Im Schattenreich der Yakuza

Der Amerikaner Jake Adelstein berichtete jahrelang als Polizeireporter in Tokio über die Verstrickungen der japanischen Mafia-Bosse. Nun muss er um sein Leben fürchten.

Kunstvolle Erkennungszeichen: Mitglieder der japanischen Mafia präsentieren ihre Tätowierungen.

Kunstvolle Erkennungszeichen: Mitglieder der japanischen Mafia präsentieren ihre Tätowierungen.

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Er könne keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benützen, ziehe stets die Vorhänge zu, besonders an Regentagen, und natürlich lebe er getrennt von seiner Familie, sagt der Journalist Jake Adelstein. Dazu habe er einen Ex-Yakuza-Boss als Bodyguard und Fahrer angeheuert.

Adelstein ist der einzige Ausländer, der je als Polizeireporter für die japanische Zeitung «Yomiuri Shimbun» gearbeitet hat. Er berichtete über Morde, Frauenhandel und die Yakuza, Japans Variante der Mafia. Seine Erinnerungen, «Tokyo Vice, an American Reporter on the Police Beat in Japan», geben einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise japanischer Polizeireporter. So lauern sie regelmässig Detektiven spät nachts vor deren Wohnungen auf, um sie mit Geschenken als inoffizielle Quellen warmzuhalten.

Als Polizeireporter erfuhr Adelstein, dass der Yakuza-Boss Tadamasa Goto im Spital der University of California Los Angeles (UCLA) eine Lebertransplantation erhielt, obwohl er als Mitglied einer kriminellen Organisation nicht in die USA hätte einreisen dürfen. Und dass das UCLA-Spital ihn an die Spitze einer langen Liste von Leberpatienten setzte.

Deal dem FBI angeboten

Goto, der Boss der sogenannten Goto-Gumi, hatte dem FBI einen Deal angeboten: Er versprach der US-Bundespolizei eine Liste aller Deckfirmen der Yakuza in den USA, dafür verschaffte ihm das FBI ein Visum. Dem UCLA-Krankenhaus soll er insgesamt 1 Million Dollar gezahlt haben. Da dies der Erlös aus kriminellen Aktivitäten gewesen sein dürfte, war die Operation im juristischen Sinne Geldwäscherei. Adelstein deckte überdies auf, dass Goto nicht der Einzige war: Drei weitere Yakuza-Bosse hatten die Einreise in die USA geschafft und vom UCLA-Krankenhaus ohne Wartezeiten eine neue Leber erhalten.

In Japan konnte Adelstein seine Enthüllungen nicht veröffentlichen; die Verlage fürchteten die Rache der Yakuza. Durchaus zu Recht, wie Anschläge gegen Journalisten und Filmer zeigen, die über die Yakuza berichtet haben. Als die Leute um Goto von der geplanten Reportage Adelsteins erfuhren, boten sie ihm 300'000 Dollar, damit er nichts schreibe. Falls er ein paar Tage warten könnte, könne er auch eine halbe Million bekommen. Natürlich sei er versucht gewesen, sagt Adelstein. Aber er wollte nicht für den Rest seines Lebens in der Tasche dieser Leute stecken. «Und meine Ehre ist mindestens 1 Million wert», sagt er grinsend, stets etwas nervös, als stehe er unter Hochdruck.

Die Yakuza schlägt bei Regen zu

Schliesslich publizierte er die Geschichte in den USA und braucht seither in Japan einen Bodyguard – und er muss die Vorhänge ziehen, besonders bei schlechtem Wetter. Die Scharfschützen der Yakuza schlagen an Regentagen zu: Es sind weniger Leute auf der Strasse, und der Regen spült allfällige Spuren weg.

Anders als kriminelle Vereinigungen in Europa oder den USA verstecken die Yakuza sich nicht, im Gegenteil. Sie haben Büros und Visitenkarten. Die blosse Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation ist in Japan nicht strafbar. In gewissen Tokioter Restaurants kann man sie prassen sehen; die Namen ihrer Bosse sind bekannt – zuweilen lassen sie sich sogar fotografieren; es gibt Yakuza-Fanmagazine.

Die Yakuza behaupten, sie lebten die Tradition der Samurai weiter, zumal deren bedingungslose Unterwerfung unter ihren Oyabun, wörtlich «Ziehvater». Ein Yakuza, der einen Fehler begeht, schneidet sich als Zeichen der Reue das vorderste Glied des kleinen Fingers ab und übergibt es seinem Boss – eine ritualisierte Form der Unterwerfung. Japan verdanke seine tiefe Kriminalitätsrate eher ihnen als der Polizei, sagen die Yakuza. Ein bisschen was sei da durchaus dran, meint Adelstein. Taschendiebe zum Beispiel fürchteten sich eher vor mit Gewalt drohenden Yakuza-Typen als vor der Polizei. Nach dem Erdbeben von Kobe vor 15 Jahren mobilisierte die Yakuza viel rascher Hilfe als der Staat.

