Unnötige Atombomben auf Japan

Die Bombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki vor 70 Jahren waren nicht entscheidend für die Kapitulation Japans. Die USA hatten andere Gründe für den Atombombeneinsatz.

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Es war am 6. August 1945, 8.15 Uhr Ortszeit, als ein amerikanischer B-29-Bomber auf Hiroshima die erste Atombombe der Geschichte gegen Menschen einsetzte. Drei Tage später, 11.02 Uhr Ortszeit, warf ein anderes B-29-Flugzeug der US-Luftwaffe eine zweite Atombombe auf Nagasaki ab. Die Uranbombe «Little Boy» und die Plutoniumbombe «Fat Man» töteten auf einen Schlag über 210'000 Menschen, sie zerstörten zwei Städte komplett. Und sie sollten in den folgenden Jahrzehnten mehr als 100'000 weitere Opfer fordern, die an Verstrahlung und anderen Spätfolgen starben.

Am 15. August 1945 wandte sich der japanische Kaiser Hirohito via Radio an sein Volk und verkündete die Kapitulation. Und am 2. September 1945 wurde auf dem US-Schlachtschiff Missouri die Kapitulationsurkunde unterzeichnet.

Die US-Theorie der herbeigebombten Kriegswende

Die Bombe auf Nagasaki habe den Krieg beendet, ist William Barney überzeugt. Ein Endkampf um Japan hätte viel mehr Menschenleben gekostet. Barney, inzwischen 94 Jahre alt, ist das letzte lebende Mitglied der Atombombenmissionen der USA. «Ich bin bis heute stolz darauf, Teil dieser Mission gewesen zu sein», erzählte Barney dem NDR-Reporter Klaus Scherer, der in den USA und Japan über die Gründe der verheerenden Bombenabwürfe recherchiert hat. Dass sich Barney faktisch als Lebensretter sieht, erstaunt nicht, denn es entspricht der herrschenden Theorie über das Ende des Zweiten Weltkriegs im Pazifik. Diese Sichtweise stellt Scherer infrage. «Nagasaki. Der Mythos der entscheidenden Bombe» heisst das soeben veröffentlichte Buch des NDR-Reporters zum 70. Jahrestag der amerikanischen Atombombenangriffe auf Japan. Scherer kennt sowohl die USA als auch Japan sehr gut, weil er mehr als zehn Jahre als Korrespondent in Washington und Tokio tätig gewesen war. «Schon aus Respekt vor den Opfern ist es nötig, die ganze Geschichte zu kennen», sagt Scherer.

Dispute um die Hintergründe der Atombomben hat es immer wieder gegeben. Frühe Revisionisten verurteilten die Abwürfe. Sogar führende US-Militärs aus der Endphase des Zweiten Weltkriegs hatten in einer Untersuchung kurz nach dem Kriegsende Zweifel geäussert. «Von vielen Generälen und Admirälen ist aktenkundig, dass der Abwurf der Atombomben militärisch unnötig und moralisch nicht vertretbar war», sagt der US-Historiker Peter Kuznick von der American University in Washington. Doch vor allem in der amerikanischen Öffentlichkeit sollte sich diese Erkenntnis nie durchsetzen. Vielmehr war es die US-Propaganda, die erfolgreich die Sichtweise verbreitete, dass die Japaner zu einem endlosen Krieg bereit gewesen wären, wenn sie nicht mit den beiden Atombomben zur Kapitulation gezwungen worden wären.

In seinem Nagasaki-Buch lässt Scherer Zeitzeugen und Historiker aus den USA und Japan zu Wort kommen. Das Fazit: Von Beginn an ging es den USA darum, die neuen Bomben zu testen. Japan, militärisch längst geschlagen, lieferte dazu die Gelegenheit.

Amerikaner wollten Atombomben unbedingt testen

«Ich glaube, dass es in Amerika auch das Motiv gab, die Zerstörungskraft der beiden Atombombentypen im Feld zu testen und mehr über die Auswirkungen der Bomben auf die Opfer herauszufinden», sagt der Historiker Akira Kimura. Nach der Besetzung Japans hätten die Amerikaner eine Kommission zur Beobachtung der Atomopfer eingesetzt. Sie hätten Daten gesammelt, ohne die Opfer medizinisch zu versorgen. Kimura spricht von einem «perfiden Experiment an unschuldigen Menschen».

Die USA hatten mehrere Optionen, um Japan zur Aufgabe zu zwingen. Präsident Harry S. Truman verzichtete aber Historikern zufolge bewusst darauf, auf diplomatischen Wegen die Chancen auf ein Kriegsende auszuloten. Dabei wäre Japan schon seit Monaten zu Friedensverhandlungen bereit gewesen, und es setzte auf die Vermittlung durch die Sowjetunion anlässlich der Potsdamer Konferenz im Juli 1945. Die Sowjetunion, im Kampf gegen Nazi-Deutschland an der Seite der USA, hatte sich bis zu diesem Zeitpunkt noch an ihren Neutralitätspakt mit den Japanern gehalten.

