Ausland

Terror in Pakistan: China soll eingreifen

Von Oliver Meiler, Singapur. Aktualisiert am 27.05.2009

Der Terror in Pakistan reisst nicht ab. Nun wird das alliierte China bedrängt. Vor allem die Amerikaner fordern von Peking, dass es eine aktivere Rolle spielt.

Nach dem Anschlag in Lahore suchen Rettungskräfte in den Trümmern nach Überlebenden.

Nach dem Anschlag in Lahore suchen Rettungskräfte in den Trümmern nach Überlebenden.
Bild: Keystone

Die Explosion am Eingangstor war so ungeheuer wuchtig, dass das dreistöckige Polizeigebäude im Zentrum von Lahore einfach kollabierte. Viele Menschen wurden verschüttet. Mehr als 30 konnten nur noch tot geborgen werden, und mehr als 150 wurden verletzt. Zunächst war unklar, ob der jüngste Terroranschlag gegen eine Geheimdienstzentrale und einen Polizeiposten in der ostpakistanischen Millionenmetropole von einem Selbstmordattentäter verübt wurde oder ob es sich in diesem Fall um eine Autobombe handelte.

«Ein Überlebenskampf für Pakistan»

Ebenfalls unklar erschien, ob der Anschlag im Zusammenhang stand mit dem Gerichtsverfahren gegen einen radikalen Islamistenführer, das am Mittwoch im nahen Tribunal hätte beginnen sollen. Die Polizei verhaftete vier Personen, von denen sie annimmt, dass sie an der Operation beteiligt gewesen sind. Sie sollen das Auto kurz vor der Detonation verlassen und sich ein Feuergefecht mit Polizisten geliefert haben. Das pakistanische Fernsehen zeigte zwei von ihnen, junge Männer mit Bärten und verstörtem Gesichtsausdruck, die von Beamten vom Tatort weggezerrt und von aufgebrachten Passanten geschlagen wurden.

Pakistans Regierung vermutet, dass der Anschlag im Zusammenhang steht mit der laufenden militärischen Grossoffensive im Swat-Tal. Dort, am Fuss des Himalaja, bekämpft die pakistanische Armee erstmals auch mit Bodentruppen einige Tausend Taliban, die zuletzt ihre Präsenz im Norden gefährlich ausgeweitet hatten und bis in die Nähe Islamabads vorgedrungen waren. Innenminister Rehman Malik sagte nach dem Attentat in Lahore: «Das könnte ein Vergeltungsschlag der Extremisten gewesen sein. Doch wir geben nicht nach, das ist ein Überlebenskampf für Pakistan. Wir haben uns entschieden, sie zu eliminieren.»

Indien als gemeinsamer Feind

Bei aller verbalen Entschlossenheit der Regierung: Im Ausland wächst mit jedem grossen Terroranschlag die Sorge, Pakistan sei alleine nicht imstand, das Land zu stabilisieren und die Extremisten zu stoppen. Die verbündeten USA haben nun andere enge und stillere Alliierte Pakistans aufgefordert, eine aktivere Rolle zu spielen und dem dramatisch geprüften Partner zu helfen. Gemeint sind in erster Linie Saudiarabien und China. Richard Holbrooke, der Sondergesandte der US-Regierung für Pakistan und Afghanistan, besuchte in den vergangenen Wochen Riad und Peking mit genau diesem Ziel.

Vor allem die wachsende Rolle Chinas in Pakistan gerät immer stärker ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit – und das wider den Willen Pekings, das seinen politischen Einfluss traditionell lieber über Hinterzimmerdiplomatie ausübt. Für die Chinesen hat Pakistan eine grosse geostrategische Bedeutung, militärisch wie wirtschaftlich. Zum einen dient der Nachbar als politisches Gegengewicht zu Indien, dem grossen und gemeinsamen Rivalen in der Region. Seit den 1960er-Jahren verkauft China Panzer, Raketen und Kriegsschiffe nach Pakistan, das diese für seine Verteidigung gegen den Erzfeind im Süden braucht. Die Armeen der beiden Länder sind gut vernetzt, sie haben auch schon einen Kampfjet miteinander entworfen und gebaut. Die Pakistaner nennen die Chinesen darum auch ihre «Allwetter-Freunde».

Islamisten entführen Chinesen

Zum anderen stellt Pakistan für China aber auch einen wichtigen Markt dar mit seinen 170 Millionen Einwohnern. Mehr als 10 000 chinesische Ingenieure arbeiten an Grossprojekten in Pakistan: an Schnellstrassen, an Stromanlagen, in Minen. Noch wichtiger ist Pakistan aber als Handelspassage, als Korridor, der die Nordwestprovinzen Chinas mit dem Arabischen Meer verbindet. Dank dieser Route, die nach der Vorstellung Pekings in den kommenden Jahrzehnten noch viel wichtiger werden soll, können chinesische Handelsfirmen den mühseligen und teuren Umweg über die Strasse von Malakka und den Indischen Ozean vermeiden.

Aus dieser Überlegung entstand einst die höchstgelegene Autobahn der Welt, der Karakorum Highway, auch «Strasse der Freundschaft» genannt: Sie führt von Kashgar, einer Stadt in der chinesischen Provinz Xinjiang, nach Islamabad – 1300 Kilometer insgesamt. Und ganz im Südwesten Pakistans, in Gwadar, bauten chinesische Ingenieure vor einigen Jahren einen Hafen, der China nun gewissermassen direkt an den Persischen Golf anbindet.

Pakistanische Islamisten waren sich der Bedeutung dieser Handelsstrasse immer sehr bewusst und verübten oft Sabotageakte gegen den Highway oder entführten chinesische Techniker, um die Regierung in Islamabad zu Konzessionen zu drängen. Als sich nun in den vergangenen Monaten die Taliban stärker ausbreiteten, war China besorgt, die Extremisten könnten die Handelsroute nachhaltig stören. Ausserdem vermutet man in Peking, dass sich radikalislamische Uiguren, Mitglieder einer unterdrückten muslimischen Minderheit aus der Provinz Xinjiang, im Norden Pakistans zu Terroristen ausbilden lassen.

Zu wenig Geld für Flüchtlinge

In Washington ist jetzt die Hoffnung gross, dass China seinem «Allwetter-Freund» in dessen grösster Not hilft. Und sei es nur, um die eigenen, chinesischen Interessen zu verteidigen. Gebraucht wird Material für die Nachrichtenbeschaffung und moderne Waffen. Und Geld für die Versorgung von zwei Millionen Flüchtlingen. Islamabad, so die Überlegung der Amerikaner, soll seine militärische Offensive gegen die Taliban möglichst lange fortsetzen können und Terroranschläge wie jener in Lahore schnell wegstecken. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2009, 21:31 Uhr

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