Von Aufstieg und Fall des weltgrössten Waffenschiebers

Von Hans Brandt. Aktualisiert am 15.04.2009

Der Russe Viktor Bout lieferte Kriegsgerät in alle Regionen der Welt. Bis US-Agenten ihm eine Falle stellten. In Bangkok inhaftiert, hofft er, dass man ihn nicht an die USA ausliefert.

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Gross, füllig, energisch, Schnauzbart: Viktor Bout, 42, hat schon viele beeindruckt. Die einen entdeckten beim wohl grössten Waffenschieber der Welt Charisma und einen messerscharfen Geschäftssinn, die anderen atemberaubende Sprachgewandtheit. «Amerikanische und französische Medien sagen ihm den höchsten IQ der Welt nach», schwelgte der staatliche TV-Sender Russia Today. Er sei «zum Verkäufer geboren», schreibt Bout auf seiner Website, habe «eine unsterbliche Liebe zur Luftfahrt» und einen «ewigen Erfolgsdrang».

Doch ein langes Jahr im Klong-Prem-Gefängnis von Bangkok nagt an der Körperfülle - und am Selbstbewusstsein. In der orangen Knast-Uniform sieht Bout (sprich «Buht») wie ein armes Würstchen aus. Seit März 2008 sitzt er in Thailand in Untersuchungshaft. Besuch erhält er fast nur von seiner Frau Alla, einer Modedesignerin, und seiner Mutter Raisa. Die beiden bringen ihm Schokolade, frische Wäsche und Lesestoff.

Jahrelang nur auf einem Foto

Tief gefallen ist Viktor Anatoljewitsch Bout (auch bekannt als But, Butt, Budd oder Bulakin), der geheimnisvolle Russe, der seit Anfang der Neunzigerjahre ein weltumspannendes privates Luftfracht-Netz aufgebaut und in wohl jeden Krieg der Welt Waffen geliefert hat. Waffen, mit denen Kriegsherren ganze Länder terrorisierten, Waffen, die Zehntausenden das Leben kosteten. Jahrelang gab es nur ein einziges Foto von dem Mann, heimlich auf einem Flugfeld im Kongo aufgenommen.

Zum Verhängnis wurde Bout der Versuch, ein Geschäft mit den Farc-Guerillas in Kolumbien einzufädeln, einer von den USA als Terrorgruppe eingestuften Organisation. Im November 2007 gaben sich Agenten des US-Drogendezernates DEA als Farc-Generäle aus. Sie bestellten bei Bout Boden-Luft-Raketen, Panzerfäuste und anderes Kampfgerät. Bei Treffen mit Bout-Vertrauten in Curaçao, Kopenhagen und Bukarest wurden Details ausgehandelt und Telefongespräche, Verhandlungen, E-Mail-Verkehr aufgezeichnet.

Ein langwieriges Verfahren

Am 6. März 2008 schnappte die Falle zu. Bout hatte sich nach Thailand locken lassen, um das Geschäft abzuschliessen. Die Verhandlungspartner wurden im Luxushotel Sofitel in Bangkok von thailändischen Polizisten und amerikanischen Agenten festgenommen.

Juristisch ist die Sache knifflig. Als Bout verhaftet wurde, gab es noch keine Anklage und kein Auslieferungsgesuch der USA. Formal wurde die Auslieferung erst im Mai 2008 beantragt. In den USA droht Bout lebenslange Haft. Aber die Beweise sind nicht ganz so erdrückend, wie die Amerikaner sich das wünschen. Zwar soll er persönlich den kolumbianischen Kämpfern Waffen und militärische Ausbildung angeboten haben. Aber es gab keine Lieferung, es flossen keine Millionen.

Das Verfahren zieht sich in die Länge. Mal wird ein Anwalt krank, mal fehlt ein wichtiger Zeuge, mal wartet der Richter auf eine Erklärung des thailändischen Aussenministeriums. Am 29. April ist der nächste Gerichtstermin.

