Ausland
Vietnams Kommunisten verfolgen Buddhisten
Zen-Meister Thich Nhat Hanh. (Bild: Keystone)
In der Xa-Loi-Pagode, dem grössten buddhistischen Tempel in Ho Chi Minh City, dem früheren Saigon, herrscht Hochbetrieb: Gläubige verneigen sich vor vergoldeten Buddhastatuen und brennen Räucherstäbchen ab. Einige meditieren sitzend. Eine Frau bringt gebratene Ferkel als Opfer dar. Sie sollen die Fruchtbarkeit fördern. Die Frau wünscht sich einen Sohn.
Vietnams Verfassung garantiert Religionsfreiheit, zumindest auf dem Papier. So erlaubte es die Regierung in Hanoi 2005 dem buddhistischen Meister Thich Nhat Hanh, nach 40 Jahren unfreiwilligen Exils in Frankreich in die Heimat zurückzukehren.
Der heute 84-jährige Mönch und Autor zahlreicher buddhistischer Bücher wurde international bekannt, als er während des Vietnamkriegs in die USA reiste, um sich für die Beendigung des Konflikts einzusetzen. Martin Luther King schlug ihn damals – erfolglos – für den Friedensnobelpreis vor.
Auch die kommunistischen Machthaber und Gewinner des Kriegs in Vietnam honorierten Thich Nhat Hanhs Friedensbemühungen nicht. Im Gegenteil, sie verweigerten dem Mönch nach dem Ende des Kriegs 1975 die Einreise nach Vietnam.
Die Regierung besinnt sich um
Erst 2005 vollzog das vietnamesische Regime eine Wende. Um seine neue offene Religionspolitik zu unterstreichen, stellte es Thich Nhat Hanh in der zentralvietnamesischen Stadt Bao Loc sogar ein Kloster zur Verfügung. Die Gemeinde wuchs rasch: 400 Mönche und Nonnen lebten bald im Kloster Bat Nha. «Vorträge führender Mönche der Gemeinde wurden jeweils von über tausend Menschen besucht», sagt Trang, ein 34-jähriger Sozialarbeiter und Anhänger von Thich Nhat Hanh. «Dabei ging es um die Entwicklung von Respekt, um Fragen zur Befreiung des Geistes. Das führt zu freien Gedanken und freien Worten.»
Vor drei Jahren, bei seinem zweiten Heimatbesuch, überreichte Thich Nhat Hanh dem vietnamesischen Präsidenten ein 10-Punkte-Programm, wie echte Religionsfreiheit herzustellen sei. Er forderte, das Verbot der Vereinigten Buddhistischen Kirche Vietnams, das seit 1981 in Kraft ist, sei aufzuheben und die Religionspolizei aufzulösen. «Welche Religionspolizei?», fragte die Regierung – und stritt deren Existenz, die belegt ist, rundum ab. Vu Quoc Dung, Generalsekretär der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und Kenner Vietnams, aber sagt: «Diese Religionspolizei gibt es, auf Provinzebene ist es die Abteilung A38.»
Auf Forderungen hart reagiert
Nach Thich Nhat Hanhs Rückkehr nach Frankreich entzogen die Behörden den 400 Mönchen und Nonnen im Kloster Bat Nha die Aufenthaltsgenehmigungen. Es folgten Brandanschläge. Wasser und Strom wurden gekappt. Das Kloster konnte nur dank der Unterstützung der lokalen Bevölkerung weiterexistieren – bis Ende September 2009 unter dem Schutz von Polizisten regierungstreue Schlägertrupps angriffen. Sie verprügelten die Mönche und Nonnen und verschmierten Exkremente in der Meditationshalle. Die Mönche und Nonnen flohen daraufhin in die fünfzehn Kilometer entfernte Pagode Phuoc Hue, deren Abt den Verfolgten bis auf weiteres Schutz gewährte.
Vietnams Regierung behauptet, die Ausschreitungen seien auf einen internen Konflikt unter Buddhisten zurückzuführen. Doch die IGFM ist überzeugt, dass es sich um eine zentral gesteuerte Kampagne gegen Thich Nhat Hanhs Gemeinde handelt. Der Organisation liegt ein Schreiben vom 26. November 2009 vor, in dem die Regierungskommission für religiöse Angelegenheiten anordnet, Angehörige der Gemeinde noch im Dezember 2009 einzeln an ihre Wohnorte zurückzuführen.
Schlägertrupp vorgeschickt
Das Europäische Parlament verurteilte die Vorgänge Ende November in einer Resolution: Es hielt fest, dass die vietnamesische Regierung hinter der Unterdrückung steht, und forderte diese auf, die Verfolgung der Gemeinde einzustellen und deren buddhistische Praxis zuzulassen. Ohne Erfolg. «Polizisten drohten Eltern von Mönchen und Nonnen, ihre Söhne oder Töchter aus dem Familienbuch zu streichen, wenn diese das Schutzkloster nicht verlassen würden», sagt Doan* (54), ein Anhänger im Laienstatus. Bereits seien zwanzig Mönche gewaltsam nach Hause verfrachtet worden, berichtet er.
Der unablässige Druck führte zu einer Halbierung der ursprünglich 400-köpfigen Gemeinde. Und am 9. Dezember, kurz vor der Erneuerung der Schutzgarantie und der Zusage anderer Klöster, Verfolgte aufzunehmen, griff ein etwa 100-köpfiger Mob das Schutzkloster an. Die Zivilisten gaben sich als Buddhisten aus. Eine anwesende EU-Delegation, die sich ein Bild der Lage machen wollte, zog sich zurück. Erneut wurden Mönche und Nonnen geschlagen und mit Gewalt aus dem Kloster geworfen. Draussen begannen diese sitzend zu meditieren. Das Leben des Abts wurde bedroht. «Die Angreifer verhielten sich nicht wie Buddhisten», sagt Doan, «wir erkannten lokale Polizisten und Regierungsbeamte. Sie kündigten an, wieder zu kommen.»
Hetzkampagne in Staatsmedien
In Vietnams Zeitungen wird gegen Thich Nhat Hanh gehetzt: Gefährdung der nationalen Sicherheit lautet einer der Vorwürfe. Eine Anklage, die auch gegen zahlreiche Bürgerrechtler erhoben wird und in den letzten Monaten zu einer Verurteilungswelle geführt hat. Allein im Januar wurden vier Angeklagte, unter ihnen Menschenrechtsanwalt Le Cong Dinh, zu insgesamt 46 Jahren Haft verurteilt. Sozialarbeiter Trang sagt: «Dank der wirtschaftlichen Öffnung Vietnams ist das Leben trotz der Korruption besser geworden, aber die Kommunistische Partei befürchtet Machtverlust. Und dies seit Kriegsende: Die alten Kader glauben noch heute, Christen und Buddhisten würden eine Gegenrevolution anstreben.»
* Name geändert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.03.2010, 04:00 Uhr



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