«Wir warnen seit 20 Jahren davor, China wie ein kleines Kind zu verwöhnen»
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Der Dalai Lama sagt «Merci»
Der 14. Dalai Lama besucht zum 23. Mal die Schweiz, wo die grösste tibetische Exilgemeinschaft Europas lebt. Er wohnt am 8. April in Zürich dem Festakt «50 Jahre Tibeter in der Schweiz – Merci Schwiiz» bei. Am 11. April, dem letzten Besuchstag, hält er einen öffentlichen Vortrag im Hallenstadion. (TA)
Heute Donnerstag treffen sich mit Barack Obama und dem Dalai Lama zwei Friedensnobelpreisträger. Das wird Streit auslösen. China protestiert heftig. Überrascht es Sie, dass die US-Regierung den Dalai Lama doch noch empfängt?
Nein, überhaupt nicht. Seit Bush Senior hat jeder amerikanische Präsident Seine Heiligkeit den Dalai Lama getroffen. Im vergangenen Oktober hat die US-Administration in Absprache mit dem Dalai Lama beschlossen, von einem Treffen abzusehen, weil der US-Präsident im November China besuchen und die Beziehungen zu China nicht belasten wollte. Wir Tibeter haben zugestimmt, um die chinesische Regierung nicht unnötig zu provozieren und ein günstiges Klima zu schaffen. Es war aber immer klar, dass Präsident Obama den Dalai Lama empfangen würde.
Ist Ihr Versuch, ein günstiges Klima zu schaffen, misslungen?
Das ist nicht so eindeutig. Immerhin sind die Kontakte zwischen der chinesischen Regierung und den Gesandten des Dalai Lama nach einem Unterbruch von 15 Monaten vor zwei Wochen wiederaufgenommen worden.
Auch wenn die chinesische Seite dabei all Ihre Vorschläge zurückgewiesen und den Dalai Lama erneut als «Störenfried» beschimpft hat?
Das war zu erwarten. Nicht nur tibetische Unterhändler machen derzeit die Erfahrung, dass die chinesische Seite sehr unversöhnlich, kompromisslos, unnachgiebig und arrogant auftritt.
Wollte man Sie demütigen, als man Sie vor Beginn der Gespräche zum Geburtsort Maos gefahren hat?
Wieso denn? Wir haben es immer begrüsst, wenn unsere chinesischen Gastgeber uns das Land zeigen wollten. Wir Tibeter streben ja keine Trennung und Unabhängigkeit an, sondern wollen im Staatsverband der Volksrepublik China bleiben. Deshalb ist es für uns wichtig, zu sehen, wie China sich entwickelt. Für uns wäre es natürlich von grosser Bedeutung gewesen, wenn man uns diesmal auch ermöglicht hätte, tibetische Gebiete in der Volksrepublik zu besuchen. Aber das haben unsere chinesischen Gastgeber nicht arrangiert.
Ausgerechnet der Geburtsort Maos, das war doch eine Provokation?
(Überlegt lange) Der Dalai Lama hat Mao Zedong sehr gut gekannt. 1954/55 war er fast zehn Monate in China und etwa sechs davon in Peking. Damals hat er Mao oft getroffen. Der Dalai Lama hat immer sehr positiv über ihn gesprochen. So hat er erzählt, dass er 1954 mit vielen Sorgen, Befürchtungen und Fragen nach China gereist war. Nach zehn Monaten sei er aber voller Hoffnungen und Zuversicht nach Tibet zurückgekehrt. Leider kam es wenige Jahre später zu einem extremen Linksrutsch in der chinesischen Politik. China setzte 1958 zum «Grossen Sprung nach vorn» an. Das hat auch in Tibet zu immer grösseren Probleme geführt und 1959 schliesslich zum grossen Volksaufstand.
Bewegt sich etwas in der Tibet-Frage?
Nein, es gibt keinerlei Bewegung in der sehr unversöhnlichen, rigiden und unnachgiebigen chinesischen Haltung. Dennoch hat uns die erneute Begegnung erlaubt, Peking mündlich und schriftlich die vollumfängliche Position des Dalai Lama und der tibetischen Führung im Exil über eine einvernehmliche Lösung des Tibet-Problems zu übergeben. Wir hoffen nun, dass die chinesische Seite diese Dokumente in aller Ruhe begutachtet und sie als Basis für weitere Gespräche nutzen wird.
Was steckt hinter der derzeit so arroganten Haltung Chinas?
