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Korruptionsverdacht: 700 Polizisten verhaftet

In der chinesischen Metropole Chongqing sagt ein Parteifunktionär dem organisierten Verbrechen den Kampf an. Bei einer Grossrazzia wurden neben Gangstern auch Hunderte korrupte Polizisten und Beamte verhaftet.

Ordnungsliebender Parteisekretär: Bo Xilai.

Ordnungsliebender Parteisekretär: Bo Xilai.

Es sind schlechte Zeiten für Gangster und ihre Freunde, die «bad cops», im chinesischen Chongqing. In der Boom-Metropole am Jangtse-Fluss wird gerade gründlich aufgeräumt. Es ist vorwiegend eine Grossrazzia gegen die Triaden, wie das organisierte Verbrechen in China heisst. Doch so viele korrupte Polizisten sind den Fahndern mit ins Netz gegangen, dass auf der Polizeihauptwache ganze Büroflure vorübergehend verwaist sind. «Bei einer Sitzung haben sie kürzlich festgestellt, dass kaum noch jemand da war», berichtet ein Insider im vertraulichen Gespräch mit dem «Tages-Anzeiger». «700 Beamte waren allein aus der Hauptwache abtransportiert worden.» Man habe dann beschlossen, eine viel geringere Zahl zu veröffentlichen. «Sonst denkt die Bevölkerung noch, es gebe in Chongqing keinen einzigen ehrlichen Polizisten mehr.»

Einer der grössten Kriminalfälle

So ähnlich dachte das Volk tatsächlich, zumindest bevor der Grossangriff auf die Unterwelt und ihre Netzwerke in Polizei, Justiz und Verwaltung in diesem Sommer begonnen hatte. Seit Montag dieser Woche laufen die ersten Gerichtsprozesse. Mehr als 2000 Tatverdächtige, darunter «mehr als 100 Polizisten» warten auf ihren Prozess, berichtete der staatliche Fernsehsender CCTV. Und während die offiziellen Zahlen mit Vorsicht genossen werden müssen – wie immer in der Volksrepublik –, so verweisen sie doch ohne Zweifel auf einen der grössten Kriminalfälle in der sechzigjährigen Geschichte der Volksrepublik China.

«Da hei» nennt Chinas Volksmund die örtliche Kampagne, den «Schlag gegen die Unterwelt». Und alle wissen, dass dahinter ein einzelner Politiker steckt. Es ist Bo Xilai, der ehrgeizige Parteisekretär von Chongqing. Der hatte schon viele Posten inne, doch wie so oft in China, begründet er seinen Anspruch auf noch höhere Weihen durch seinen «roten Adel». Bo ist der Sohn von Bo Yibo, dem Alt-Revolutionär, der bis zu seinem Tod im Januar 2007 zu den mächtigsten Männern Chinas gehört hatte.

Der ewige Zweite greift durch

Der heute 60-jährige Bo Xilai hat sich als Handelsminister und später als Bürgermeister von Dalian einen Namen als zupackender, aufrechter Reformer gemacht. Er ist Mitglied des Politbüros. Doch anders als ein anderer «roter Prinz», der gerade von der Frankfurter Buchmesse abgereiste Xi Jingping, hat es Bo noch immer nicht bis in den innersten Machtzirkel geschafft. Bei den zahlreichen Richtungskämpfen innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas hatte er wiederholt das zweite Los gezogen und müht sich nun schon das zweite Jahrzehnt in der Provinz ab. Nun aber empfiehlt er sich mit Kampagnen gegen Korruption und Verbrechen erneut für eine Promotion – nicht nur in den Augen der Bevölkerung, sondern auch für die zentrale Parteiführung in Peking.

Einblick in die Unterwelt

Spätestens 2012, wenn beim 18. Parteikongress in Peking die Karten neu gemischt werden, will Bo Xilai ein paar Trümpfe in der Hand halten. Und so bekommen einfache Chinesen nun einen seltenen Einblick in eine Welt, die für Chinas streng kontrollierte Medien von wenigen Ausnahmen abgesehen sonst eher Tabu ist. Die Hauptfiguren der bislang ungebremst erpressenden, mordenden und in Saufgelagen feiernden Unterwelt von Chongqing heissen unter anderem Cheng Mingliang, ein Yuan-Milliardär und ehemaliges Mitglied des Nationalen Volkskongresses, der sich das Geschäft mit Drogen und Glücksspiel in der Stadt gesichert hatte. Er sitzt jetzt ebenso hinter schwedischen Gardinen wie Wang Tianlong, der die Schlachthöfe kontrolliert hatte. Gesiebte Luft atmen auch Wen Qiang, bis vor kurzem der oberste Justizbeamte von Chongqing, und Peng Changjian, der ehemalige Vize-Polizeichef.

Besonders die bis in höchste Dienstränge reichende Zusammenarbeit zwischen Gangstern und Polizei hat nun in ganz China eine heftige Debatte ausgelöst. «Diese Verbrechersyndikate waren so unverfroren, weil sie einen schützenden Schirm über sich wussten», sagte Bo Xilai vor wenigen Tagen auf einer Konferenz chinesischer Zeitungsverleger.

Kapitel eines Schundromans

Was nun nach und nach ans Licht kommt, klingt wie aus einem Schundroman. Noch vor kurzem lauerten am helllichten Tag mit Macheten bewaffnete Gangster in Chongqing rivalisierenden Bossen auf. Sie hackten widerspenstige Flussfischer ebenso gnadenlos zu Tode wie kleine Unternehmer, die sich keine Schutzgelder abpressen lassen wollten. Die grossen des Gewerbes versteckten sich hinter legitimen Geschäftsadressen. Niedere Ganoven aber lieferten sich schon einmal Schusswechsel auf offener Strasse, so wie am 3. Juni, als der 44-jährige Drogenschieber Li Minghang vor seiner Haustür aus seinem BMW stieg und von Kugeln niedergestreckt wurde. Sein Tod war zum Anlass genommen worden, mit der Grossrazzia zu beginnen.

Mehrere Tausend Polizeibeamte wurden eingesetzt, um Gruppen von Verdächtigen überfallartig festzunehmen. So wurde etwa die Polizeihauptwache während einer Versammlung gestürmt. Der grösste Triadenboss aber soll Wen Qiang gewesen sein, im Hauptberuf Direktor der Justizbehörde von Chongqing. Wer immer in der Stadt einen Gerichtsprozess gewinnen wollte, der musste Medienberichten zufolge seine Geliebte anheuern und bestechen, eine korrupte Anwältin.

In der Stadt ists stiller geworden

Zwei teure Limousinen und eine Polizeieskorte hatten bereitgestanden, als Wen Qiang am 7. August von einem Kadertreffen in Peking zurückkehrend auf dem Flughafen von Chongqing gelandet war. Daneben aber wartete schon der neue, von Bo Xilai eingesetzte Polizeichef Wang mit Handschellen. Seit der Festnahme des «Godfather» ist es stiller geworden in Chongqing. Das Teehaus Glänzender Ort, einst das bekannteste Bordell der Stadt, ist nun ebenso geschlossen wie der Wolkentraum-Pavillon, ein illegales Kasino, und der Nachtklub Weisses Haus im Untergeschoss des Marriott-Hotels. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2009, 07:03 Uhr

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