Im Land der Angst
Von Tomas Avenarius, Duma. Aktualisiert am 06.02.2012 14 Kommentare
(Bild: TA-Grafik kmh)
Gewalt in Duma: Die Opposition spricht von über 200 Toten.
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Mit den Zahlen nimmt es der Direktor nicht so genau. «Tote? Bei uns im Hospital, hier in Duma?» Doktor Abdullah Assali schaut zur Zimmerdecke, sie ist vom Tabakrauch vergilbt. Er blickt hinunter auf die Schreibtischplatte, sieht den alten Tischkalender, ein paar Papiere. Da stehen sie auch nicht, die Opferzahlen. «Vielleicht 20. Seit Beginn der Krise. Ja, genau, 20.» Es gibt genug Gründe dafür, die Zahlen von Herrn Assali anzuzweifeln – und der wichtigste ist womöglich, dass er ersichtlich den Auftrag hat, die Situation schönzureden. Wir werden später noch andere Zahlen hören.
Doktor Assali leitet das staatliche Krankenhaus hier in Duma, kurz vor der Hauptstadt Damaskus. Draussen auf dem Gang steht die Tür offen zu den Toiletten, vor dem Büro des Klinikchefs mischt sich der Geruch von Desinfektionsmitteln mit dem Dunst von abgestandenem Essen. Der Arzt sagt, er habe alles, was er brauche: «Genug Blutkonserven, genug Medikamente.» Dann wuchtet er seinen Bauch hinter dem Schreibtisch hervor, tritt ans Fenster. «Al-Jazeera berichtet von Panzern und blutigen Kämpfen in Duma. Ich sehe da unten keine Panzer. Es ist alles ruhig.»
Keiner schaut, keiner redet
Ja, unten, auf der Hauptstrasse, ist in Duma alles ruhig am frühen Nachmittag. Die Polizeistation mit dem Frauengefängnis liegt unterhalb des Fensters des Klinikdirektors. Sie ist ausgebrannt. Was geschehen ist, und wann? Männer in schwarzen Lederjacken stehen herum. Die Passanten laufen schnell. Keiner schaut einen an, keiner redet. In den Geschäften wenden sich die Besitzer vom Frager ab. Ausländische Journalisten sind nicht willkommen, wenn sie hinter sich «zur eigenen Sicherheit» den Begleiter des Informationsministeriums stehen haben. Ein Ladenbesitzer sagt plötzlich leise: «Wir haben doch alle Angst.»
An einer Kreuzung ein paar Hundert Meter weiter herrscht die Armee. Sandsackbunker an allen vier Ecken, in der Mitte streckt ein Maschinengewehr den Lauf in Richtung Zentrum. Rundherum Soldaten, Helme, kugelsichere Westen, Gewehre. Der Offizier sagt: «Ich darf nichts sagen. Befehl.» Dann sagt er doch etwas: «Ja, es gibt einige Terroristen. Deshalb sind wir ja hier. Das sind meist Ausländer. Libyer, Iraker, sogar Afghanen. Die wollen nach Gaza, um gegen Israel zu kämpfen. Und dann finden sie sich in Duma wieder und sehen überrascht die syrische Flagge. So ist das.»
Götterdämmerung des Regimes
Syrien ist ein Land der Lügen. Klinikdirektor Assali glaubt sein Hohes Lied vom friedlichen Duma sicherlich selbst nicht, wenn er zum Beispiel die «harmlosen» Kontrollpunkte der Armee so beschreibt: «Die Soldaten sagen Guten Tag, kontrollieren die Papiere, und dann heisst es Auf Wiedersehen.» Und der zur Verschwiegenheit verpflichtete Offizier, er mag die Wahrheit sagen, vielleicht sind ausländische Militante in Duma aufgetaucht. Aber die, die auf ihn und seine Soldaten hinter den Sandsäcken schiessen, das sind meist Syrer: Duma, eine der Vorstädte von Damaskus, soll vor einigen Tagen Schauplatz heftiger Kämpfe gewesen sein. Für einige wenige Stunden wurde der Ort von Kämpfern der Freien Syrischen Armee kontrolliert, der Oppositionsmiliz aus Deserteuren, die gegen Staatspräsident Bashar al-Assad kämpft.
