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«Sie kämpfen mit den Körpern statt den Köpfen»

Sri Lankas Armee beteuert, sie stehe kurz vor dem Sieg gegen die Tamil Tigers. Rohan Gunaratna, einer der besten Kenner des Konflikts, hält das für eine Illusion.

In Nachchikuda im Norden Sri Lankas feuern Soldaten der einheimischen Armee auf eine Stellung der Tamil Tigers.

In Nachchikuda im Norden Sri Lankas feuern Soldaten der einheimischen Armee auf eine Stellung der Tamil Tigers.
Bild: Keystone

Sri Lankas Armee in der Offensive

Seit der Kündigung des Waffenstillstands Anfang 2008 geht Sri Lankas Armee mit Bodentruppen, Luftwaffe und Marine gegen die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) vor. Die Bewegung kämpft seit 1983 von ihrer Hauptbasis im Norden der Insel aus für einen unabhängigen Staat für die tamilische Minderheit im Land – mitunter auch mit Terroranschlägen gegen Zivilisten im mehrheitlich singhalesischen Süden. Fast täglich berichtet das Militär von neuen militärischen Erfolgen: von hohen Opferzahlen auf der gegnerischen Seite und von zurückeroberten Städten und Dörfern in den Bezirken, die seit vielen Jahren von den Tigern kontrolliert worden sind.

In den vergangenen Tagen ist es der Armee gelungen, einige strategische Stützpunkte der LTTE entlang der Strasse A 9 einzunehmen, der wichtigsten Verkehrsachse zwischen dem Süden und dem Norden Sri Lankas, die den Aufständischen auch als Nachschublinie diente. Die Regierungstruppen stehen nur noch zwei Kilometer entfernt von Kilinochchi, der Verwaltungshauptstadt der tamilischen Rebellen. Mehrmals schon hat die Armeespitze behauptet, bis Ende Jahr sei der Widerstand der Tiger gebrochen und der Krieg gewonnen. Experten zweifeln aber daran. Zehntausende Zivilisten sind in den vergangenen Monaten vor den Kämpfen geflüchtet. Auch die Hilfsorganisationen haben auf Geheiss der Regierung das Kriegsgebiet verlassen und versorgen die Flüchtlinge nun in eigens errichteten Lagern ausserhalb. (om)

Steht Sri Lanka vor der entscheidenden Schlacht? Die Armee behauptet, sie sei dabei, die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) nach 25 Jahren Bürgerkrieg militärisch zu besiegen.
Ja, diesen Anschein erwecken die Militärs mit ihren Verlautbarungen. Tatsächlich ist es ihnen diesmal besser denn je zuvor gelungen, die Schlüsselregionen der Tamil Tigers im Norden Sri Lankas zu umkreisen und die Gegner zurückzudrängen. Die Separatisten haben sich in den Dschungel zurückgezogen.

Kann es also sein, dass der Krieg bis Ende Jahr vorbei ist, wie es die Regierung verheisst?
Nein, das halte ich für unmöglich. Lesen Sie in den sri-lankischen Zeitungen nach: Seit 1983 behauptet jeder Armeechef und jeder Staatschef, bis Ende Jahr sei der Krieg vorbei. Ich bin sicher, dass auch die Amtszeit des aktuellen Präsidenten nicht ausreichen wird, um diesen Konflikt zu beenden.

Die Amtszeit von Präsident Mahinda Rajapakse läuft bis 2011. Warum sind Sie so skeptisch? Die Truppen dringen doch immer weiter vor und nehmen Stützpunkt um Stützpunkt der Tigers ein.
Gewiss, doch die Eroberung von Land schwächt gleichzeitig die Offensivkraft des Militärs. Die Armee muss danach viel Energie dafür aufwenden, um das gewonnene Terrain zu verteidigen. Das ist keine intelligente Art, Krieg zu führen gegen eine mobile Guerilla-Organisation wie die der Tigers.

Dennoch fragt sich, warum es der Armee plötzlich gelingt, so viel Land zurückzu- gewinnen.
Dafür gibt es drei Gründe. Erstens: Die Tigers setzten früher viel mehr Artillerie und Mörser ein gegen die Armee. Das können sie diesmal nicht, weil die sri-lankische Armee neun LTTE-Schiffe mit Waffen- und Munitionsnachschub versenken konnte – und das dank der Hilfe Indiens, das Geheimdienstinformationen weitergab. Ohne die massive Hilfe Indiens wäre das Vorrücken der Armee unmöglich gewesen. Zweitens: Sri Lankas Regierung hat endgültig realisiert, dass alles Verhandeln nichts bringt, weil die LTTE nie von ihrer Hauptforderung, der Errichtung eines unabhängigen tamilischen Staates innerhalb Sri Lankas, abrücken würde. Mit Autonomie begnügen sie sich nicht. Indien hat das ebenfalls verstanden, vor allem Sonia Gandhi, die Präsidentin der regierenden Kongresspartei, deren Mann Rajiv (Indiens Premierminister von 1984 bis 1989, Red.) 1991 von den Tigern ermordet worden war. Delhi fühlt sich seither betrogen von den Tigern, die sie im Kalten Krieg noch unterstützt hatten. Mittlerweile ist auch allen westlichen Regierungen klar, dass die LTTE getrickst haben. Das stärkt Sri Lankas Regierung. Es gibt nur einige wenige divergierende Stimmen im internationalen Konzert. Drittens: Auch unter den Tamilen, das sieht man in deren Foren und Blogs, gibt es viele, welche die Strategie der Tigers nicht mehr mit ganzem Herzen mittragen. Es ist nur noch eine kleine, radikalisierte Minderheit, die Terrorattacken gutheisst. Die meisten Tamilen sind friedliebend, sie wollen keine Gewalt, sie sind müde geworden. Und deshalb erhält die Regierung nun viele Informationen aus der tamilischen Bevölkerung über Verstecke der Tigers und über den Aufenthaltsort von hohen LTTE-Mitgliedern.

