Um den Atomforscher tobt ein Propagandakrieg

Von Paul–Anton Krüger. Aktualisiert am 15.07.2010

Shahram Amiri – der angeblich von der CIA verschleppte Iraner ist aufgetaucht und soll auf dem Heimweg sein.

Geisel oder Spion?: Shahram Amiri.

Geisel oder Spion?: Shahram Amiri.
Bild: Keystone

Vor gut einem Jahr ist der iranische Atomforscher in Saudiarabien spurlos verschwunden. Anfang dieser Woche tauchte er wieder auf – in Washington. Und jetzt soll er sich den letzten Meldungen zufolge auf dem Weg nach Hause in den Iran befinden. Die Affäre um den 32-jährigen Shahram Amiri ist verworren und hat sich zur Propagandaschlacht zwischen den USA und dem Iran entwickelt.

Amiri hatte sich im Mai 2009 auf Pilgerfahrt begeben. Sein Ziel: Mekka. Am 3. Juni meldete er sich aus einem Hotel in Medina bei seiner Familie. Danach gab es monatelang kein Lebenszeichen mehr von ihm.

Unklare Identität

Der Iran beschuldigte die USA und Saudiarabien, den 32-Jährigen entführt und in die Vereinigten Staaten verschleppt zu haben. Das US-Aussenministerium aber bestritt jede Kenntnis des Falls. Erst am Dienstag liess Washington verlauten, Amiri sei aus «freien Stücken» in die USA gekommen und habe jederzeit ausreisen können.

Umstritten ist nur schon, wer Amiri eigentlich ist. Der Iran bezeichnet ihn als «Forscher der Malek-Ashtar-Universität». Doch die Universität steht auf der Sanktionsliste der UNO: Sie soll enge Verbindungen zum Verteidigungsministerium sowie zum Atom- und Raketenprogramm haben. Im Westen kursierten deshalb Berichte, Amiri sei Nuklearphysiker und an Irans Atomprogramm beteiligt gewesen.

Drei Monate nach Amiris Verschwinden wurde eine geheime, in Bau befindliche iranische Anreicherungsanlage nahe Ghom bekannt. Der Iran meldete diese der Internationalen Atomenergiebehörde erst, als die USA, Grossbritannien und Frankreich drohten, die Existenz der Anlage publik zu machen. Amiri wurde in dem Fall verschiedentlich als Informationsquelle der westlichen Geheimdienste genannt. Doch dafür gibt es ebenso wenig Belege wie für die Behauptung, Amiri sei zum CIA übergelaufen.

Verwirrende Videobotschaften

Bevor er wieder auftauchte, erregten drei angeblich von ihm aufgenommene und im Internet publizierte Videos Aufsehen. Sie machten die Affäre noch verwirrender: Im ersten Film, den iranische Sender am 6. Juni verbreiteten, behauptete ein Mann auf Farsi, er sei Amiri. Man habe ihn betäubt und in einem Flugzeug in die USA gebracht. Er sei gefoltert worden. Schliesslich sei ihm die Flucht gelungen. Nun halte er sich im US-Bundesstaat Arizona auf.

Wenig später erschien ein zweites Video im Netz, in dem ein anderer Mann als Amiri auftrat und erklärte, er lebe freiwillig in den USA und arbeite an seinem Universitätsabschluss.

Am 29. Juni schliesslich das dritte Video. Erneut soll es Amiri sein, der spricht und behauptet, er sei den US-Behörden im Bundesstaat Virginia (wo sich das CIA-Hauptquartier befindet) entwischt. Iranische Agenturen verbreiteten zudem eine Audiobotschaft, in der ein Mann, der sich als Amiri identifiziert, sagt, man habe ihm 10 Millionen Dollar geboten, wenn er im Nachrichtensender CNN öffentlich erkläre, er sei freiwillig in die USA übergelaufen.

Laut westlichen Nachrichtendiensten, die die Echtheit der Videos bezweifeln, soll Amiri von sich aus Kontakt zu den USA gesucht und Informationen über das iranische Nuklearwaffenprogramm preisgegeben haben. Der Iran habe aber massiven Druck auf seine Familie ausgeübt ein Interview mit seiner Frau deute darauf hin. Das sei eine mögliche Erklärung für seine angebliche Rückkehr. Ein anderer Geheimdienstler gibt zu bedenken: Sollte Amiri tatsächlich Geheimnisse verraten haben, komme eine Rückkehr in den Iran einem Todesurteil gleich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2010, 21:51 Uhr

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