Spezialitäten: Schulden eintreiben, Sexgewerbe, Drogenhandel

Zu den Spezialitäten der Yakuza gehört es, ausstehende Schulden einzutreiben – wenn es sein muss mit Gewalt und gegen einen erheblichen Gewinnanteil; sie vertreiben renitente Mieter, die das Gesetz eigentlich schützt; das Sexgewerbe und der Drogenhandel sind in ihrer Hand. Ausserdem werden Yakuza-Gruppen verdächtigt, schon Falschgeld und gefälschte Zigaretten sowie Medikamente aus Nordkorea verbreitet zu haben. Immer mehr drängen sie auch in legale Geschäftsbereiche; sie besitzen Detekteien, Bauunternehmen – die Leichen ihrer Mordopfer sollen sie in die Fundamente grosser Gebäude versenken – und Investitionsgesellschaften. Die Börse manipulieren sie angeblich mit Insidergeschäften.

Wenig bekannt sei bisher, so Adelstein, dass auch die japanische Unterhaltungsindustrie von der Yakuza kontrolliert werde. Und ein japanischer Internetdienst für soziale Netzwerke, ähnlich Facebook, soll einer Yakuza-Gruppe gehören. Ein völlig legales Geschäft, aber deshalb gespenstig, weil viele junge Leute dort freiwillig oft sehr private Fakten verraten – die, wenn gespeichert, bei Gelegenheit zur Erpressung genutzt werden könnten.

Verbindungen in die Politik

Die heutigen Yakuza-Gruppen sind zu Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Damals war ihr wichtigster Geschäftsbereich das illegale Geldspiel. Heute zählen die wichtigsten Gruppen zusammen etwa 80'000 Mitglieder. Historisch reklamierten die Yakuza für sich, ehrenhafte Gesetzesbrecher zu sein; die ersten Gruppen dürften sich aus herrenlosen Samurais, Händlern und einer frühen Form von städtischen Bürgerwehren im 17. Jahrhundert formiert haben. Schon im 19. Jahrhundert heuerten konservative Parteien Yakuza-Gruppen an, um politische Versammlungen der Linken zu stören.

Seit der amerikanischen Besatzung stehen manche Yakuza-Gumi dem rechten Flügel der Liberaldemokratischen Partei (LDP) nahe, die Japan bis vorigen Sommer regierte. Mehrere LDP-Premierminister hatten Yakuza-Verbindungen, so Nobusuke Kishi, Japans Regierungschef von 1957 bis 1960, den die USA erst als Kriegsverbrecher gefangen hielten – und dann als ihren Mann für die amerikanisch-japanische Freundschaft aufbauten. Die grossen Demos gegen die Erneuerung des US-japanischen Freundschaftspakts 1959/60 wurden von Schlägertrupps der Yakuza niedergeprügelt. Nobusuke Kishi leitete später die Beerdigungsvorbereitungen eines der involvierten Yakuza-Bosse.

Als Yoshihiro Mori im Jahre 2000 Premier war, tauchten Fotos auf, auf denen er mit einem Gangsterboss tafelte. Er hatte auch einen Yakuza als Heiratsvermittler. Die «Far Eastern Economic Review» zitierte vor einigen Jahren einen Insider, der sagte, es gebe keinen japanischen Politiker, der seinen lokalen Yakuza-Boss nicht kenne.

Ungesunde Bräuche

Adelstein sagt, er verfüge über Hinweise, dass Yakuza-Gruppen der LDP vor etwas mehr als einem Jahr die Loyalität gekündigt und sich auf die Seite der nun regierenden Demokratischen Partei von Yukio Hatoyama geschlagen haben. Adelstein vermutet, sie wollten verhindern, dass die Demokratische Partei die Gesetze verschärfe.

Zu den Bräuchen der Yakuza gehören grossflächige kunstvolle Tätowierungen, die oft den ganzen Oberkörper bedecken. Oder noch mehr. Nur berauben Tätowierungen die Haut um ihre Fähigkeit zu schwitzen, also auch, den Körper entgiften zu helfen. Das belastet die Leber. Und da die Yakuza ihrer Leber auch viel Sake zumuten und mit ihrem Lebensstil erheblich gelbsuchtgefährdet sind, leiden viele Yakuzas an so schweren Leberschäden, dass sie eine neue Leber brauchen. In Japan selbst jedoch ist die Transplantationsmedizin wenig entwickelt – die Japaner haben sogar gegen Blutinfusionen eine kulturbedingte Abneigung.

Im Epilog seines Buchs berichtet Adelstein, wie er schliesslich merkte, dass er die Sache mit den Lebertransplantationen weniger als investigativer Journalist enthüllt hatte, sondern dass er von einer mit den Goto-Gumi rivalisierenden Gang instrumentalisiert wurde: Sie wollte Tadamasa Goto ausschalten und haben Adelstein dazu Informationsfetzen zugespielt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.01.2010, 04:00 Uhr

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3 KOMMENTARE

Oliver Roth

26.01.2010, 13:05 Uhr

Danke für diesen sehr interessanten Artikel und den Hinweis zum Buch!


Daniel Leu

26.01.2010, 13:05 Uhr

Wie bitte ? Tätöwierungen berauben der Haut die fähigkeit des schwitzens? Darum haben die Yakuza auch ihre eigenen Saunas, weil sie in den öffentlichen unerwünscht sind, gelle. Yakuzas haben nicht mehr oder weniger Leberschäden als anderer Leute auch. Schwacher Artikel.


Walter Wicker

26.01.2010, 12:24 Uhr

Das sieht Obama sicher nicht gern. Er sucht immer nur im Ausland (Schweiz) anstatt im eigenen Land (UCLA-Krankenhaus) für Ordnung zu sorgen.



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