US-Präsident Truman hatte jedoch längst beschlossen, die neuen Bomben einzusetzen. Drei Optionen wurden diskutiert. Erstens: Die Demonstration der Gewalt der Atombombe durch Abwurf auf ein unbewohntes Gebiet. Zweitens: Ihr Einsatz gegen ein militärisches Objekt. Drittens: Ihr Abwurf auf vom Krieg verschonte Städte. Die Amerikaner entschieden sich für eine Demonstration der Macht mit einer Waffe mit verheerender Wirkung, die die Welt noch nie gesehen hatte. Mit dem Abwurf der Atombomben wollten die Amerikaner die Sowjetunion vom weiteren Vorrücken in Fernost abschrecken und ihr die Überlegenheit der USA demonstrieren. In der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs begann sich der Kalte Krieg bereits abzuzeichnen. Dass sich US-Präsident Harry Truman und Sowjetführer Josef Stalin einen Wettlauf um die Macht im Pazifik geliefert hatten, beschreibt der Historiker Tsuyoshi Hasegawa, der sowohl an amerikanischen als auch an japanischen Universitäten lehrt.

Kriegserklärung der Sowjetunion am 8. August 1945

Auch dem Historiker Hasegawa zufolge waren die amerikanischen Atombomben vom 6. und 9. August 1945 nicht entscheidend für Japans Kapitulation. (Konventionelle) Bombardements, die ganze Städte auslöschten, war Japans Führung schlichtweg schon gewohnt. Das Leid der Zivilbevölkerung war für den Kriegsrat in Tokio nie ein Grund gewesen, die Strategie zu ändern. Hiroshima und Nagasaki waren, so betrachtet, nur die Städte Nummer 68 und 69, die in Asche lagen. Vielmehr war es der unerwartete Kriegseintritt der angeblich neutralen Sowjetunion am 8. August 1945, die Japan zur Kapitulation veranlasste. Kaiser Hirohito und sein Kabinett in Tokio mussten nun feststellen, dass sich ihre letzte Hoffnung, die Vermittlerdienste Moskaus, als Illusion herausgestellt hatte. Zwei mächtige Kriegsgegner wie die USA und die UdSSR: Das war zu viel für das kaum noch kriegsfähige Japan. «Die Atombombe war ein Grund für die Kapitulation, aber nicht der Hauptgrund», sagt der Historiker Kuznick. «In seiner zweiten Rede, die er ans Militär richtete, nannte Kaiser Hirohito nur Moskaus Kriegserklärung als Grund.»

Dass US-Präsident Truman danach noch die zweite Atombombe abwerfen liess, war ebenfalls längst beschlossene Sache, wie Dokumente zeigen. Und der Entscheid wurde nach Stalins Kriegserklärung auch nicht überprüft. Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki seien vor allem auch als «Signal an die Sowjetunion» gerichtet gewesen, sagt der Historiker Kuznick. «Dass Amerika in Japan ganze Städte auslöschen konnte, hatte es hinlänglich bewiesen. Aus japanischer Sicht war es kein grosser Unterschied mehr, ob dafür 200 Flugzeuge ankamen und Tausende Bomben abwarfen oder nur eines mit einer Bombe. Andere Grossstädte, Toyama etwa, waren sogar noch vollständiger ausradiert worden», erklärt Kuznick. «Für Japan machte die Atombombe also allenfalls einen quantitativen, aber keinen qualitativen Unterschied.»

Archive zeigen, dass beide Bomben unnötig waren

In den Gesprächen mit NDR-Reporter Klaus Scherer erklärten gleich mehrere führende Wissenschaftler, dass die Atombomben auf Japan aus militärischer Sicht nicht nötig gewesen seien. Martin Sherwin zum Beispiel, Historiker und Pulitzer-Preisträger, der sich seit fünf Jahrzehnten mit dem Thema befasst und derzeit an der George Mason University nahe Washington lehrt. Er zieht folgendes Fazit: «Zuerst fand ich noch, für Hiroshima liessen sich Gründe anführen. Aber die zweite Bombe war eindeutig überflüssig. Je mehr Material jedoch in den Archiven zugänglich wurde, desto klarer wurde mir, wie unnötig beide Abwürfe waren.» Zu einem ähnlichen Fazit kommen auch sein japanischer Kollege Akira Kimura und der US-Friedensforscher Ward Wilson.

Warum hält sich denn die These der mit Atomwaffen herbeigebombten Kriegswende bis heute? «Weil alle damit besser leben konnten», sagt der Friedensforscher Wilson. Der Westen, weil er eine Rechtfertigung für das Grauen, das die Atombomben auslösten, gut habe gebrauchen können. Historiker Sherwin nennt noch einen weiteren Grund: «Dieser Krieg war unser guter Krieg. Wir hatten die Nazis in Europa und den japanischen Militarismus bekämpft», sagt Sherwin. «Dass über diesem guten Krieg am Ende ein Schandfleck liege sollte, konnte Amerika nie ertragen.»

