Ausland
«Mumbai verliert seine Seele»
Von Sascha Zastiral, Mumbai. Aktualisiert am 24.11.2009 7 Kommentare
Brutaler Jüngling: Vor einem Jahr richtete Ajmal Amir im Bahnhof ein Blutbad an.
Pradnya Ramesh Sarkate hat am Abend des 26. November 2008 einen normalen Arbeitstag hinter sich. Seit dem frühen Morgen arbeitet die 27-jährige Notärztin an Mumbais St.-George-Spital. Viel passiert ist an diesem Tag nicht. Das Fernsehen überträgt den Cricketmatch zwischen Indien und England. Es ist, wie immer, ein Strassenfeger. Auch deswegen ist im Spital wenig los.
Um 21.40 Uhr wird plötzlich ein Mann mit einer Schusswunde eingeliefert. Er wirkt verstört, erzählt, er sei im Leopold gewesen, dem bekannten Restaurant im Süden der Stadt, als jemand ins Restaurant geschossen habe. Eine Mafiaschiesserei, denkt sich die junge Ärztin.
Doch dann werden Dutzende eingeliefert: Alle haben Schussverletzungen, und jeder zweite ist schon tot. Freunde oder Freiwillige bringen sie in Privatautos, Taxis oder Krankenwagen. «So was wie an diesem Abend hatte ich noch nie erlebt», erinnert sich Pradnya Ramesh Sarkate.
Sie kamen im Schnellboot
Aus dem Nichts ist das Grauen über Mumbai hereingebrochen. Zehn pakistanische Terroristen haben mit einem Schnellboot in einer Bucht angelegt. Jeder hatte einen Rucksack voller Waffen und Munition bei sich. Die Ziele ihrer Attacke haben sie schon vor Monaten von ihren Ausbildern der Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba erfahren: Zwei Luxushotels und das Restaurant Leopold, das bei Ausländern und bei Einheimischen beliebt ist. Zwei der Angreifer fahren zum Nariman House, einem Zentrum der ultraorthodoxen jüdischen Lubawitscher-Gruppe. Wieder und wieder haben die Terroristen Stadtpläne und Google-Maps-Aufnahmen studiert, dazu Fotos aus dem Inneren der Anschlagsorte. Geliefert haben sie Mittelsmänner in Mumbai. Die Lashkar-e-Toiba und der pakistanische Geheimdienst ISI haben in ganz Indien Verbindungsleute.
Zwei Terroristen fahren zum Hauptbahnhof, der um diese Zeit noch voller Menschen ist. Sie gehen in die Toilette und packen ihre Maschinengewehre aus. Dann stürmen sie die Bahnhofshalle und werfen Handgranaten. Mehr als 50 Menschen sterben alleine hier.
Das Wüten dauert drei Tage
Beinahe drei Tage lang wird der indische Sicherheitsapparat benötigen, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Es gibt keinen Notfallplan, keine klare Kommandostruktur. Erst das Sondereinsatzkommando National Security Guards, das aus Delhi eingeflogen wird, kann die Attentäter nach und nach ausschalten. Zu diesem Zeitpunkt haben die Angreifer 166 Menschen ermordet.
Das jüdische Zentrum, in dem die Terroristen den Rabbiner Gavriel Holtzberg, seine Frau Rivkah und vier Gäste grausam gefoltert und dann getötet haben, steht noch heute leer. Immer noch sind die Spuren der Kämpfe zu erkennen, die Fenster sind zerschossen und russgeschwärzt.
Fast wie vergessen
Sonst erinnert nur wenig im Stadtbild unmittelbar an die Schreckenstage vor einem Jahr. Lediglich die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen am Hauptbahnhof zeugen von den Ereignissen, die sich hier abgespielt haben. Polizisten mit Metalldetektoren stehen an mehreren Eingängen und kontrollieren stichprobenartig das Gepäck von Fahrgästen. Im Inneren des gewaltigen viktorianischen Gebäudes patrouillieren Bahnpolizisten mit Maschinengewehren. Es sind nicht mehr als ein halbes Dutzend.
