Wie Fukushima zu Tschernobyl wurde

Vertuschen, vortäuschen, verschweigen: Das Versagen der japanischen Atomkraftwerkbetreiber und der Behörden wird mit jedem Tag offenkundiger.

Bild: TA-Grafik ib / Quelle: IRSN

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Im Dorf Iitate soll Rinderzüchter Nagakiyo Yamada seine wertvollen Kälber zurücklassen und den Hof aufgeben. Das hat die Regierung am Dienstag angeordnet. «Ich kann die doch nicht einfach hierlassen», sagte er der Zeitung «Mainichi». «Es ist noch nicht entschieden, ob und wie wir entschädigt werden.»

Seit der Havarie des Atomkraftwerks Fukushima 1 habe er sich brav an die Anordnungen der Regierung gehalten, die Fenster geschlossen zu halten und nicht ins Freie zu gehen. «Wo sollen wir denn hin?» Yamadas Mutter (80) klagte: «Sogar während des 2. Weltkriegs durften wir ins Freie.» Sie will hier sterben: «Ich bin schon längst verstrahlt.»Neben Iitate werden vier andere Dörfer nun evakuiert: Katsurao, Kawamata, Namie und Teile von Minamisoma. Lange hatte sich die japanische Regierung gegen diese Anordnung gesträubt, obwohl die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) und Greenpeace die Räumung dieser Orte empfohlen hatten. Die Atomexperten der Regierung sagten, den Menschen in der 20–30-Kilometer-Zone sei die freiwillige Evakuierung empfohlen worden. Wer nicht gehe, solle in den Häusern bleiben. Allerdings reduzieren die japanischen Holzhäuser die Strahlenbelastung für Menschen im Innern nur um die Hälfte.

Späte Einsicht

Gesträubt hatte sich die Regierung auch lange gegen eine Neueinstufung der Havarie auf der sogenannten Ines-Skala für Atomunfälle. Bis Kabinettssprecher Yukio Edano am Dienstag bekannt gab, Fukushima werde ab jetzt gleich eingestuft wie Tschernobyl – nämlich als Unfall der Kategorie 7, der höchsten Stufe. Was hat Tokio bewogen, diese Korrektur vorzunehmen? Der Zustand der beschädigten Atommeiler hatte sich in den letzten Tagen nicht verschlechtert.

Speedi ist ein Mess- und Computerprogramm zur Schätzung der tatsächlichen Verstrahlung über längere Zeiträume. Das Kürzel steht für System for Prediction of Environment Emergency Dose Information. Seit der Havarie vom 11. März haben die Behörden für ihre Entscheidungen Speedi konsultiert, sich aber geweigert, die Resultate publik zu machen. Inzwischen veröffentlichte Speedi-Karten bestätigen die schwere Verstrahlung in nordwestlicher Richtung über den 20-Kilometer-Radius; der Südwesten kam glimpflicher davon. Aber warum wird die Evakuierungsorder erst jetzt angepasst?

Das Muster wiederholt sich ständig

Eine Evakuierung hilft, die Verbreitung der Kontamination zu verringern. Sie stoppt den Verkehr in die verstrahlten Orte und verhindert, dass verstrahlte Produkte wie Gemüse in Umlauf geraten. Zudem ist es einfacher, evakuierte Orte und Felder zu dekontaminieren. Die hohe Verstrahlung der ersten Woche rührte von Jod-131 mit einer Halbwertszeit von acht Tagen. Die Nuklearbehörden beruhigten die Öffentlichkeit, die Jod-131-Strahlung klinge binnen weniger Monate ab. Das stimmt. Erst jüngst räumte sie dagegen ein, dass inzwischen 80 Prozent der Strahlung von Cäsium-Isotopen stammen – mit Halbwertszeiten zwischen 2 und 30 Jahren. Die gegenwärtige Strahlendosis wird somit über lange Zeit ziemlich konstant bleiben. Eine Rückkehr in die Dörfer ist nicht möglich.Die Nuklearbehörden müssen von Anfang an vom hohen Cäsium-Anteil der Kontamination gewusst haben.

Warum sie mit den Evakuierungen dennoch so lange zögerten, bleibt unerklärlich. Doch es ist ein Muster, das sich in dieser Katastrophe ständig wiederholt. Schon am 12. März in der Früh, eine Nacht nach dem Beben und dem Tsunami, ahnte die US-Armee, dass die Betreiberfirma Tepco den Meiler Fukushima 1, dessen Kühlsysteme ausgefallen waren, nicht unter Kontrolle bringen würde. Admiral Robert Willard, der Kommandant der US-Pazifikflotte, verlangte vom Oberkommandierenden der japanischen Armee, General Ryoichi Oriki, Informationen. Oriki antwortete, die Experten studierten die Lage. Am selben Tag bot US-Botschafter John Ross der japanischen Regierung Hilfe an, er wollte US-Strahlenexperten ins Premierministeramt schicken, die auf einem Stützpunkt in Japan stationiert sind. Kabinettssprecher Edano lehnte ab.

Frankreich und USA frustriert

Washington richtete sofort einen Krisenstab ein, es drängte Premier Naoto Kan von Anfang an, die Stabilisierung des Meilers nicht Tepco zu überlassen, wie die Tageszeitung «Yomiuri» am Dienstag schrieb. Die USA drohten Japans Botschafter in Washington, man werde alle US-Bürger evakuieren, sollte Kan nicht energisch handeln. Dennoch wartete Kan hundert Stunden, bis nach der vierten Explosion in Fukushima 1, bevor er Tepco seinem Kommando unterstellte. Insider berichten, die Amerikaner und die Franzosen seien bis heute frustriert über die Unentschlossenheit der Japaner, deren notorisches und offenbar auch naives Unterschätzen der Lage und das Zurückhalten von Information.

Wie die USA übt auch Frankreich Druck auf Tokio aus. Eine Studie der Nuklearfirma Areva warnt, im Abklingbecken von Block 4, das immer noch mit Wasser aus Betonpumpen gekühlt wird, könnte es zur «Kernschmelze unter freiem Himmel» kommen. Man hört, Präsident Nicolas Sarkozy habe seinen Blitzbesuch in Tokio am vorletzten Wochenende gemacht, um Premier Kan ins Gewissen zu reden. Neben der Gefahr einer Verstrahlung grosser Gebiete fürchteten Washington und Paris, Fukushima bringe auch für sie das allmähliche Ende der Atomenergie. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.04.2011, 23:11 Uhr

Polizisten in Schutzanzügen in Minamisoma. (Bild: Keystone )

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