Stadt der Angst
Aktualisiert am 16.07.2010 5 Kommentare
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Eine usbekische Frau, vielleicht 30 Jahre alt, läuft heulend auf einen Reporter zu. In russischer Sprache erzählt sie ihm schluchzend etwas. Der Reporter versteht kein Russisch, er weiss aber, was sie sagt. Sie fühlt sich verfolgt, sie ist total traumatisiert, kaum zur Ruhe zu bringen, auch nicht, als eine Mitarbeiterin des Uno-Flüchtlingskommissariats der Gruppe beispringt und übersetzt.
Die Szene spielt in einer kleinen Strasse der südkirgisischen Stadt Osch. Hier sind vor sechs Wochen ethnische Kirgisen mordend und brandschatzend gegen ihre Nachbarn usbekischer Volkszugehörigkeit vorgegangen und haben halbe Stadtviertel zerstört. Anschliessend übte ein usbekischer Mob Vergeltung. Bislang fanden 2000 Menschen dabei den Tod. 75'000 gelten als Flüchtlinge; 400'000 erlitten Verletzungen, verloren ihr Vermögen oder ihre gesamten Dokumente.
Westerwelle macht sich vor Ort ein Bild
Jetzt geht es um Wiederaufbau, um Versöhnung und Erneuerung des multiethnischen Zusammenlebens. Heute haben der deutsche Aussenminister Guido Westerwelle und sein französischer Kollege Bernard Kouchner die Stadt besucht, um sich vor Ort ein Bild von den Zerstörungen und dem Leid der Bewohner zu machen, die bis dahin weitgehend friedlich nebeneinander her gelebt haben.
Die Szene spielt am Rande dieses Besuchs: Die Minister sind ausser Sichtweite, aber die Reporter versuchen, mit der Bevölkerung ins Gespräch zu kommen. Überall in diesem Viertel stehen sie zwischen zerstörten, ausgebrannten Häusern, neben Zelten, in denen die Obdachlosen nächtigen, obwohl sich die ohnehin brütende Hitze noch potenziert.
Polizei schüchtert Betroffene ein
Als die Frau nicht aufhört zu weinen, kommt eine Nachbarin, offensichtlich Kirgisin, hinzu. Sie schnauzt die 30-Jährige an und fängt ihrerseits an, auf den Reporter einzureden. Die UNHCR-Mitarbeiterin kommt mit dem Übersetzen kaum nach. Die Usbekin solle aufhören zu lamentieren, schimpft ihre Nachbarin. Sie übertreibe schamlos, den Kirgisinnen gehe es genau so schlecht, und sie hätten Angst vor Vergeltung.
Nur Sekunden später kommen weitere Frauen und Sicherheitsbeamte dazu, teils martialisch mit Kalaschnikows und weiteren Waffen am Kampfanzug, und streiten sich heftig mit den Frauen. Schliesslich wird die 30-Jährige weggedrängt, ein Polizist führt sie ab, lässt sie aber gehen, als eine weitere Uno-Mitarbeiterin auf beide einredet. «Freie Rede? Nein, Sie sehen ja», erläutert die UNHCR-Mitarbeiterin.
Die Frauen werden sofort leise
Auch die Aussenminister spüren die Spannung hier. Wann immer sie Betroffene fragen wollen, schliesst sich ein Kordon uniformierter Sicherheitskräfte um sie. Kouchner muss seine ganze Autorität als Regierungsmitglied einer Weltmacht aufbringen, um freie Rede zuzulassen. Die Frauen werden dennoch sofort leise, wenn sie einheimische Männer auf sich zukommen sehen - ob mit oder ohne Waffen. Man wisse nie, was nachts passiert, sagen sie.
Ein Usbeke erzählt zwischen den Trümmern seines Hauses vor dem ausgebrannten Kleinlieferwagen, dass hier zwölf Menschen gelebt hätten. Der Bruder einer Nachbarin sei auf der Strasse erschossen worden, er hinterlasse vier Kinder. Eine Verwandte von ihm sei hochschwanger und wisse nicht, wo und wie sie ihr Kind zur Welt bringen könne.
Westerwelle fordert unabhängige Untersuchung
Als der Pulk aus Ministern, Sicherheitsleuten und Journalisten wieder geschlossen ist, sich in die klimatisierten Autos gezwängt und den sicheren Flughafen wieder erreicht hat, steht für Kouchner fest: «Deutschland und Frankreich werden morgen eine Entscheidung treffen.» Am Samstag ist im benachbarten Kasachstan eine OSZE-Aussenminsterkonferenz. Westerwelle sagt auch schon, welche Entscheidung: Er fordert eine unabhängige internationale Untersuchung. Ohne dass die Ursachen für diese Unruhen geklärt seien, könne hier keine Stabilität wieder einziehen. «Sie sollen sehen: Europa kümmert sich.»
Mit «sie» meinen die beiden Minister die regionalen Mächtigen oder einen Clan um den im April aus dem Amt getriebenen Präsidenten Bakijew, die hier ihr Süppchen kochen. Ausdrücklich nicht gemeint ist die kirgisische Interimspräsidentin Rosa Otunbajewa, deren hehre Ziele, eine demokratischere Verfasstheit des Vielvölkerstaates herbeizufuehren, zurzeit im Westen keiner bezweifelt. Das macht wiederum Kouchner ganz klar: «Deutschland und Frankreich unterstützen Madame Otunbajewa.»
Streitende Parteien trennen
Diplomaten in der Hauptstadt Bischkek wissen aber auch: «Der Arm der Zentralregierung reicht nicht immer bis nach Osch.» Wahrscheinlich wird es auf eine OSZE-Polizei hinauslaufen, die einerseits die streitenden Parteien trennt, andererseits sie vorsichtig wieder zusammenführt. «Wir wollen hier bleiben», sagt der Usbeke Ikram zwischen den Trümmern. «Hier haben schon unsere Väter gelebt.»
Spontan hat das deutsche Auswärtige Amt erst einmal weitere 80'000 Euro bereitgestellt für einen «inter-ethnischen Dialog», der Jugendliche und Geistliche aus den Volksgruppen zusammenführen, gegenseitige Toleranz herstellen und die Angst aus den Köpfen treiben soll. (bru/dapd (Thomas Rietig))
Erstellt: 16.07.2010, 20:24 Uhr
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5 Kommentare
Gestern wurde ich wegen einem Kommentar kritisiert! Hier sehen wir wieder was Russland in der Vergangenheit angerichtet hat! Es braucht hier mehr als Zelte. Sonst werden auch diese Menschen zu uns kommen. Es ist eine Schande für die Schweiz, dass mit Geld verteilen gemeint wird die Probleme verschwinden dann. Was hier abgeht sollten wir von Kenia (08) oder Kongo (10) oder Bosnien (95) her kennen. Antworten
Die Usbeken und Kirgisen habe eindeutig nicht "bis dahin weitgehend friedlich nebeneinander her gelebt". Schon 1990 wurden bei gewalttätigen Auseinandersetzungen über 300 Personen beider Ethnien ermordet. Schuld an der andauernden SItuation ist der stalinistische Grenzverlauf der die Zerspaltung der einst stabilen sozialen Gruppierungen und Strukturen gewirkt hat. Antworten
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