Dass sie in der Lage sein könnten, einen erneuten Angriff abzuwehren, glaubt kaum jemand. Ein Polizeioffizier räumt ein, es sei gar nicht möglich, jeden der drei Millionen Fahrgäste, die den Bahnhof täglich benutzen, zu kontrollieren. Die Stadt des Bollywood-Kinos und des schnellen Geldes ist schon lange in ihr rasantes Lebenstempo und in die Gleichgültigkeit einer Multimillionenmetropole zurückgefallen.
Leichtigkeit eingebüsst
Und doch hat sich etwas verändert: Mumbai hat einen Teil seiner Leichtigkeit, für die Indiens Finanzmetropole so berühmt war, eingebüsst. «Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir Mumbaier nicht zumindest für einige Sekunden Angst empfinden», sagt der Journalist Ninad Siddhaye. «Es ist, als ob die Stadt durch die immer wiederkehrenden Anschläge langsam ihre Seele verliert.»
Denn schon im Juli 2006 hatten Terroristen Mumbai schwer getroffen: In Vorortszügen und in Bahnhöfen explodierten insgesamt sieben Sprengsätze. 209 Menschen kamen bei der brutalen Anschlagsserie ums Leben, mehr als 700 wurden verletzt. Denn die Bomben explodierten, als gerade die Rushhour eingesetzt hatte.
Ständige Angst
«Jedes Mal, wenn ich in einen Zug steige, denke ich einen Augenblick lang daran, dass mir was zustossen könnte», sagt Siddhaye. «Jedes Mal, wenn ich in den Süden der Stadt gehe und die Anschlagsziele vom letzten November sehe, muss ich daran denken, was dort geschehen ist.» Damit haben die Terroristen ihr Ziel erreicht: Sie haben der Stadt mit ihrer unermesslichen Brutalität für alle Zeiten ihren Stempel aufgedrückt.
Von den Bürgerinitiativen, die sich kurz nach den Anschlägen gebildet haben, ist nur wenig übrig geblieben. Zehntausende gingen damals auf die Strassen und demonstrierten gegen die Regierung. Ihr Zorn richtete sich vor allem gegen Vilasrao Deshmukh, den Ministerpräsidenten des Bundesstaates Maharashtra, in dem auch Mumbai liegt. Nur wenige Tage nach den Anschlägen hatte Deshmukh das besonders schwer getroffene Taj-Hotel besucht. Begleitet wurde er von einem Regisseur, der offenbar schon einen Film über die Anschlagsserie plante. Die Menschen in Mumbai waren angesichts dieser mangelnden Feinfühligkeit ausser sich. Wenige Tage später musste Deshmukh zurücktreten.
Nur ein Attentäter überlebte
Grosses Aufsehen erregten Anfang Jahr die Vorbereitungen für das Verfahren gegen Mohammad Ajmal Amir alias Kasab, den einzigen überlebenden Attentäter. Der gerade einmal 22-Jährige war einer der beiden Männer, die das Massaker im Bahnhof angerichtet hatten.
Er wurde von Passanten überwältigt, nachdem Polizisten ihn und seinen Komplizen nach einer Amokfahrt durch den Süden der Stadt angeschossen hatten. Seit April verhandelt ein Sondergericht seinen Fall.
Die Journalistin Menaka Rao berichtet für die Tageszeitung «DNA» über den Prozess. Sie war entsetzt, als sie den jungen Attentäter zum ersten Mal vor Gericht erlebt hat. «Er hat ununterbrochen gegrinst, und er war sehr albern. Ein alberner Junge, der es genossen hat, im Rampenlicht zu stehen. Weil so viele Menschen da waren, die darauf gewartet hatten, ihn zu sehen», erzählt die Reporterin. Im Lauf der Zeit sei Amir ernster geworden. Doch sie habe nie das Gefühl gehabt, dass er seine Tat bereut.
Täter packte aus
Zunächst bekannte sich der Angeklagte «nicht schuldig». Sein Anwalt zog das Verfahren mit etlichen Anträgen in die Länge. Im Juli dann die Wende: Der Attentäter packte aus und gestand seine Tat.
«Er hat die gesamte Geschichte erzählt», sagt Menaka Rao. Von Anfang an: Wie ihn die Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba rekrutiert habe, von seinem Training, und wie er mit neun anderen Attentätern nach Mumbai gekommen sei. «Dann hat er von den Morden berichtet, vier Stunden hat er erzählt.»
