Karzai umschmeichelt die «lieben Brüder»
40 Aussenminister in Kabul
Die internationale Afghanistan-Konferenz beginnt am Dienstag in Kabul. Zu dem Treffen werden rund 40 Aussenminister erwartet. Die Zusammenkunft hat grossen Symbolwert, da sie trotz der schlechten Sicherheitslage erstmals in Afghanistan selbst stattfindet. Nach jahrzehntelangen Unruhen soll es das grösste internationale Treffen am Hindukusch seit 50 Jahren sein.
Auf der Konferenz soll eine Zwischenbilanz gezogen werden, nachdem vor einem halben Jahr in London ein Strategiewechsel beschlossen wurde. Damals bereitete die Staatengemeinschaft den Weg für eine Annäherung an die gemässigten Taliban und stellte die Weichen für einen Abzug der internationalen Truppen. Von Karzai erwartet man vor allem, dass er endlich die Korruption in der Verwaltung bekämpft.
Der Juni war mit über 100 gefallenen Soldaten der blutigste Monat für die internationalen Truppen seit dem Sturz der Taliban 2001. Während die Verluste steigen, stockt im Süden die Offensive gegen die immer stärker werdenden Taliban. Am Sonntag sprengte sich ein Selbstmordattentäter in Kabul in die Luft und riss mindestens drei Menschen mit in den Tod. Die Nato gab zudem den Tod von drei Soldaten bekannt. Die Taliban befreiten gleichzeitig elf Häftlinge aus einem Gefängnis in der Provinz Farah.
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Afghanistans Präsident Hamid Karzai umgarnt die Taliban – sie sollten doch bitte schnellstmöglich das Kämpfen beenden und Friedensgespräche mit seiner Regierung aufnehmen. Doch auch wenn es neun Jahre nach dem Sturz des Talibanregimes als ausgemacht gilt, dass es keinen militärischen Sieg des Westens gegen sie geben wird – eine gemeinsame Linie zwischen der Regierung und ihrem wichtigsten Verbündeten lässt sich für den Umgang mit den Aufständischen nicht ausmachen.
Reden, aber mit wem?
In Washington heisst es, Verhandlungen seien nur denkbar, wenn die Taliban der Gewalt abschwörten, ihre Verbindungen zur al-Qaida kappten und die afghanische Verfassung akzeptierten. «Wenn sie bereit sind, die roten Linien einzuhalten und aus dem Abseits zu kommen, muss es einen Platz für sie geben», sagte Obamas Sondergesandter für die Region, Richard Holbrooke. Unklar ist auch noch, mit welchen Taliban Verhandlungen geführt werden sollen. Meistens werden das Haqqani-Netzwerk, die Miliz von Gulbuddin Hekmatyar und Mullah Omars Kämpfer unter diesem Begriff zusammengefasst.
Amerikas Strategie habe sich auch nach dem Wechsel der Nato-Oberkommandierenden in Kabul nicht geändert, schreibt Thomas Ruttig vom unabhängigen «Afghanistan Analysten Netzwerk». Ob dies allerdings etwas anderes erzeuge als weiteres Blutvergiessen, sei «ungewiss». Gemäss «New York Times» setzt sich der neue Befehlshaber in Afghanistan, David Petraeus, beispielsweise dafür ein, das Haqqani-Netzwerk als Terrororganisation einzustufen. Der Gruppe werden zahlreiche Anschläge auf die Nato zugeschrieben. Sie unterhält enge Beziehungen zur al-Qaida. Der amerikanische Plan würde dem pakistanischen Ansinnen entgegenlaufen, das offenbar das Haqqani-Netzwerk als Machtfaktor in Afghanistan in Stellung bringt. Jüngst soll der pakistanische Geheimdienstchef Gespräche von Vertretern der Gruppe mit der afghanischen Regierung eingefädelt haben – was offiziell bestritten wird. Ahmed Rashid, Autor zahlreicher Bücher über die Region, ist aber davon überzeugt, dass Karzai sich mit dem pakistanischen Geheimdienst austauscht (Interview unten).
Pakistans zentrale Rolle
Pakistan kommt eine entscheidende Rolle zu: Das Militär ist im Grenzgebiet mit Operationen gegen Taliban beschäftigt, die Anschläge auf pakistanischem Boden verüben. Hinzu kommt die unveränderte Fixierung auf den Erzfeind Indien an der Ostgrenze. Daher werde man keine zusätzlichen Truppen in das Grenzgebiet zu Afghanistan entsenden können, sagt das pakistanische Militär. Aus dessen Sicht ergibt es keinen Sinn, gegen Hekmatyars Milizen und die afghanischen Taliban vorzugehen.
«Schliesslich greifen sie uns auch nicht an», fasst ein Kenner die Argumentation zusammen. Pakistan bringe sich vielmehr für die Zeit nach dem amerikanischen Abzug in Stellung und wolle eine wohlgesinnte Regierung in Kabul auf den Weg bringen. Doch bislang seien für eine Aussöhnung mit den Taliban in Kabul keine entscheidenden Fortschritte auszumachen, sagt der ehemalige Aussenminister der Taliban, Wakil Ahmad Muttawakil, in einem Gespräch in Kabul. Er gilt als möglicher Vermittler für Verhandlungen, auch wenn sein Einfluss auf die Taliban um Mullah Omar inzwischen gering ist.
«So ist es nicht gekommen»
Die Taliban müssten eine Anlaufstelle, «ein Büro» in Afghanistan eröffnen können, damit direkte Verhandlungen möglich würden. Der Westen zahle nun den Preis für eine Fehlkalkulation zu Beginn des Krieges: «Sie konnten die Talibanregierung verschwinden lassen und dachten, dies wäre auch mit der Talibanbewegung möglich, aber so ist es nicht gekommen», sagt Muttawakil.
Die Taliban selbst verfolgten im Gegensatz zur al-Qaida nur eine nationale Agenda. Sie voneinander zu trennen, sei aber schwierig, schliesslich «sind sie Kampfpartner». Angestrebt werden müsse eine grosse Lösung, die alle Nachbarstaaten in Verhandlungen einbezieht. Eine zentrale Rolle sollte dabei die UNO übernehmen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.07.2010, 22:19 Uhr











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