Nordkoreas Debakel

Kim Jong-un wollte mit dem Start einer Langstreckenrakete seine Stärke zelebrieren – und scheiterte kläglich. Trotzdem wurde er heute zum Ersten Vorsitzenden ernannt.

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Mit dem Fehlstart einer Langstreckenrakete erlebt Nordkoreas neuer Machthaber ein Desaster vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Laut der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA startete der Flugkörper heute um 7.38 Uhr und 55 Sekunden Ortszeit. Nach übereinstimmenden Angaben Japans, Südkoreas und der USA zerbrach die Rakete kurz nach dem Start, ihre Teile stürzten ins Meer.

Nach den Berichten der Nachbarländer räumte auch das Regime in Pyongyang ein, dass die Aktion nicht nach Plan verlaufen sei. Der Satellit Kwangmyongsong-3 habe «nicht den Orbit erreicht», hiess es in staatlichen Medien. «Wissenschaftler, Techniker und Experten untersuchen die Gründe für dieses Scheitern.»

Es ist das erste Mal, dass Pyongyang einen missglückten Raketenstart zugibt. Ähnliche Unterfangen in den Jahren 2006 und 2009 scheiterten gemäss Südkorea und den USA ebenfalls, doch das Regime in Nordkorea sprach jeweils von einem Erfolg.

Empfindlicher Rückschlag

Nach Angaben Nordkoreas sollte die Rakete einen Satelliten ins All befördern. Der Westen und Südkorea befürchten allerdings, es könne sich um einen militärischen Test handeln.

Für das Regime in Pyongyang bedeutet der Absturz einen erheblichen Rückschlag. Doch er hat den Aufstieg von Kim Jong-un nicht aufgehalten: Der Sohn des vor vier Monaten verstorbenen Führers Kim Jong-il ist heute vom Parlament zum Ersten Vorsitzenden der Nationalen Verteidigungskommission ernannt worden. Das ist das wichtigste Exekutivorgan des kommunistischen Staates.

Sein Vater Kim Jong-il wurde zum «Vorsitzenden für die Ewigkeit» erhoben. Zum Beginn der Jahressitzung der Obersten Volksversammlung wurde in der Hauptstadt eine riesige Statue Kim Jong-ils enthüllt, direkt neben dem Denkmal von dessen Vater und ersten Staatschef Kim Il-sung.

Forscher müssen büssen

Joseph Cirincione, Präsident der Sicherheits-Forschungsgemeinschaft The Ploughshares Fund, sagte zuvor gegenüber dem amerikanischen TV-Sender CNN, dass der «gescheiterte Raketenstart die Schwäche des nordkoreanischen Raketenprogramms zeige», und dass die Gefahr, die von Nordkorea ausgehe, überschätzt wurde. «Es ist eine Demütigung», sagte er zu CNN. «Ich möchte jetzt nicht nordkoreanischer Raketenwissenschaftler sein.»

Auch die in Seoul von nordkoreanischen Dissidenten geführte Internetzeitung «Daily NK» berichtet, dass mit schweren Bestrafungen von Wissenschaftlern und Technikern zu rechnen sei.

Explosion in Höhe von 151 Kilometern

Die amerikanischen Streitkräfte teilten mit, die Rakete sei etwa 165 Kilometer westlich der südkoreanischen Küste ins Gelbe Meer gestürzt, nachdem sie in mehrere Teile zerbrochen sei.

Wie die nationale südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap unter Berufung auf einen Beamten des Verteidigungsministeriums in Seoul meldete, explodierte die Rakete nach ein oder zwei Minuten in einer Höhe von 151 Kilometern. Circa 20 Trümmerteile seien rund 100 bis 150 Kilometer südlich der südkoreanischen Westküste ins Meer gestürzt. Die südkoreanische Marine suche das Gebiet ab. Der umstrittene Start sei in der Nähe des Ortes Tongchang-ri an der nordkoreanischen Westküste erfolgt.

Der japanische Verteidigungsminister Naoki Tanaka sagte, ein fliegendes Objekt sei nach etwas mehr als einer Minute in der Luft wieder abgestürzt. Japanisches Gebiet sei dabei aber nicht getroffen worden. Tokio hatte im Vorfeld angekündigt, die Rakete abzuschiessen, falls sie über japanisches Territorium fliegen sollte.