Warum aber ist es der Armee bis heute nicht gelungen, den historischen Führer der Organisation, Velupillai Prabhakaran, zu fassen?
Der wird von einem grossen Sicherheitsapparat der Organisation geschützt. Doch das allein ist noch keine Entschuldigung. Die Regierung sollte Prabhakaran gezielt jagen. Er ist das Gravitationszentrum der Tigers. Die Regierung sollte eine Einheit bilden, die nur Informationen sammeln würde, um Prabhakaran zu fangen. Fünf Prozent des Verteidigungsetats müssten dafür aufgewendet werden.

Warum tut sie das nicht? Ohne Prabhakaran wären die Tigers doch am Ende?
Ja, nach einem Ausscheiden Prabhakarans kämen wohl Anführer, die bereit wären zu verhandeln. Die Gruppe würde sich dann wahrscheinlich in mehrere Splittergruppen spalten.

Und das wäre im Interesse der Regierung. Warum also jagen sie ihn nicht?
Fragen Sie den Präsidenten. Und sagen Sie ihm bitte, ich hätte Ihnen geraten, danach zu fragen.

Was denken Sie persönlich?
Die Regierung ist inkompetent, und der Armeeführung fehlt eine Vision und eine klare Strategie. Sie kämpfen mit ihren Körpern statt mit ihren Köpfen. Um einen solchen Kampf zu gewinnen, braucht es viel mehr Denkvermögen und Langzeitverständnis des Konflikts. Der Kernpunkt ist der: Es wird keine militärische Lösung geben. Ich glaube, dass die LTTE-Kampfkraft in den nächsten zwei Jahren stark nachlassen wird. Doch das wird sie nicht daran hindern, Terrorattacken zu verüben im Süden des Landes, hauptsächlich in der Hauptstadt Colombo – gegen Zivilisten, gegen Frauen und Kinder. Ihre Möglichkeiten als semi-konventionelle Kriegsmaschine werden also geschwächt, doch gleichzeitig steigt ihre Bereitschaft, Terroranschläge zu verüben. Wenn eine Gruppe wie die LTTE nicht mehr fähig ist, das Militär anzugreifen, greift sie vermehrt Zivilisten an. Sie schaltet einfach um. Das war in Sri Lanka immer so.

Wie viele Kämpfer bleiben der LTTE?
Weniger als 10'000  Mann.

Und wie viele unter diesen sind bereit, Selbstmordattentate zu verüben?
Nur sehr wenige. Es sind Leute, die schlecht ausgebildet sind und sich leicht beeinflussen lassen.

Ihre Attentate könnten die Moral in der singhalesischen Bevölkerung erschüttern. Wie gross ist heute im Volk die Unterstützung für die Kriegsstrategie?
Sie liegt bei etwa 50 Prozent. Das ist vergleichbar mit den Zahlen aus den USA, wo ebenfalls etwa die Hälfte der Menschen findet, man müsse den Terror militärisch bekämpfen.

Wie sähe eine politische Lösung des Konflikts aus?
Der Westen glaubt, dass die geschwächten Tigers zum Verhandlungstisch zurückkehren werden und dass sie anbieten würden, die Waffen niederzulegen. Doch das ist eine Illusion. Bisher war es immer so, dass die Tigers Waffenstillstandsabkommen dazu genutzt haben, sich neu zu formieren und zu bewaffnen. Die Norweger zum Beispiel, die den bisher letzten Waffenstillstand vermittelt hatten, glaubten, die Tigers würden sich mit Privilegien zähmen lassen. Doch sie hätten aus der Tierwelt lernen können: Selbst wenn ein Tiger gegessen hat, kann es sein, dass er auch die Hand frisst, die ihn genährt hat.

Gibt es denn einen politischen Ausweg?
Ja, den gibt es. Die grossen Mächte – also Indien, China, die EU und die USA – müssten ihre Unterstützung für die Regierung Sri Lankas an die Forderung binden, dass Colombo den Tamilen Macht abtritt, Rechte und Würde gibt, und zwar überall in Sri Lanka. Jeder Bürger Sri Lankas soll das Recht haben, in Frieden und sozialer Gerechtigkeit zu leben. Es bräuchte also eine Art Gesamtpaket für den Frieden, geschnürt von ausländischen Mächten. Und falls die Tamil Tigers trotzdem weiterkämpfen, dann müssten diese Mächte der Regierung tatkräftig helfen, den Konflikt zu beenden.

Wie soll das gehen?
Indem sie Informationen liefern und die internationalen Finanzströme unterbinden, die den Kampf der Tigers alimentieren. Viele Länder tun das schon, andere müssten sich noch dazu durchringen.

Der Terrorismusexperte Rohan Gunaratna, 47, stammt aus Sri Lanka. Er leitet das International Centre for Political Violence and Terrorism Research in Singapur.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.11.2008, 21:23 Uhr

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