Mehr als 250 Zeugen haben bislang gegen Amir ausgesagt. Die Staatsanwaltschaft hat damit ihre Beweisführung so gut wie beendet. In einigen Wochen wird das Urteil erwartet. Es gilt als sicher, dass der junge Pakistaner zum Tode verurteilt und gehängt wird.
Indien warnt Nachbar Pakistan
Doch damit ist das Thema nicht abgeschlossen. Denn die ohnehin gespannten Beziehungen zwischen Indien und Pakistan haben sich seit dem Anschlag deutlich verschlechtert.
Aus Sicht der Inder tut die pakistanische Regierung viel zu wenig gegen die Terrorgruppen im eigenen Land. Die Warnung, die Indiens Innenminister Chidambaran kürzlich aussprach, ist daher ernst zu nehmen. Er sagte: «Sollte es noch einmal eine Bedrohung oder einen Terroranschlag geben, wie wir ihn am 26. November 2008 erleben mussten, wird Indiens Antwort schnell und entschlossen ausfallen.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.11.2009, 06:20 Uhr
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7 Kommentare
Bombai hatte keine Seele und Mumbai bekam nie eine! Wo Diamanthandel und Gold das Mass der Dinge sind werden Menschen auf der Strecke bleiben.@Rolf Schumacher: Da träumen sie aber schön! Dank den Briten gibt es fast keine Witwenverbrennungen mehr. Nur so als Denkanstoss. Antworten
@Rubli. Der britische Kapitalismus und der portugiesische Katholizismus haben die Spiritualität des Hinduismus zerstört, oder an den Rand gedrückt. Ein Plastikganesh reicht nicht zur spirituellen Einsicht. Wo der Geist im Dunkeln wandelt, bringt keine Glühbirne oder Neonreklamenwand Licht. Jeder soll sich mal überlegen, was die eigene Seele frisst. Antworten
Nein, die Seele hat Mumbai sicher nicht verloren, ein einziger Nachmittag in der Stadt , abseits touristischer Pfade, zeigt dem offenen, unvoreingenommenen Besucher die wunderbare & anhaltende Komplexität und Vielschichtigkeit, die den Charakter Mumbais ebenso ausmachen wie die bunte Mischung seiner arbeitsamen Bewohner. Schade, dass Mumbai sich mit solchen Vorurteilen herumschlagen muss. Antworten
@Schuhmacher: Ihre Sicht ist originell, vor den Portugiesen und Engländern gab es kein Bombay/Mumbai, noch nicht einmal das (aufgeschüttete) Land, auf dem es steht. Das Kastenunwesen und seine rassistischen Auswüchse sind auch eher eine Errungenschaft der warmen Hindi-Herzen als der Engländer... Antworten
@Schumacher: es sind längst nicht mehr die Briten... Die indische Regierung pumpt lieber Milliarden in ein Nuklearprogram als in das eigene Volk zu investieren. Die Korruption ist gigantisch. Und gegen das rasante Bevölkerungswachstum wird - mit Ausnahe von ein paar Gliedstaaten - praktisch nichts unternommen. Indien übernimmt keine Verantwortung - weder für das Volk noch für die Region. Antworten
Kinderarbeit, Kinderprostitution, Kinderhandel, vogelfreie Kasten, Korruption, kein soziales Netz, Organhandel, Drogen, grassierende Seuchen, schlechte Kanalisation, Smog. Mumbay war schon als es noch Bombay hiess ein seelenloser Ort. Die englische Okkupation hat die letzten Anzeichen von Würde, Anstand und Sitte zerschlagen. Der Kapitalismus hat KALIgleich die warmen Hindi-Herze weggefressen. Antworten


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Rolf Schumacher
@König: Kennen wir die Tiefen der indischen Riten? Wir können den Indern die Massenschlachtung genauso wenig verbieten wie den USA die Todesstrafe. Jede Gesellschaft hat eigene Gesetze. Wie mancher hässlicher Krieg wurde schon geführt um ein Heidenvolk zu befreien?. Zudem, der Hinduismus ist ein weiter Begriff. Hört doch auf alles über einen Kamm zu reissen und kann jemand der Ankläger Sanskrit?? Antworten