Sicherlich hat sie mit dem neuen Selbstbewusstsein Chinas zu tun und seinem Aufstieg in den letzten Jahrzehnten. Es gibt aber noch einen zweiten Faktor: Wir Tibeter haben die westlichen Regierungen bereits vor 20 Jahren gewarnt, man solle China nicht wie ein kleines Kind verwöhnen, sondern zu einem verantwortungsvollen Mitglied der internationalen Gemeinschaft heranziehen. Westliche Regierungen haben aber der chinesischen Führung in den letzten Jahrzehnten das Gefühl vermittelt, China könne auch mit seiner Einparteiendiktatur und seinen totalitären Zügen ein akzeptiertes Mitglied der internationalen Gemeinschaft werden.
Um gute Geschäfte zu machen?
Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wurden zwar bei allen Kontakten immer wieder vorgebracht, in der realen Politik aber fielen sie jeweils unter den Tisch. Man hat mit zu wenig Nachdruck und Prinzipienfestigkeit auf diesen Werten beharrt.
Wo zum Beispiel?
Bei der Vergabe der Olympischen Spiele 2008 hiess es, der Anlass würde dazu führen, dass China sich öffnet. Alle Experten und Chinakenner sind aber der Ansicht, seit den Spielen hätten sich die Freiräume für Menschenrechtsaktivisten verengt und die Zensur verschärft. Diese Entwicklungen hatten keine Auswirkungen auf die Chinapolitik der westlichen Regierungen.
Ändert sich das jetzt? Die Schweiz ist bereit, zwei Uiguren aufzunehmen, obwohl China protestiert.
Ich habe den Eindruck, dass noch vor wenigen Jahren viele Regierungen geneigt waren, ein Auge zuzudrücken, in der Hoffnung, China würde sich am Ende in die richtige Richtung bewegen. Man sah das Land in einer Übergangsphase und wollte keine Haltung einnehmen, die von der chinesischen Führung als konfrontativ empfunden werden musste. Heute scheinen immer mehr Regierungen zu realisieren, wohin sich China tatsächlich entwickelt, und diese Richtung gefällt vielen zu Recht nicht. Deshalb überprüfen sie ihre Haltung.
Hat Sie der Entscheid der Schweiz überrascht?
Wir begrüssen natürlich die Aufnahme unserer uigurischen Leidensgenossen. Wir Tibeter sind selber dankbar, als Flüchtlinge von der Schweiz aufgenommen worden zu sein. Als eingebürgerter Tibeter, als Schweizer, bin ich auch persönlich sehr froh und stolz, dass sich der Bundesrat diesmal für die humanitären Werte der Schweiz entschieden hat.
Wie ist heute die Situation in Tibet?
Wie wir aus Tibet hören, gibt es immer noch eine sehr dichte Präsenz von Sicherheitspersonal und Militär. Die Überwachung ist sehr intensiv. Die Atmosphäre zwischen Tibetern und Chinesen hat sich seit den Demonstrationen 2008 dramatisch verschlechtert. Tibeter und Chinesen bleiben unter sich. Es herrscht eine Atmosphäre von Misstrauen, Einschüchterung und Angst. Das sehen wir auch daran, dass immer weniger Flüchtlinge aus Tibet nach Dharamsala kommen, zum Sitz der tibetischen Exilregierung in Indien. Die Überwachung der Grenzen ist strenger geworden. Tibeter im Exil wagen es auch nicht mehr, nach Tibet zu telefonieren und den Kontakt zu ihren Verwandten aufrechtzuerhalten. Sie wollen ihre Verwandten oder Freunde in Tibet nicht in Gefahr bringen.
Machen Gespräche unter diesen Umständen noch Sinn?
Es war Deng Xiaoping, damals der starke Mann in China, der 1979 gesagt hat, man könne über alles reden und eine Lösung finden, solange die Tibeter nicht die Trennung und Unabhängigkeit Tibets anstrebten. Auf der Basis dieser Aussage finden die derzeitigen Gespräche statt. Wenn die chinesische Regierung diese Politik von Deng Xiaoping ändern will, dann muss sie auch die Verantwortung dafür übernehmen und den Mut aufbringen, uns dies klar zu sagen.
Wieso kündigt die tibetische Seite den Dialog nicht auf?
Wir führen einen strikt gewaltlosen Kampf für die Rechte unseres Volkes. Aus diesem Grund ist die Suche nach einer einvernehmlichen Lösung des Tibet-Problems durch Dialog und Verhandlungen das feste Prinzip Seiner Heiligkeit des Dalai Lama. Er wird davon nicht abweichen.
Mit Kelsang Gyaltsen sprachen Luciano Ferrari und Thomas Knellwolf
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.02.2010, 04:00 Uhr









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