Es ist kalt in Damaskus, der Himmel hängt grau über der Altstadt. An den Abenden regnet und hagelt es. In den Teehäusern bedrückte Gesichter, im Fernsehen an der Wand sind US-Aussenministerin Hillary Clinton und der Franzose Alain Juppé zu sehen. Fast alle sind sie gegen Syrien im UNO-Sicherheitsrat. Draussen, vor den Bäckereien, stehen die Menschen Schlange. All dies wirkt wie die Götterdämmerung des Assad-Regimes – aber wird es zu dieser Dämmerung wirklich je kommen? Und wenn, wie viele Menschen werden bis dahin sterben müssen?
«Es fühlte sich an, als würde es Granaten regnen»
Immerhin ist der syrische Aufstand nun hier vor der Hauptstadt angekommen. Nach zehn langen, blutigen Monaten mit Tausenden Toten. Keine 30 Kilometer entfernt von Assads Palast, seinen Ministerien und seiner Geheimdienstzentrale wird demonstriert, geschossen, gestorben. Die ersten Kämpfer der Freien Armee streifen durch die ärmlichen Vororte, einem fruchtbaren Biotop für den Aufstand. So wie Duma mit seinen meist strenggläubigen muslimischen Bewohnern. Es sind noch nicht so viele Bewaffnete vor Damaskus; die Freie Armee soll in ganz Syrien bisher nur ein paar Tausend Mann haben. Aber selbst diese wenigen Kämpfer können nun auf der Flucht vor Soldaten und Polizisten zwischen den Vorstädten hin und her wechseln, angreifen.
Aussenpolitisch steigt zudem der Druck auf den syrischen Präsidenten. Nur das Doppelveto von Russen und Chinesen rettete ihn jetzt vor einer Verurteilung durch den UNO-Sicherheitsrat. Fürs Erste. Die westlichen und die arabischen Staaten werden nicht nachlassen, das Weisse Haus in Washington hat den Ton vorgegeben: «Präsident Assad hat das Recht verwirkt, Syrien zu führen. Er hat keine Legitimität mehr bei seinem Volk und bei der internationalen Gemeinschaft.»
Dem Urteil von US-Präsident Barack Obama vorausgegangen war am Wochenende das schlimmste Massaker in den fast elf Monaten des syrischen Aufstands: Beim Beschuss der Rebellenhochburg Homs sollen rund 250, womöglich viel mehr Menschen gestorben und 1000 weitere verletzt worden sein. Die halbe Nacht lang hätten Panzer- und Mörsergranaten im Viertel Qalidije eingeschlagen. «Wir sassen mit der ganzen Familie im Wohnzimmer, als der Angriff begann», sagen Bewohner: «Es fühlte sich an, als würde es Granaten regnen.»
Propaganda der Staatsmedien
Während das Internet überquillt von den Bildern der Leichen aus Homs, ohne Köpfe und ohne Glieder, spricht Assads Nachrichtenagentur Sana ungerührt von einer «hysterischen Medienkampagne gegen Syrien». Bestreiten will Sana nicht, dass es Tote gibt. Sie seien aber «Opfer bewaffneter Banden». Die Internetbilder der zerschossenen Häuser? «Fälschungen.» Die Leichen? «Opfer von Militanten, entführt, gefoltert, ermordet.» Dann erklärt das Propagandaorgan, «dass das Leben normal ist im Umland von Damaskus, in Hama und in Homs».
Assads Apparat trommelt und trommelt. Gefälschte Nachrichten vom Massaker hätten Stimmung machen sollen vor der Abstimmung im Rat der Vereinten Nationen, um Russen und Chinesen mit blutigen Bildern von ihrem angekündigten Nein zur Resolution abzubringen. Das Ziel der Feinde Syriens sei dasselbe wie vor knapp einem Jahr in Libyen das Ziel der Feinde Libyens: westliche Intervention und der Sturz des Regimes. Als die Truppen des libyschen Machthabers den Aufstand in der Stadt Benghazi niederschlagen wollten, schickte die Nato Bomber. Es war der Anfang vom Ende Ghadhafis.