Mobutu kann nicht mehr helfen

Im Hintergrund findet ein diplomatisches Gerangel statt. Russlands Aussenministerium warnt, dass der Fall «Versuche, die Kooperation zwischen Moskau und Washington wieder aufzunehmen», gefährde. Der US-Kongress hat Bouts Auslieferung gefordert, das russische Parlament, die Duma, seine Freilassung. Gerüchte von Bestechungsversuchen beider Seiten machen die Runde. Thailand befürchtet, die Sache könnte Erdöl- und Rüstungsgeschäfte mit Russland gefährden, ist aber auch auf die enge Beziehung zu den USA angewiesen. Sogar der Vorsitzende Richter Jitakorn Patanasiri klagte, nur halb im Scherz, dass er mit Schwierigkeiten rechnen müsste. Entweder die USA oder Russland würden ihm nach diesem Verfahren nie mehr ein Visum geben.

Bout soll durch seine Waffengeschäfte steinreich geworden sein, aber seine Frau Alla behauptet, dass Geld knapp sei. Tatsächlich bietet er keineswegs hochkarätige Anwälte auf. Und einige, die er Freunde nennt, können nicht mehr helfen: Mobutu Sese-Seko, Ex-Diktator von Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo, hat 1997 das Zeitliche gesegnet. Ahmed Shah Massud, charismatischer Chef der Nordallianz in Afghanistan, fiel 2001 einem Attentat zum Opfer. Jean-Pierre Bemba, Kriegstreiber im Norden des Kongo, ist beim Internationalen Strafgerichtshof in den Haag in Haft. Dort sitzt auch Charles Taylor, der grausame Ex-Präsident von Liberia.

Aber wo sind die adeligen Geschäftspartner aus den Arabischen Emiraten, die Verbündeten im russischen Geheimdienst, die Waffenlieferanten an höchster Stelle in der Ukraine oder Bulgarien, die Oligarchen, die sich mit Bouts Flugzeugen Luxusgüter nach Russland bringen liessen? Offenbar will niemand mit diesem Mann in Verbindung gebracht werden.

Der Aufstieg nach dem Kalten Krieg

Umso mehr bemüht er sich, durch die Medien Druck zu machen, er kann Interviews geben. Heute macht der Verhaftete einen immer verzweifelteren Eindruck. «Ich war ein einfacher Transportunternehmer», beteuert Bout. «Genauso gut könnte man einen Taxifahrer in Moskau verhaften, weil er einen Verbrecher chauffierte.» Ja, Waffen habe er geliefert, aber im Auftrag von Regierungen und mit gültigen Endverbraucherzertifikaten.

Aber was ist mit dem fingierten Geschäft, das zu seiner Verhaftung führte? Da wurde nie nach Endverbraucherzertifikaten gefragt. Über die Jahre haben zahlreiche Untersuchungen belegt, wie Bout wirklich Geschäfte machte, etwa Berichte der Uno zu Angola im Dezember 2000 und zum Kongo 2001. Darin ist die Rede von gefälschten Dokumenten und heimlich umgeleiteten Flügen.

Nach dem Ende des Kalten Krieges brachen nicht nur in vielen Regionen Afrikas alte Konflikte auf. In Jugoslawien, im Kaukasus, in Zentralasien, in Südostasien wurde Krieg geführt, mit Waffen, die nicht mehr offiziell von Washington, Paris, Moskau oder Peking geliefert wurden. Diese Lücke wussten private Händler zu nutzen, und sie hatten Zugriff auf riesige Bestände. In der Ex-Sowjetunion waren Arsenale unter der Kontrolle von Offizieren und Politikern, die gegen Bezahlung und ohne Fragen lieferten. Bout war der Erfolgreichste dieser neuen Branche. Als ehemaliger Offizier und Übersetzer der russischen Luftwaffe konnte er sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1992 ausgemusterte Militärtransporter besorgen. Er hatte Ende der Achtzigerjahre in Angola und Moçambique gearbeitet. So kannte er die Verhältnisse in Afrika gut. Aufgewachsen war er als Sohn russischer Eltern in Duschanbe, der Hauptstadt von Tadschikistan, das damals zur UdSSR gehörte. Daher spricht er Persisch, ist mit dem Islam und Zentralasien vertraut.

