USA glauben nicht an nordkoreanische H-Bombe

Nach eigenen Angaben hat Nordkorea eine Wasserstoffbombe gezündet. International glaubt niemand daran. Trotzdem werden erste Massnahmen ergriffen.

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Nordkorea soll nach eigenen Angaben zum ersten Mal eine Wasserstoffbombe gezündet haben. Der Test sei erfolgreich gewesen, sagte eine Sprecherin im staatlichen Fernsehen. Es habe sich um eine «strategische Entscheidung» unter Leitung des Staatsführers Kim Jong Un gehandelt. Nordkorea sei nun «eine Atommacht, die ebenfalls eine Wasserstoffbombe» habe.

Sollten die Angaben Nordkoreas stimmen, hätte die Atomwaffenentwicklung des Landes eine neue Dimension erreicht. Zwischen 2006 und 2013 hatte Nordkorea drei herkömmliche Atomtests unternommen, auf die der UNO-Sicherheitsrat jeweils mit neuen Strafmassnahmen reagiert hatte.

Der UN-Sicherheitsrat verschärft auch jetzt sein Vorgehen gegen Pyongyang. Die 15 Mitgliedstaaten des mächtigsten UN-Gremiums einigten sich bei einer Dringlichkeitssitzung in New York darauf, «zusätzliche Massnahmen» zu ergreifen. Die Arbeiten an einer entsprechenden Resolution sollen demnach umgehend beginnen. Der Sicherheitsrat verurteilte den Atomtest als «klare Bedrohung für Frieden und Sicherheit» in der Welt. Auch die Veto-Macht China, die mit Nordkorea verbündet ist, trug den Beschluss mit.

Das Weisse Haus widerspricht Berichten Nordkoreas, bei einem Atomtest eine Wasserstoffbombe gezündet zu haben. Eine erste Analyse der US-Regierung komme zu anderen Erkenntnissen, sagte der Sprecher von US-Präsident Barack Obama, Josh Earnest. Man sehe keinen Grund, von einer veränderten Bewaffnung Nordkoreas auszugehen. Der Test müsse weiter untersucht werden.

Schweiz verurteilt angeblichen Test «in aller Deutlichkeit»

Die Schweiz verurteilt den angeblichen nordkoreanischen Test einer Wasserstoffbombe klar. Dies sei am Mittwoch auch dem nordkoreanischen Botschafter «in aller Deutlichkeit» dargelegt worden, teilte das EDA mit.

Die Schweiz sei überzeugt, dass der Konflikt auf der koreanischen Halbinsel einzig auf dem Verhandlungsweg und auf diplomatischer Ebene gelöst werden könnte, schrieb das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda.

Die Schweiz unterstütze die Wiederaufnahme der Sechsparteiengespräche, schrieb das EDA weiter. Diese Verhandlungen, an denen Nord- und Südkorea, China, Russland, Japan und die USA beteiligt sind, waren vor mehr als sechs Jahren von Nordkorea abgebrochen worden. In den Gesprächen ging es vor allem um die Beendigung des nordkoreanischen Atomprogramms.

Auf Ersuchen hin sei die Schweiz zudem bereit, die Bemühungen um Frieden auf der koreanischen Halbinsel zu unterstützen. Die Schweiz war in der Vergangenheit bereits mehrmals Gastgeberin für Gespräche zwischen China, den USA und Nordkorea, wie es auf der Homepage des EDA heisst.

Immer wieder Andeutungen

Atombomben werden mit Plutonium oder Uran hergestellt. Bei einer Wasserstoffbombe verschmelzen unter anderem Deuterium und Tritium, schwere Isotope des Wasserstoffs, zu Helium. Ihre Sprengkraft ist um ein Vielfaches höher als die einer Atombombe.

Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un hatte im vergangenen Monat angedeutet, sein Land besitze eine Wasserstoffbombe. Er sagte laut einem Bericht der amtlichen Nachrichtenagentur KCNA, Nordkorea sei «ein mächtiger Atomstaat, der bereit ist, eine selbstständige Atombombe und eine Wasserstoffbombe zu zünden, um seine Souveränität zu verteidigen».

Zweifel von Experten

Kims Äusserung war der erste explizite Hinweis auf eine Wasserstoffbombe, seine Aussagen wurden aber von internationalen Experten mit Skepsis aufgenommen. «Nordkorea scheint bereits bei den Grundlagen beim Bau einer Atomwaffe Mühe zu haben», schrieb Verteidigungsanalyst Bruce Bennett in einem Kommentar bei CNN. Vor diesem Hintergrund sei es durchaus möglich, dass die Behauptungen Kims nicht der Wahrheit entsprechen. «Das wäre keine Überraschung.»

