Besuch bei der alten Dame
Von Oscar Alba, Holguín. Aktualisiert am 23.12.2008
Es gibt sie noch, die überzeugten Revolutionäre in Kuba. Man findet sie leichter auf dem Land als in der Stadt. Die meisten sind älteren Semesters und kennen noch die Zeit vor der Revolution im Jahre 1959. Josefita, 93, pensionierte Lehrerin, lebt in einem sozialistischen Blockbau am Rande der östlichen Provinzstadt Holguín. Die alte Dame schläft wenig, ist im Geist frisch und erzählt gern aus ihrem langen Leben.
«Ach, meine Kindheit, wie schön war sie. Die 20er-Jahre. Wir lebten im Hafenstädtchen Manzanillo in einem Haus mit zwölf Zimmern, auf dem Anwesen der eigenen Zuckerfabrik, die mein Vater von seinem Vater geerbt hatte.
Meine Familie gehörte zur weissen kubanischen Aristokratie. Meine drei Brüder und ich gingen natürlich in eine Privatschule. Ich jeden Tag mit Röckchen und glänzenden Schuhen. Immer unter Weissen. Die schwarzen Kinder gingen oft barfuss und in Lumpen in die Staatsschule oder gar nicht in die Schule. Rassen und Klassen waren strikte getrennt. Viele Leute waren mausarm. Ich verstand das nie. Aber so war es eben.
1941 heiratete ich Lino, einen Arzt. Wir zogen nach Bayamo, hatten da ein grosses Haus, drei Kinder und fünf Hausangestellte, eine Köchin, eine Wäscherin, eine Näherin und je eine Putzfrau für drinnen und draussen. Lino hatte seine Praxis, ich meine eigene kleine Privatschule. Gleichzeitig arbeitete ich aber immer auch als Lehrerin an einer Staatsschule. Im Sommer 1953 hörten wir in unserem Strandhaus vom gescheiterten Angriff von Fidel Castro und seinen Rebellen auf die Militärkaserne Moncada. Später las ich Fidels Rede «Die Geschichte wird mich freisprechen.» Seine Ansichten waren radikal, er war bereit, alles über den Haufen zu werfen; weg mit Rassismus und Armut; Gleichheit für alle.
Für Lino und mich war sofort klar: Das ist eine gute Sache, da helfen wir mit. Wer einen klaren Verstand und ein reines Herz hatte, konnte mit den damaligen Verhältnissen in Kuba nicht einverstanden sein und musste die Rebellen unterstützen.
Lino und ich engagierten uns im klandestinen Kampf. Nach aussen lebten wir normal weiter, im Geheimen aber hatten wir Kontakt mit Verbündeten der Rebellen. 1958 - ich erinnere mich, als wärs gestern gewesen - kauften Lino und ich von abtrünnigen Soldaten des Diktators Batista heimlich Gewehre, Kugeln und Dynamit und schenkten das Kriegszeug den Rebellen. Wir gaben ein Vermögen dafür aus. Mein Gott, war das eine Zeit!
Nach dem Triumph der Revolution blieben nur mein Mann, ich und meine Eltern in Kuba. Geschwister, Onkel, Cousinen, alle flüchteten in die Vereinigten Staaten. Lino kaufte mir einen Gasherd und eine Kleiderwaschmaschine. Er sagte: «Die brauchst du, bald werden wir hier keine Hausangestellten mehr haben dürfen, wegen der Revolution.» Ich hatte kein Problem damit. Unsere Hausangestellten holten dann die Schule nach und wurden kubanische Staatsangestellte.
Die Revolution war nötig und gut. Es stimmt, wir haben hier grosse Probleme, die Bürokratie ist immens, die Verantwortlichen haben viele Fehler gemacht. Doch heute können in Kuba alle Kinder, schwarze und weisse, zur Schule gehen, in dieselben Schulen. Für alle gibt es Ärzte und Spitäler und ein Minimum an Lebensmitteln. Das Wichtigste zum Leben haben wir. Revolutionär zu sein bedeutet: Opfer erbringen, zuerst an sein Land und erst danach an sich selber denken.
Im Ausland sagen sie, Fidel sei ein Diktator. Na und? Ich bewundere ihn, er ist ein grossartiger Mann. Ein Kämpfer. Er hat in der Schweinebucht gewonnen und fünfzig Jahre lang den arroganten und mächtigen USA die Stirn geboten. Fidel ist die Revolution. Ich bin und bleibe Revolutionärin. Bis in den Tod. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.12.2008, 13:22 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




