Tiananmen-Massaker: Chaos und Tod lassen Soldat Shijun nicht los
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Der 40-jährige Zhang Shijun war als junger Soldat bei der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking im Sommer 1989 dabei und ist heute einer der wenigen, die das öffentlich bereuen. Er spricht darüber, weil er dazu beitragen will, dass es eine Untersuchung gibt, dass die Protestbewegung in anderem Licht gesehen wird - und dass China am Ende einmal eine Demokratie wird.
«Ich komme seelisch nicht über den Abend des 3. Juni hinweg», sagt Zhang in einem Interview zu Hause in Tengzhou, einer staubigen Stadt im Norden. Seine Erinnerungen haben in Dissidentenkreisen ein breites Publikum gefunden, seit er einen offenen Brief an Staats- und Parteichef Hu Jintao online stellte. Darin schildert er einige seiner Erlebnisse des Einsatzes in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni 1989 und die Schikane, die er erlitt, als er um vorzeitigen Abschied vom Militär einkam.
Alle sind verantwortlich
Und er bekundet seine Überzeugung, dass ganz China endlich sein Gewissen erleichtern muss. «Man kann nicht nur das Militär verantwortlich machen», meint Zhang. «In Wirklichkeit sind alle Chinesen verantwortlich.»
Mit gerade 18 Jahren kam Zhang zur 162. Panzergrenadierdivision der 54. Heeresgruppe in Anyang, einer Elitetruppe. Keine drei Jahre später, als die Studentenproteste an Schwung gewannen, wurde Zhangs Einheit am 20. April 1989 nach Peking verlegt. Dort standen sie am südwestlichen Stadtrand, während Bürger Barrikaden errichteten, um den Weg zu dem von Demonstranten besetzten Tiananmen-Platz zu blockieren.
Am 3. Juni kam der Befehl: Durchbrechen und Platz räumen. Unterwegs flogen den Soldaten Steine und Ziegel um die Ohren, aus den oberen Stockwerken von Wohnhäusern wurde geschossen; die Truppen liessen die Fahrzeuge stehen. Angehörige seiner Einheit hätten Warnschüsse über die Köpfe der Zivilpersonen hinweg abgegeben, sagt Zhang, der nach eigenen Angaben als Sanitäter diente und bei der Erstürmung selbst unbewaffnet war.
Abschied und Arbeitslager
Er wisse von keinem Todesfall, den Soldaten der 54. Gruppe verschuldet hätten, sagt Zhang. Das ist nicht zu widerlegen, so lange die Akten unter Verschluss sind. In den meisten Berichten nach dem Blutbad wurden zwei andere Einheiten, die 27. und die 38. Heeresgruppe, für den Tod Hunderter, vielleicht Tausender Zivilpersonen verantwortlich gemacht. Bei Tagesanbruch am nächsten Morgen habe seine Einheit einen Kordon am Südrand des Platzes gebildet, sagt Zhang. Über andere Einzelheiten will er immer noch nicht reden.
Danach reichte er seinen Abschied ein und bekam ihn schliesslich auch. Nie habe er damit gerechnet, sagt Zhang, dass er gegen normale chinesische Bürger in den Kampf geschickt werden würde. Er kehrte nach Tengzhou zurück und gründete eine Diskussionsgruppe über Marktwirtschaft und Politik. Am 14. März 1992 wurde er verhaftet und wegen politischer Vergehen zu drei Jahren Arbeitslager verurteilt. Damals wie heute betrachtet er die Anklagevorwürfe als vorgeschoben, als Rache für sein vorzeitiges Ausscheiden aus der Armee.
«Demokratie scheint weiter entfernt»
Nach seiner Haftentlassung reiste Zhang auf der Suche nach Arbeit umher, wie er berichtet. 2004 kehrte er nach Tengzhou zurück, wo er mit Kunst und Antiquitäten handelt und sich seiner Familie widmet. In seinem kleinen Arbeitszimmer sitzt er stundenlang vor einem schäbigen Computer, um mit anderen Dissidenten in Verbindung zu bleiben und politische Diskussionsforen im Internet zu verfolgen.
Er habe seine Stimme auch erhoben, um Wiedergutmachung für seine Lagerhaft zu fordern, hauptsächlich aber, um die Erinnerung an Tienanmen wachzuhalten, sagt er. «Damals dachten wir, das alles würde in naher Zukunft angesprochen werden. Aber die Demokratie scheint nur weiter und weiter entfernt.» Er hoffe mit seinem Beispiel andere ehemalige Soldaten zu ermutigen, sich ebenfalls zu melden und ein Netzwerk zu bilden, sagt Zhang.
Festnahme nach Interview
Er sei einer von ganz wenigen Militärs, die über 1989 zu sprechen wagten, erklärt die frühere Professorin Ding Zilin, die sich für Tiananmen-Opfer einsetzt und deren eigener Sohn damals getötet wurde. Viele verheimlichten ihre Beteiligung und weigerten sich, die Uhr zu tragen, die zur Erinnerung verschenkt wurde. «20 Jahre sind vergangen, aber wenn die Soldaten immer noch Gewissensbisse haben, dann melden sich vielleicht noch andere», glaubt sie.
Nach dem Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP wurde Zhang Shijun verwarnt, ausländische Medien zu meiden. Wenige Tage später wurde er festgenommen. (vin/ap)
Erstellt: 30.05.2009, 14:05 Uhr
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