Naiv in die Weltpolitik gestolpert
Von Christoph Neidhart, Tokio. Aktualisiert am 06.09.2009
Sie seien «auf nordkoreanischem Boden gewesen, aber nur ganz kurz», haben Laura Ling und Euna Lee jetzt zugegeben. Die zwei amerikanischen Journalistinnen waren im August von Bill Clinton aus ihrer Haft in Nordkorea ausgelöst worden. Mit dem südkoreanischen Techniker, der in der Sonderzone Kaesong im Norden wegen Agitation gegen das Regime in Pyongyang verhaftet wurde, teilen sie eine grenzenlose Naivität.
Ebenfalls gemeinsam ist ihnen egozentrische Kurzsichtigkeit, mit der beide, die Journalistinnen und der Techniker, Menschen in Nordkorea und in China, für die sie etwas tun wollten, der Repression auslieferten. Und beide haben, ohne es zu beabsichtigen, die politische Lage auf der koreanischen Halbinsel beeinflusst: erst mit ihrer Tapsigkeit zur Verschlechterung; dann, als Bill Clinton die Amerikanerinnen und Hyundai-Chefin Hyun Jeong-eun den Techniker mit je einem Besuch bei Diktator Kim Jong-il auslösten, zu etwas Tauwetter.
Fluchthelfer enttarnt
Journalisten hätten die Pflicht, jenen eine Stimme zu geben, die nicht gehört würden, erklären Laura Ling und Euna Lee nun auf der Website von Al Gores «Current TV», ihrem Arbeitgeber. Ausserdem sei Euna Lee eine gläubige Christin. Von den Flüchtlingen aus Nordkorea landen viele Frauen in China im Internet-Sexgewerbe oder in Zwangsheiraten. Darüber wollten die beiden einen Dokumentarfilm drehen. Und liessen sich, wie sie behaupten, von ihrem Helfer überreden, für «eine Minute» das Territorium Nordkoreas zu betreten. Aus Furcht seien sie über den gefrorenen Grenzfluss sofort wieder zurückgerannt und «schon wieder auf chinesischem Territorium» von nordkoreanischen Grenzsoldaten brutal geschnappt und über den Fluss zurückgezerrt worden.
Peking unterstützt Pyongyang
Pyongyang widerspricht. Vielmehr hätten die nordkoreanischen Grenzbeamten Filmmaterial beschlagnahmt, auf dem eine der beiden Journalistinnen in die Kamera sage, sie seien jetzt illegal auf nordkoreanischem Boden. Die chinesische Regierung, deren Souveränität verletzt worden wäre, falls es stimmt, was die beiden Frauen sagen, gibt Pyongyang Recht.
Kritisiert werden die Amerikanerinnen auch von den Fluchthelfern, die ihnen Interviews und Kontakte verschafft haben. Kurz nach der Verhaftung flog ihre Organisation auf, Namen und Adressen sollen bei den Journalistinnen und ihrem Kameramann gefunden worden sein. Der Kameramann konnte zwar abhauen, kam aber in China kurz in Polizeigewahrsam. Die beiden Frauen behaupten heroisch, sie hätten ihre Notizen verschluckt.
Selber zur Story geworden
Statt zu helfen, sind sie selber zur Story geworden. Und während sich in den USA kaum jemand für die Flüchtlinge interessiert, schimpft man über das «Kidnapping» von Laura und Euna, um die ein Kult entsteht mit eigener Website: www.lauraandeuna.com
Den Ingenieur Yu Seong-jin brachte dagegen die Liebe für 136 Tage ins Gefängnis – oder das Testosteron. Yu arbeitete einst in Libyen, wo er eine Gastarbeiterin aus Nordkorea traf, Frau Jeong. Die beiden gingen ein Liebesverhältnis ein. Als es aufflog, repatriierte Nordkorea Jeong. 2005 fand Yu einen Job in der Sonderzone Kaesong, wo Firmen aus Südkorea nordkoreanische Arbeiter in der Produktion beschäftigen. Beaufsichtigt werden diese Arbeiter von einigen Hundert Südkoreanern, die zeitweise dort auch wohnen.
Über seine Arbeit lernte Yu eine nordkoreanische Putzfrau kennen, Frau Lee. Als er erfuhr, dass sie aus dem gleichen Dorf stammte wie seine einstige Geliebte Jeong, freundete er sich mit ihr an. Im Dezember 2008 wurden sie «intimer», wie das Vereinigungsministerium in Seoul schreibt. Yu schenkte Frau Lee DVDs, einen MP3-Spieler, Kosmetik und eine Uhr. Er schrieb ihr Briefe, in denen er das Regime kritisierte und sie zur Flucht ermunterte. Ob er Frau Lee auch Briefe an Frau Jeong gab, wie es zunächst hiess, steht in den Protokollen nicht.
Geständnis «unter Druck»
Ende März ertappte Nordkoreas Geheimdienst Yu «auf frischer Tat», wie Pyongyang mitteilte. Was er tat, ist nicht bekannt gegeben worden. Die Agenten, die ihn verhörten, wussten von der Geschichte in Libyen und warfen ihm vor, er werbe Agentinnen an. «Unter Druck» habe er das, wie er sagt, zugegeben. Aber wahrscheinlich glaubt ihm das nicht einmal Nordkoreas Geheimdienst. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.09.2009, 22:27 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