Auch in Japan hat der Mythos der amerikanischen Wunderwaffe manchen geholfen, wie Friedensforscher Wilson zu verstehen gibt. Sowohl dem Kaiser als auch dem Volk blieb so eine schmerzhafte Aufarbeitung des Krieges erspart. Mit Hiroshima und Nagasaki entstand vielmehr das Bild der Opfernation Japan. Dass die Japaner in Asien einen aggressiven und brutalen Unterwerfungskrieg geführt hatten, rückte somit in den Hintergrund, insbesondere auch die Frage nach der Schuld von Kaiser Hirohito, der sein Volk in eine Kriegskatastrophe geführt hatte.

Nagasaki: Täter sind Amerikaner, aber auch Japaner

In seinem Nagasaki-Buch zeigt sich NDR-Reporter Scherer am Ende beeindruckt vom Augenmass der Überlebenden. «Ich hatte damit gerechnet, dass diese Kinder von einst, als einzige Kriegsopfer der Geschichte, die je dem Horror der Atombombe ausgesetzt waren, allein jene als Täter bezichtigen würden, die sie geplant, gebaut und zum tödlichen Einsatz gebracht hatten. Tatsächlich aber reicht ihre Umsicht darüber hinaus.» Die Überlebenden von Nagasaki sagten, dass sie Opfer zweier Täter seien. «Sicherlich derer in Amerika. Aber auch unserer eigenen in Japan, die diesen Krieg nie hätten beginnen dürfen und die zudem versäumten, ihn zu beenden.»

Klaus Scherer: Nagasaki. Der Mythos der entscheidenden Bombe. 256 Seiten mit Abbildungen, Hanser-Verlag, Berlin. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.08.2015, 19:08 Uhr)

«Schon aus Respekt vor den Opfern ist es notwendig, die ganze Geschichte über Hiroshima und Nagasaki zu kennen»: Klaus Scherer, NDR-Reporter mit Vergangenheit als ARD-Korrespondent in Tokio und Washington. (Foto: NDR)

Zur Person

Japan- und USA-Kenner

Klaus Scherer, 1961 geboren, ist Sonderreporter beim NDR in Hamburg, wo er mit seiner Familie lebt. Zuvor arbeitete er als ARD-Korrespondent in Japan und den USA. Er wurde unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

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ZDF-History: Das Drama von Hiroshima (Quelle: Youtube/ZDF)

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Nagasaki. Der Tag nach der Apokalypse (Quelle: Youtube/NHK)

Hiroshima und Nagasaki

Atombomben auf Japan

Rassismus als Motiv?

Mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki und der Erinnerungsgeschichte in Japan, Europa und den USA hat sich auch Florian Coulmas in mehreren Publikationen auseinandergesetzt. Coulmas ist ein deutscher Japanologe, er leitet seit vielen Jahren das Deutsche Institut für Japan-Studien in Tokio. Vor zehn Jahren publizierte er das Buch «Hiroshima. Geschichte und Nachgeschichte». In einem ebenfalls 2005 veröffentlichten Essay in der «Neuen Zürcher Zeitung» hinterfragt Coulmas die Rechtfertigungen der Amerikaner für die Massenvernichtung von Hiroshima und Nagasaki. Coulmas vertritt die These, dass Rassismus eine Rolle spielte beim Entscheid von US-Präsident Harry S. Truman, die Japaner mit Atombomben anzugreifen.

Coulmas schreibt, dass die Japaner während des ganzen Krieges in den amerikanischen Medien als Untermenschen und Ungeziefer dargestellt worden seien. Er betont, dass der amerikanische Präsident ein bekennender Rassist gewesen sei – und er belegt dies mit einem Truman-Zitat («Für mich sind alle Menschen gleich, wenn sie ehrlich und anständig und keine Chinesen oder Neger sind.») Coulmas erwähnt auch, dass «japanischstämmige Amerikaner während des Krieges interniert wurden, deutschstämmige aber nicht» im Kampf gegen Nazi-Deutschland.

«Im europäischen Zusammenhang ist Rassismus so stark mit dem Völkermord an den Juden assoziiert, dass man seine gnadenlose Schärfe auf beiden Seiten der asiatischen und pazifischen Kriegsschauplätze übersieht», schreibt Coulmas. «Rassismus war eine Konstante der Politik jener Zeit.» Die Frage sei nun, ob Rassismus ein Element gewesen sei, das in die fatale Entscheidung, die Atombombe einzusetzen, mit eingeflossen sei. Coulmas: «Die Frage lässt sich nicht verneinen.» (vin)

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US-Präsident Harry S. Truman hält eine Rede zum Abwurf der ersten Atombombe auf Hiroshima. (Quelle: Youtube/CriticalPast.com)

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