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Vor der Expo werden Kritiker vorsorglich eingesperrt

Von Henrik Bork, Shanghai. Aktualisiert am 28.04.2010 19 Kommentare

Am Samstag startet die Weltausstellung in Shanghai. China unternimmt alles, um sich dort ins beste Licht zu rücken. Der Preis dafür ist hoch – auch für die Menschen, die umgesiedelt wurden.

Sie soll mit der Weltausstellung das neue China ins rechte Licht rücken: Die chinesische Metropole Shanghai.

Sie soll mit der Weltausstellung das neue China ins rechte Licht rücken: Die chinesische Metropole Shanghai.
Bild: Keystone

In der Xinzha-Strasse in Shanghai sind noch die Maler unterwegs. So schnell rennen sie mit ihren Farbeimern hin und her, dass auch der Bürgersteig weiss gesprenkelt wird. Alle Mauern Shanghais, so scheint es, müssen vor der Expo noch schnell geweisselt werden. Die historische Uferstrasse ist bereits komplett erneuert worden. Die Stadt hat sich neue Flughafenterminals geleistet, neue U-Bahnen, Stadtautobahnen und Grünanlagen.

Anderswo mag man die Nase rümpfen über das «überholte Prinzip Weltausstellung» im Zeitalter des Internets und des Massentourismus. China aber hat die Weltausstellung ebenso beherzt in ein Werkzeug der Selbstdarstellung umgewandelt wie schon die Pekinger Olympiade. Nicht etwa in einer zweitrangigen Provinzstadt wie Hannover oder im japanischen Aichi findet diese Schau statt, sondern in einer stolzen, spektakulär wiederauferstandenen 20-Millionen-Metropole. Und nicht etwa auf einem Gelände irgendwo am Stadtrand, sondern mitten in der Stadt auf beiden Seiten des Huangpu-Flusses. Schaut her, China hat neben Peking noch eine zweite moderne Millionenstadt, die erfolgreich eine solche internationale Massenveranstaltung bewältigen kann, lautet die Botschaft der kommunistischen Führung.

«Auf ein höheres Niveau entwickeln»

Wenn in China erst einmal eine Grundsatzentscheidung für so etwas gefallen ist, dann scheut die Regierung weder Kosten noch Mühen. Mehr als 60 Milliarden Franken hat die chinesische Regierung für die Expo ausgegeben, noch mehr als für die Olympischen Spiele in Peking. «Für die Stadt Shanghai ist diese Expo eine wertvolle Gelegenheit, sich mithilfe des Staates auf ein neues Niveau zu entwickeln», sagt Gu Jun vom Institut für Sozialforschung der Universität Shanghai. Dabei meint er vor allem das Niveau der Infrastruktur.

767 Kilometer an Stadtautobahnen hat Shanghai bis zur Expo gebaut, 4 Brücken und 12 Tunnel über oder unter dem Huangpu, 13 U-Bahn-Linien. Die Fähigkeit der Regierung, solche Events als Katalysator für die Stadtentwicklung zu nutzen, ist vorbildlich. Allerdings sollte sich niemand der Illusion hingeben, dass mit all dem Aufpolieren der Stadt auch eine grössere Liberalität in Shanghai Einzug halten könnte. Ähnlich wie vor den Olympischen Spielen hat Chinas Staatssicherheit in Shanghai Dutzende von kritischen Geistern vorsorglich eingesperrt. Vielen chinesischen Journalisten haben die Staatssicherheitsbeamten bei «einer Tasse Tee» vom Kontakt mit ausländischen Kollegen abgeraten. Es herrscht eine Atmosphäre der Einschüchterung.

Auch stehen all die politisch korrekten, herzensgut gemeinten Botschaften der ausländischen Expo-Pavillons in deutlichem Kontrast zu den Methoden, mit denen das Ausstellungsgelände für die Expo geräumt worden ist. «Better City, Better Life» ist das offizielle Motto der Expo, «bessere Stadt, besseres Leben». Doch viele Bürger Shanghais sind für die Expo aus ihren Wohnungen vertrieben worden, im Hauruckverfahren und ohne adäquate Entschädigung.