Belieferte er auch die al-Qaida?

Als Basis für seine Operationen entdeckte Bout das arabische Emirat Sharjah, den kleineren Nachbarn Dubais. Der dortige Flughafen ist ein Drehkreuz für den arabischen und zentralasiatischen Raum. Von dort belieferte er die Nordallianz in Afghanistan, von dort war auch Afrika gut zu erreichen. Über ein Netz von kleinen Flugunternehmen in aller Welt, mit Flugzeugen, die oft nur angemietet waren, mit Piloten aus der ehemaligen Sowjetunion transportierte Bout alles an jeden zahlenden Kunden: von frischem Gemüse, Schnittblumen und Straussenfleisch über Diamanten und Gold bis zu Kalaschnikows und Helikoptern.

2002 musste Bout Sharjah verlassen, nachdem Belgien einen internationalen Haftbefehl gegen ihn erlassen hatte. Der ist inzwischen verjährt, doch in dieser Zeit verdichteten sich die Hinweise, dass er auch die Taliban und al-Qaida beliefert hatte. Das bestreitet er zwar, doch es bedeutete, dass seine Aktivitäten nicht mehr toleriert wurden.

Die Uno als Kunde

Zu Bouts einstigen Kunden zählen seine heutigen Verfolger: Die Uno hat wiederholt Bout-Flugzeuge für Transporte gemietet, etwa, um Friedenstruppen nach Osttimor zu bringen. Frankreich nutzte Bout, um nach dem Völkermord in Ruanda seine Truppen dorthin zu fliegen. Für die Briten brachten Bout-Frachter noch 2004 Hilfsgüter nach Afrika. Und die USA heuerten Bout an, um nach dem Ausbruch des Irak-Kriegs ins Kriegsgebiet zu fliegen.

Und selbst heute noch wird sein Geschäft einfach von anderen erledigt, fliegen heruntergekommene russische Transportflugzeuge für die Uno in den Sudan oder für die USA nach Bagdad. Regierungen stellen für solche Transporte nur sehr selten ihre teuren Flugzeuge und ihre wertvollen Besatzungen zur Verfügung. Sharjah bleibt ein Drehkreuz für die heisseste Konfliktregion der Welt. Die Namen der Fluggesellschaften, die diese Dienste leisten, wechseln oft, ihre Besitzverhältnisse sind schwer zu eruieren. Nur die Flugzeuge sind immer dieselben.

Der Absturz des Söldners

Vor wenigen Wochen, am 9. März dieses Jahres, fing ein 30 Jahre alter russischer Militärtransporter kurz nach dem Start vom Flughafen Entebbe in Uganda Feuer und stürzte in den Viktoriasee. Mieterin des Flugzeugs war die US-amerikanische Sicherheitsfirma Dyncorp, die für Friedenstruppen der Afrikanischen Union Ausrüstung nach Mogadiscio in Somalia transportierte. Alle elf Menschen an Bord starben, darunter auch zwei russische und zwei ukrainische Crewmitglieder, drei Generalstabsoffiziere aus Burundi und Duncan Rykaart, Ex-Oberst der Spezialtruppen von Apartheid-Südafrika, Veteran berüchtigter Privatarmeen. Er habe zuletzt mehr als vier Jahre im Irak gearbeitet, schrieb die südafrikanische Zeitung «Beeld», und er sei ein Sprengstoffexperte.

Das Flugzeug, eine Iljuschin IL-76, war registriert in São Tomé und Príncipe, einem korrupten afrikanischen Inselstaat. Der Jet gehörte der Firma Aerolift aus Südafrika, deren Eigentümer angeblich der Russe Jewgeni Sakarow ist. Aber bis 2005 gehörte diese Maschine der Firma GST Aero aus Kasachstan. Und die ist Teil des Netzwerkes von Viktor Bout. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2009, 13:14 Uhr

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