Klare Antworten zum Angriff auf Homs sind weder bei Assads Propaganda-Journalisten noch bei den Aufständischen zu bekommen. Bei CNN sagt ein Rebell – live und in perfektem Englisch –, ein paar Dutzend von Assads Soldaten seien desertiert und von den Aufständischen «begeistert gefeiert worden im Stadtteil Qalidije». Kurz darauf habe das Bombardement begonnen. Es gibt noch eine andere Version der Ereignisse, und auch sie hat mit Rache zu tun: Die Freie Armee habe einen Kontrollpunkt angegriffen und mehr als ein Dutzend Soldaten gefangen genommen. Deren Kommandeure hätten daraufhin das Feuer eröffnet.
Nach den Gebeten wird geschossen
Geht man in diesen Tagen nun durch Midan, im Zentrum von Damaskus, so türmen sich in den Ladenfenstern halbmeterhohe Pyramiden aus Pralinés, Keksen, Baklawa und türkischem Honig. Am Wochenende strömen die Menschen vor den Schaufenstern und Ständen zusammen, der Stadtteil ist ein Mekka für Liebhaber syrischer Süssigkeiten. Dabei ist Midan einer der wenigen Unruheherde in der Hauptstadt selbst. «Hier in Damaskus ist es nur deshalb noch halbwegs friedlich, weil die Präsenz der Sicherheitskräfte so hoch ist», sagt Mahmud. Er gehört zum lokalen Koordinationskomitee des Stadtteils, bezeichnet sich als einen der Organisatoren der Demonstrationen, die jeweils freitags nach dem Gebet stattfinden: «Wir versammeln uns in einer der Moscheen. Wenn wir nach dem Gebet anfangen, unsere Forderungen zu rufen, wird sofort geschossen.» Der junge Mann heisst nicht wirklich Mahmud. Würde sein Name gedruckt werden, wäre er in grösster Gefahr. Er sagt: «Unser Komitee arbeitet im Untergrund, trifft sich in Privatwohnungen. Aber wir leben dabei unser normales Leben. Wer vom Geheimdienst erwischt wird, ist so gut wie tot.»
Drei Freunde hat Mahmud verloren bei den Demonstrationen. Ein Bekannter begleitet ihn diesmal, ein Mann aus Duma. Vom Klinikdirektor Assali und seinem staatlichen Hospital will er nichts hören: «Duma ruhig? Seit zehn Tagen geht ab 18 Uhr bei uns keiner mehr auf die Strasse. Die Armee durchkämmt Läden und Häuser, die ganze Nacht wird geschossen.» Und die Opferzahlen? 20 Tote? «Die letzte Woche war hart. Sicher 100 Leute sind umgekommen. Wie viele Soldaten tot sind, weiss ich nicht.»
Blutiger Jahrestag
Um zu verstehen, was geschieht in Syrien, lohnt es, nach den längeren Linien zu suchen: Das Massaker von Homs fällt mit dem 30. Jahrestag eines anderen Massakers zusammen. Angerichtet hatte es in der Stadt Hama 1982 der Vater des heutigen Staatschefs. Hafez al-Assad war der Begründer des modernen Syrien. Der Kampfpilot und Putsch-Offizier liess seinen Staat und sein Lebenswerk von Andersdenkenden nicht infrage stellen. Schon gar nicht von Islamisten.
Als die syrischen Muslimbrüder es zu Beginn der 80er-Jahre mit Gewalt versuchten, legte Assad senior ihre Hochburg Hama in Trümmer. Ob bei diesem Blutbad der Armee nun 10'000 oder 20'000 Menschen starben, das weiss bis heute niemand genau. Aber die Demonstranten, die an diesem Freitag in Homs, Hama und den anderen Orten auf den Strassen waren, riefen: «Hama – verzeih uns, dass wir dich damals alleingelassen haben!» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.02.2012, 21:19 Uhr
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14 Kommentare
Es geht uns heute wie damals unseren Vorfahren im letzten Weltkrieg. Wir müssen machtlos zusehen, wie Unschuldige gefoltert und getötet werden. Ein selbsternannter sowie machthungriger Despot kann selbstherrlich und menschenverachtend über "sein Volk" bestimmen. Und trotzdem gibt es Staaten, welche das Regime aus Eigennutz stützen und somit dessen Brutalität legimitieren - Schande diesem Tun! Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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