Professor unter Hausarrest

Wer etwas über die Verjagten erfahren will, muss daher Feng Zhenghu in der Nähe der Fudan-Universität besuchen. «Halt, Polizei» ruft da ein ruppiger Chinese in Zivilkleidung. Die Staatssicherheit hat Herrn Feng, einen netten 56-jährigen Professor im Ruhestand, unter Hausarrest gestellt. Der Beamte fängt am Eingang zum Appartement-Komplex alle Besucher ab, und direkt vor der Tür zu Fengs Haus Nummer drei hat die Staatssicherheit zur Sicherheit noch einmal ein Auto ohne Nummernschilder geparkt. Darin schlafen rund um die Uhr bezahlte Aufpasser. «Sie haben arbeitslose Industriearbeiter für 1000 Renminbi im Monat eingestellt, um mich zu bewachen», sagt Feng. Das sind umgerechnet etwa 150 Franken pro Person, bei fünf angeheuerten Hilfspolizisten also 750 Franken im Monat.

Feng Zhenghu ist trotzdem froh, dass er wieder zu Hause ist. Er hatte sich als Bürgerrechtler unter anderem um die von der Expo-Baustelle verjagten Bürger Shanghais gekümmert. Als er kürzlich in Japan war, hatte die chinesische Regierung ihm daher die Wiedereinreise verweigert. Doch sie hatte nicht mit der Hartnäckigkeit Fengs gerechnet, der einfach 92 Tage lang am Flughafen Narita in Tokio sitzen blieb, bis die ganze Angelegenheit für Peking zu peinlich wurde. «Ich bin ein Chinese, und ich sollte nur wegen der Expo nicht wieder nach China dürfen. Das hat dann sogar chinesische Patrioten erbost», sagt Feng. Während dieser Teil der Grundidee von «Bessere Stadt, besseres Leben» also nicht ganz im Sinne der Planer gelaufen ist, bemüht sich die Stadt Shanghai nun, die Umgesiedelten trotzdem unter Kontrolle zu halten. «Sie dürfen mich nicht besuchen, und ich darf nicht aus dem Haus», sagt der Bürgerrechtler.

Die vertriebene Coiffeuse

Am anderen Ende der Stadt wartet Cui Fufang, eine 53-jährige gelernte Coiffeuse, die bis vor kurzem da gewohnt hat, wo jetzt die glitzernden Expo-Pavillons stehen. Im Ausgleich für ihre 40 Quadratmeter grosse Wohnung hatte man ihr eine 15 Quadratmeter grosse Einzimmerwohnung angeboten, «zwei Stunden Autofahrt von hier». Dafür sollte sie noch genau 176'237.80 Renminbi dazuzahlen, umgerechnet knapp 28'000 Franken – für Leute wie Frau Cui ein kleines Vermögen. «Man will uns betrügen», sagt sie.

Cui Fufang protestierte, zunächst auf legalem Weg, doch die Gerichte wollten von der Sache nichts hören. Dann fuhr sie nach Peking, wo den Bürgern des Landes angeblich eine Eingabe bei einer Beschwerdebehörde erlaubt ist. Doch diese Eingabe erboste die städtischen Beamten in Shanghai dermassen, dass sie Cui Fufang und ihre 80-jährige Mutter Liu Shuzhen immer wieder einfingen und einsperrten, bis jetzt mehr als 200 Tage lang. «Sie behandeln uns wie Kriminelle», sagt Cui. Sie zeigt ein Foto, auf dem ihr ganzer Körper grün und blau geschlagen ist. Sie zeigt den Zwangsräumungsbefehl und noch einen ganzen Ordner weiterer Dokumente, als könnte ihr der Reporter, der zur Besichtigung des Schweizer Pavillons angereist ist, die Gerechtigkeit verschaffen, nach der sie sich sehnt. Better City, Better Life. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2010, 20:26 Uhr

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19 Kommentare

Gianin May

28.04.2010, 11:04 Uhr
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Disneyland Fassade rückt nichts ins richtige Licht! Antworten


Martin von Arx

28.04.2010, 13:37 Uhr
Melden

Das Verhalten der westlichen Welt gegenüber dem Schurkenstaat China ist sowas von schizophren! Beim Anblick des chinesischen Geldes erblinden gewisse Leuten an der Macht, und unsere Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Ökologie gehen vergessen. Mögen die chinesischen Machthaber in der Hölle schmoren, zusammen mit denen, von denen sie unterstützt werden. Boykott China, better life!!! Antworten



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