«Nähert man sich dem Reaktor, zeigt das Messgerät ‹Error› an»

Die AKW-Katastrophe hat aus ihrer Heimat Fukushima eine Sperrzone gemacht. Die einzige Arbeit für die Männer dort: Aufräumen im havarierten Kernkraftwerk. Eine TV-Reportage zeigt schockierende Szenen.

Illegale Aufnahme: Auf dem Areal, wo die AKW-Arbeiter wohnen, darf eigentlich nicht gefilmt werden.

Illegale Aufnahme: Auf dem Areal, wo die AKW-Arbeiter wohnen, darf eigentlich nicht gefilmt werden. Bild: ZDF

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Der Einblick, den das ZDF-Nachrichtenmagazin «Frontal 21» in die Aufräumaktion am havarierten AKW Fukushima in Japan gewonnen hat, bringt Schockierendes an den Tag. Arbeiter äusserten sich nur anonym und mit verzerrter Stimme. Denn sie haben Angst. Angst vor der Strahlung. Angst, ihre Arbeit zu verlieren. Und Angst vor der Betreiberfirma Tepco.

«Hier in der Gegend gibt es praktisch keine Arbeit mehr. Also arbeite ich jetzt halt für Tepco», erklärt einer, weshalb er das überhaupt macht. Seine grösste Angst: «Wenn herauskommt, dass ich euch Informationen gebe, dann habe ich kein Einkommen mehr und kann meine Familie nicht mehr ernähren.» Die Arbeitsverträge der Arbeiter, die die stark verstrahlte Fukushima-Ruine aufräumen, enthalten eine Schweigeklausel: Die Arbeiter dürfen keinerlei Informationen über die Arbeit weitergeben.

«Es gibt keine Absperrungen»

Eine andere Eigenheit der Arbeitsverträge: Wer zusätzlich zum Tageslohn von umgerechnet 100 bis 120 Franken die Risikozulage von gut 10 Franken pro Stunde will, der unterschreibt, dass er Tepco später nicht auf Schadenersatz einklagen wird. Ein Tepco-Sprecher sagt dazu gegenüber «Frontal 21» nur, die Verträge würden von Subunternehmern mit den Arbeitern abgeschlossen. Daher habe Tepco dazu nichts zu sagen.

Dabei sind die gesundheitlichen Risiken nicht absehbar. Wenn wieder irgendwo in der Ruine ein neuer Hotspot mit extrem hoher Strahlung entdeckt wird, dann erfahren das die Arbeiter meist aus dem Fernsehen. «Wir erhalten keine verlässlichen Erklärungen, wo es gefährlich wird. Es gibt keine Absperrungen.»

Messgerät zeigt «Error» an

Wie hoch die Strahlung im Zentrum der 20-Kilometer-Sicherheitszone um das havarierte AKW ist, wissen die Arbeiter nicht: «Wenn du dich dem Reaktor näherst, dann zeigt das Messgerät nur noch ‹Error› an.» Die Werte sind so hoch, dass sie ausserhalb des Messbereichs der Geräte liegen. Ein Arzt warnt: «Sind die Hoden der Männer zu starker Strahlung ausgesetzt, ist die Wahrscheinlichkeit für körperliche Missbildungen und geistige Behinderungen bei ihren Kindern grösser.» Ein Schaden, für den Tepco dann nicht verantwortlich gemacht werden kann.

Vor einer Woche hatte die japanische Regierung Warnhinweise für fünf Gebiete nahe der Atomanlage aufgehoben, die allesamt zwischen 20 und 30 Kilometer entfernt liegen. Die engere Sperrzone in einem Umkreis von 20 Kilometern um das AKW bleibt aber bestehen. An den Rand dieser 20-Kilometer-Zone ziehen sich die Arbeiter nach ihren Einsätzen jeweils in eine Art Lager zurück.

Verseuchtes Gebiet auch ausserhalb

Am Mittwoch dieser Woche wurde bekannt, dass auch weit ausserhalb der Sicherheitszone der Boden stark radioaktiv belastet ist. Ein unabhängiges Expertenteam hatte die hohen Werte rund 60 Kilometer vom AKW entfernt gemessen. Wie die Studie eines Radiologen und mehrerer Bürgergruppen ergab, wurden in Bodenproben Belastungen mit radioaktivem Cäsium von bis zu 307'000 Becquerel pro Kilogramm entdeckt. Der von der Regierung zulässige Höchstwert liegt bei 10'000 Becquerel pro Kilogramm Boden.

Die Radioaktivität könne von dem havarierten Atomkraftwerk stammen, erklärten die Experten. Sie forderten die zentrale sowie regionale Regierungen auf, Kinder und Schwangere aus der Region in Sicherheit zu bringen und das Gebiet zumindest zu einer freiwilligen Evakuierungszone zu erklären.

Kinder unter Beobachtung

Eine andere Untersuchung hat derweil bei Kindern aus der Umgebung von Fukushima hormonelle Unregelmässigkeiten festgestellt. Insgesamt 130 Mädchen und Jungen bis 16 Jahre seien auf ihre Schilddrüsenfunktion untersucht worden, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo am Dienstag. Zehn von ihnen wiesen demnach veränderte Hormonwerte auf.

«Wir können derzeit nicht sagen, dass die Kinder krank sind. Aber sie müssen über einen längeren Zeitraum beobachtet werden», sagte ein Sprecher der Tschernobyl-Stiftung in Japan. Diese hatte die Untersuchungen zusammen mit der Shinshu-Uniklinik organisiert. Nach einem Atomunfall besteht die Gefahr, dass sich freigesetztes radioaktives Jod in der Schilddrüse anreichert. Dort kann es schwere Krankheiten wie Krebs auslösen. (ami/sda)

Erstellt: 07.10.2011, 14:16 Uhr

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