Streikwelle in China reisst nicht ab
Von Henrik Bork, Peking. Aktualisiert am 12.06.2010
Auch am Freitag streikten die Arbeiter einer Türschloss-Fabrik des Autokonzerns Honda im südchinesischen Zhongshan. Rund 500 der meist jungen Wanderarbeiter demonstrierten auf der Strasse vor ihrer Fabrik und riefen in Sprechchören nach höheren Löhnen. Sie lehnten eine Vermittlung durch die kommunistisch kontrollierte Staatsgewerkschaft ab und organisierten sich eigene Verhandlungsführer. Auch in mehreren anderen Provinzen war es diese Woche zu Streiks gekommen.
150 Franken sind ein Hungerlohn
Begonnen hatte die Serie von Unruhen in Fabriken des taiwanesischen Elektronikriesen Foxconn. Auslöser war unter anderem eine ungewöhnlich hohe Zahl von Selbstmorden junger Arbeiter in den chinesischen Werken der Firma, die unter anderem Teile für das iPhone und den iPad der Firma Apple produziert. Obwohl niemand der Firma schwere Regelverstösse vorwarf, warfen die Proteste doch ein Schlaglicht auf die sehr niedrigen Löhne, die dort gezahlt wurden. 900 Yuan (rund 150 Franken) sind heutzutage auch für chinesische Wanderarbeiter ein Hungerlohn. In Chinas Grossstädten brauchen die Menschen mehrere Tausend Yuan, um über die Runden zu kommen. Die Leitung der Firma Foxconn sah sich schliesslich gezwungen, die Löhne mehrfach drastisch zu erhöhen, insgesamt um 66 Prozent, bis wieder eine gespannte Ruhe einkehrte.
Auch zwei andere für Honda produzierende Werke wurden in diesem Monat bereits bestreikt, darunter ein Werk mit 1900 Arbeitern in Foshan. Der japanische Autoriese musste sogar zwei seiner Autowerke in China vorübergehend schliessen, weil wegen der Streiks wichtige Teile fehlten, ein in China bislang einzigartiger Vorgang. Dann griffen die Proteste in dieser Woche auf andere Landesteile über. Auch eine taiwanesische Sportartikelfabrik in der ostchinesischen Provinz Jiangxi und eine Nähmaschinenfabrik für die japanische Firma «Brother Industries» im westchinesischen Xian wurden bestreikt.
Drohungen beeindrucken nicht
Chinas Regierung schweigt zu den Streiks, hat bislang aber auch keine exzessive Gewalt zu ihrer Unterdrückung angewandt. Etwa 50 Polizisten mit Helmen und Schutzschilden standen am Freitag den Streikenden in Zhongshan gegenüber, zogen sich jedoch im Laufe des Tages zurück. Die Arbeiter zeigten sich von dem Polizeiaufgebot ebenso unbeeindruckt wie von mehreren mit Lautsprechern verbreiteten Drohungen ihrer japanischen Fabrikleitung.
Auch wurde zwar die Bericherstattung chinesischer Medien über die Streiks zensiert, doch einzelne Kommentare und Berichte liessen trotzdem deutliche Sympathien für die Anliegen der Arbeiter erkennen. Die englischsprachige «China Daily», ein Sprachrohr der chinesischen Regierung, kritisierte in einem Leitartikel die Inaktivität der chinesischen Gewerkschaften. Und die Zeitung «Südliches Wochenende» in Guangzhou veröffentlichte sogar eine Liste mit den Forderungen der Honda-Streikenden, darunter die nach einer Lohnerhöhung von 800 Yuan.
Die einzelnen Proteste hatten vielfältige Auslöser und Gründe, so etwa die rigiden Management-Methoden und häufige Überstunden bei Foxconn oder eine Rangelei zwischen einem Sicherheitsbediensteten und einer Arbeiterin in dem Honda-Zulieferer in Zhongshan. Gemeinsam ist ihnen jedoch eine weit verbreitete Unzufriedenheit unter den Wanderarbeitern über die miserablen Löhne, die im Perlflussdelta und in anderen Industrieregionen Chinas häufig noch gezahlt werden. «Der Anteil der Löhne am Nationaleinkommen fiel 2007 auf 39,7 Prozent, von 53,4 Prozent im Jahr 1996, während der Anteil der Unternehmensgewinne von 21,2 auf 31,3 Prozent hochschnellte», rechnete die regierungsnahe Zeitung «Global Times» aus Anlass der Streiks vor.
Der Wunsch der Arbeiter nach gerechterer Bezahlung deckt sich zumindest teilweise mit den Plänen Pekings, das weitere Auseinanderklaffen der Einkommen im Interesse gesellschaftlicher Stabilität zumindest abzubremsen. Und ohne resolutes Eingreifen der Regierung zu Gunsten der ausländischen Hersteller, wie das früher bisweilen der Fall war, bleibt es ihnen heute häufig nicht mehr erspart, mehr zu zahlen. Die Arbeiter des Honda-Zulieferers in Foshan etwa konnten sich mit ihrem Streik eine 25-prozentige Lohnerhöhung erstreiten, auf nun 1900 Yuan (320 Franken). Auch dieser Erfolg ist es, der nun die Streikenden in der Türschloss-Fabrik in Zhongshan anspornt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.06.2010, 22:44 Uhr
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