Harsche Kritik

Japan verurteilte den Raketenstart als «schwere Provokation» und als Verstoss gegen UNO-Resolutionen. Der japanische Finanzminister Jun Azumi schloss weitere Sanktionen gegen das kommunistische Regime in Pyongyang nicht aus. Auch Südkorea verurteilte den Raketenstart aufs Schärfste. Nordkorea habe damit eindeutig gegen Resolutionen des Weltsicherheitsrats verstossen. Der Start sei eine Provokation und bedrohe den Frieden und die Stabilität auf der koreanischen Halbinsel und in Nordostasien.

Die US-Regierung warf Nordkorea vor, sich durch das Raketenprogramm nur weiter zu isolieren und Geld für Waffen und Propaganda-Inszenierungen auszugeben, während das Volk hungere. Trotz des Fehlschlags werte das Weisse Haus die Aktion als Provokation.

Dringlichkeitssitzung der UN

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen berief nach Angaben von Diplomaten für heute eine Sondersitzung ein, auf der mögliche Reaktionen besprochen werden sollten. Der deutsche Politiker Rolf Mützenich (SPD) sieht jedoch kaum Chancen für Sanktionen der Vereinten Nationen gegen Nordkorea: Auf dem deutschen Radiosender Südwestrundfunk verwies Mützenich auf die schwierige humanitäre Lage in dem Land, «wo es im Interesse der Menschen auch zu Hilfen kommen sollte».

Der jüngste Raketentest zeige, dass selbst Peking und Russland es nicht geschafft hätten, Nordkorea von seinen Versuchen abzubringen. Die Welt müsse weiter davon ausgehen, dass das Land über Waffensysteme verfüge, die auch Nuklearsprengköpfe tragen könnten, sagte Mützenich.

Russland ist besorgt

China hat nach dem missglückten Start alle Seiten zu Ruhe und Zurückhaltung aufgerufen. Die Regierung in Peking hoffe darauf, dass alle Beteiligten «Ruhe und Zurückhaltung» wahren könnten, erklärte der Sprecher des Aussenministeriums.

Liu Weimin warnte ausserdem vor Aktionen, «die Frieden und Stabilität auf der (koreanischen) Halbinsel und in der Region gefährden würden». Auch sollten alle Parteien im Gespräch bleiben. China ist der wichtigste Verbündete des international sonst weitgehend isolierten Nordkoreas.

Russland kritisierte den Raketenstart als Verstoss gegen einen Beschluss des Weltsicherheitsrats. «Die Resolution des UNO-Sicherheitsrats fordert von Nordkorea einen Verzicht auf den Start jeglicher ballistischer Raketen – sowohl ziviler als auch militärischer», teilte das Aussenministerium in Moskau mit.

Der Entscheid des kommunistischen Nachbarlands rufe eine «tiefe Besorgnis» hervor, hiess es nach Angaben der Agentur Interfax. Mit dem Start habe Nordkorea weitere Gespräche mit der internationalen Gemeinschaft über sein Atomprogramm «deutlich erschwert». (rub/kle/sda/dapd)

(Erstellt: 13.04.2012, 06:17 Uhr)

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Nach dem nordkoreanischen Raketentest haben die USA dem abgeschotteten Land die geplante Lebensmittelhilfe gestrichen.

Sollte die Regierung in Pyongyang weitere provokative Handlungen unternehmen, werde man zusätzliche Massnahmen in Erwägung ziehen, sagte ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrates.

Schweiz verurteilt Raketenstart

Die Schweiz hat den Raketenstart Nordkoreas scharf verurteilt. Der Start verstosse gegen zwei Resolutionen des UNO-Sicherheitsrats. Zudem könne der Raketenstart die Spannungen in der Region verschärfen, schrieb das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA).
(sda)

Wie die Rakete explodierte


Visualisierung der Explosion. (Youtube/NY Times)

Wie die Rakete ins Meer fiel


Eine Visualisierung des gescheiterten Raketenversuchs. (Youtube/ Analytical Graphics)

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