rufe nach einer härteren Gangart gegenüber Pakistan laut geworden. Im Wahlprogramm der hindunationalistischen BJP ist ausserdem davon die Rede, dass die indische Atomwaffenpolitik überdacht werden müsse. Das sorgte für Verwirrung und zwang Modi schon im Wahlkampf zu einigen klärenden Worten: In einem Fernsehinterview lobte er die bestehende Doktrin, die einen atomaren Erstschlag Indiens ausschliesst.

Sie war unter dem früheren Premier Atal Bihari Vajpayee formuliert worden, dem ersten Hindunationalisten, dem in den 1990er-Jahren der Sprung an die Macht gelungen war. Modi machte deutlich, dass er an dieser Doktrin festhalten werde. So darf man nun weiter rätseln, was das BJP-Wahlprogramm mit einer Aktualisierung der Atomwaffendoktrin tatsächlich meint.

Gefahr von Terroranschlägen

Ein schwer kalkulierbares Risiko in den Beziehungen beider Länder sind erneute Terrorattacken. Wie Recherchen der Zeitung «The Hindu» ergaben, nehmen islamistische Extremisten den Aufstieg des Hindunationalisten Modi zum Anlass, eine neue Runde des Jihad auszurufen. Angeblich trainieren Kämpfer im pakistanischen Stammesgebiet Nordwasiristan, um sich auf neue Attacken in Indien vorzubereiten.

Indische Sicherheitsbehörden haben inzwischen vier Verdächtige festgenommen, die einen Anschlag auf Modi planten. Deren mutmasslicher Anführer, der 25-jährige Haider Ali, soll bereits dreimal versucht haben, Modi zu töten, zuletzt am 27. Oktober 2013, als der BJP-Kandidat in Patna auf Wahlkampftour war. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.05.2014, 16:22 Uhr)

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Kommentar

Mutige Geste von Modi

Die Atommächte Indien und Pakistan sind seit langem darin geübt, sich gegenseitig zu belauern und zu bedrohen. Umso überraschender ist es, dass die beiden Staaten ihre traurige Routine durchbrochen haben. Pakistans Premier Nawaz Sharif reiste heute Montag zur Amtseinführung seines indischen Kollegen Narendra Modi nach Delhi. Die beiden Politiker setzten damit ein historisches Zeichen, denn ein symbolträchtiges Treffen dieser Art hat es auf dem Subkontinent noch nicht gegeben.

Es war ein guter Vorstoss Modis, diese Einladung an Sharif auszusprechen. Manchmal bedarf es einer mutigen Geste, um Bewegung in festgefahrene Beziehungen zu bringen. Der neue indische Premier hat eine zupackende Art, die er auch in der Aussenpolitik zur Schau stellen möchte. Er tut das nicht säbelrasselnd, wie es manche von den nun regierenden Hindunationalisten erwartet hätten. Stattdessen streckt Modi die Hand aus. Das lässt hoffen.

Aus dem Treffen könnten sich neue Impulse entwickeln. Aber um das aufgeladene Verhältnis auf Dauer zu entschärfen, bedarf es doch noch jahrelanger Anstrengungen. Das Misstrauen ist gewaltig. Die vertrackten Probleme im umstrittenen Berggebiet Kashmir und starke nationalistische Reflexe in der indischen und der pakistanischen Gesellschaft erschweren eine Aussöhnung. Hinter der symbolischen Zusammenkunft muss also schon ein äusserst starker Wille auf beiden Seiten stehen, um Indien und Pakistan aus den Schützengräben zu holen. Darauf wartet die Welt schon sehr lange.

Arne Perras

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