Malaysia sucht den Super-Imam
Von Tobias Matern, Delhi. Aktualisiert am 02.07.2010 1 Kommentar
Es ist eine Situation, wie sie das Fernsehpublikum liebt: Syakir soll jetzt reden, seine Gefühle beschreiben. Die Kamera hält voll auf sein Gesicht – sofort bricht Syakir die Stimme. Der junge Mann weint kurz und sagt dann artig, dass er seinen Vater und die ganze Familie gerade sehr vermisse. Mit dem Ärmel seines Hemdes wischt sich der 18-Jährige die Tränen ab. Es ist wohl alles etwas zu viel für ihn. Eben hat er eine Leiche waschen und sie nach dem muslimischen Ritus begraben müssen. Mit den anderen Kandidaten hat er sich über den Tod ausgetauscht. Nun also die Tränen, bis der Schnitt Syakir erlöst.
Zurück ins Studio. Dort sitzen die zehn Kandidaten in ihren dunklen Anzügen und den bunten Hemden. Sie tragen eine traditionelle muslimische Kopfbedeckung. Sanft fahren die Scheinwerfer über ihre Gesichter. Der Moderator lobt die Bewerber für ihren Einsatz. Noch zu Beginn der Sendung hatte er die Zuschauer auf die heutige Aufgabe der Kandidaten eingestimmt: «Wenn unsere Zeit gekommen ist, kann niemand den Tod auch nur eine Sekunde hinauszögern. Alte Menschen sterben, Kinder sterben. Sind wir auf den Tod vorbereitet?»
Als Preis die Reise nach Mekka
«Imam Muda» heisst die TV-Show, in der all dies zu sehen ist. Übersetzt heisst das so viel wie junger Religionsführer. Die von einem Kabelsender ausgestrahlte Show ist im islamisch geprägten und auch westlich beeinflussten Malaysia ein Zuschauermagnet. Nach dem Muster von Castingshows wie «MusicStar» oder «Deutschland sucht den Superstar» haben sich mehr als 1000 junge Männer in dem südostasiatischen Land beworben; zehn Kandidaten zwischen 18 und 27 Jahren haben es schliesslich in die Sendung geschafft. Woche für Woche werden nun welche ausgemustert – bis einer übrig bleibt. Den Sieger bestimmen aber nicht die Zuschauer, sondern Religionsgelehrte. Und er erhält als Preis keinen Plattenvertrag, sondern die Aussicht, in einer Moschee in der Hauptstadt Kuala Lumpur den Posten als Vorbeter zu bekleiden. Zuvor darf er noch seine Islamstudien in Saudiarabien vertiefen und nach Mekka pilgern. Aber auch weltliche Preise hat der Sender Astro Oasis ausgelobt: 20'000 Ringgit (7000 Franken), einen Laptop und ein Auto.
In den vergangenen Jahren haben radikalere islamische Strömungen im als moderat geltenden Malaysia an Einfluss gewonnen. Katholiken sollte es etwa verboten werden, den Begriff Allah zu verwenden – was ein Gericht allerdings abschmetterte. Im Februar wurden drei Frauen für Ehebruch bestraft, in der vergangenen Woche hiess es, Extremisten mit Verbindungen zu al-Qaida seien an malayischen Universitäten rekrutiert worden.
«Imam Muda» hingegen will ein junges, freundliches Bild des Islam vermitteln. Die Bewerber mussten keinen speziellen Hintergrund vorweisen, auch Studenten, ein Bauer, ein Rhetoriktrainer und ein Bankangestellter möchten Malaysias Super-Imam werden. Häufig sind die Kandidaten in der Sendung in Jeans und Fussballtrikots zu sehen. Um die Jury von ihrer Tauglichkeit zu überzeugen, müssen sie nicht nur Koranverse zitieren können, sondern sich auch als mitfühlende Vorbilder beweisen. Sie treffen und beraten schwangere, alleinstehende Frauen, verwaiste Kinder, mit dem Gesetz in Konflikt geratene Verkehrssünder. Die jungen Männer wohnen während der Dauer der Show abgeschottet in einer kleinen Herberge auf einem Moscheegelände.
Talentiert – und gut aussehend
Die Verantwortlichen für die Sendung betonen, es werde genau darauf geachtet, dass keine religiösen Gefühle verletzt würden, das Konzept sei in enger Abstimmung mit den Behörden entstanden. Ziel von «Imam Muda» sei es, sowohl den Bewerbern als auch den Zuschauern ihre Religion auf unterhaltsame Weise näherzubringen, sagt der Produzent. Diese Mischung kommt an. Jeden Freitagabend sitzen vor allem junge Menschen in Malaysia zur besten Sendezeit vor dem TV, um die neue Folge zu sehen.
«Für mich ist es mehr als eine Talentsuche», sagt Memei Mansor. Für die angehende Krankenschwester aus Kuala Lumpur ist die Sendung ein persönlicher Weckruf, der ihr zeige, wie «ein Muslim sein sollte». Aber das ist nur die eine Seite. Die 23-Jährige macht keinen Hehl daraus, dass sie nicht nur zur religiösen Erbauung zuschaut – sondern auch, weil die Kandidaten «so gut aussehen». Die meisten Teilnehmer der Sendung könnten sich tatsächlich als Model versuchen, wenn es mit dem Imam nicht klappt.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.07.2010, 21:01 Uhr





Eva Greub
Wann suchen wir den super Pfarrer? Antworten