Experten gehen aber davon aus, dass Nordkorea durchaus in der Lage wäre, Atomsprengköpfe auf Bodenraketen montieren zu können. Die Raketen könnten Südkorea und Japan erreichen.

Die grössten Explosionen: Weltweite Atombombentests im Verleich.

Möglich wäre, dass das Land eine kleinere Fissionsbombe gebaut hat, die aber laut Experten immer noch sehr grosse Schäden in einer Grossstadt wie Seoul anrichten könnte. «Rund 250‘000 Menschen könnten bei einer Detonation ums Leben kommen», schreibt Bennett. Sollte Nordkorea tatsächlich eine Wasserstoffbombe gebaut haben, wäre diese allerdings um einiges tödlicher. Der Test hat für Mike Chinoy, Autor und Nordkorea-Kenner, hingegen nur einen Zweck: «Ich denke, Nordkorea will damit ein Zeichen setzen, dass die Welt das Land ernst nimmt», sagt er zu CNN.

Südkorea zweifelt an der Wasserstoffbombe

Auch Südkorea hat Zweifel an den Angaben des nördlichen Nachbarn. Die Bombe hatte nach Angaben eines südkoreanischen Abgeordneten und Geheimdienst-Experten in etwa die Sprengkraft der Bombe, die beim dritten Atomtest im Jahr 2013 gezündet wurde.

«Es könnte ein Zwischending zwischen Atombombe und Wasserstoffbombe gewesen sein, aber wenn sie keine Beweise vorlegen, können wir ihren Angaben nicht glauben», sagte der südkoreanische Sicherheitsexperte Yang Uk.

Südkoreas Präsidentin Park Geun Hye sagte bei einem Krisentreffen des Nationalen Sicherheitsrats, ihre Regierung werde sicherstellen, dass Nordkorea einen entsprechenden Preis für seinen Atomtest zahle. Dazu werde Südkorea eng mit der internationalen Staatengemeinschaft zusammenarbeiten, wurde Park von der nationalen Nachrichtenagentur Yonhap zitiert.

«Provokation und eine Verletzung von UNO-Resolutionen»

Ein leichtes Erdbeben in der Nähe des nordkoreanischen Atomtestgeländes in Kilju im Nordosten hatte in der Region sofort Spekulationen um einen neuen Atomtest durch das weithin isolierte Nordkorea ausgelöst. Japan und Südkorea verurteilten den Test aufs Schärfste.

Die südkoreanische Präsidentin Park Geun Hye rief ein Treffen des Nationalen Sicherheitsrats ein. Nordkoreas Atomtest sei eine Provokation und eine klare Verletzung von UNO-Resolutionen, wurde Vizeaussenminister Lim Sung Nam von Yonhap zitiert.

In Japan sagte Ministerpräsident Shinzo Abe: «Das ist eine ernste Bedrohung für die Sicherheit unseres Landes.» Der Atomtest sei absolut nicht hinnehmbar. Dem kommunistischen Regime in Pyongyang droht nun eine weitere Verschärfung der internationalen Sanktionen.

Kritik aus China

Auch China hat den neuen nordkoreanischen Atomwaffentest deutlich kritisiert. Die Sprecherin des Aussenministeriums, Hua Chunying, forderte Nordkorea am Mittwoch in Peking auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und sein Atomwaffenprogramm aufzugeben.

Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua nannte den Atomversuch in einem Kommentar «höchst bedauerlich» und einen «Verstoss gegen UN-Resolutionen». Er sei ein «Schlag» gegen den Prozess hin zu einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel.

USA können Nukleartest nicht bestätigen

Die USA können den von Nordkorea gemeldeten Nukleartest nicht bestätigen. Sollte es jedoch tatsächlich einen Atomversuch gegeben haben, würde Washington dies als Verletzung der Resolutionen des UNO-Sicherheitsrats verurteilen, teilte das Weisse Haus mit.

Gleichwohl sagte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, Ned Price, die USA wüssten von «seismischer Aktivität auf der koreanischen Halbinsel in der Nähe einer bekannten nordkoreanischen Nukleartestanlage». Er rief Pyongyang auf, sich an seine internationalen Verpflichtungen zu halten. Wiederholt hätten die USA klargemacht, dass sie ein Nordkorea als Atommacht nicht akzeptieren und die US-Verbündeten in der Region weiter verteidigen würden.

Zwischen dem kommunistischen Nordkorea und dem demokratischen Südkorea herrscht seit Jahrzehnten formell noch Kriegszustand. Ende November hatten beide Länder erklärt, einen neuen Anlauf zur Entspannung nehmen zu wollen. (chi/dia/pat/AFP)

(Erstellt: 06.01.2016, 04:15 Uhr) Update folgt...

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