Ausland

Castro bleibt der Souffleur der kubanischen Politik

Von Oscar Alba. Aktualisiert am 05.09.2008

Seit zwei Jahren liegt Fidel Castro krank im Bett – als lebender Mythos und mächtiger Einflüsterer des Regimes.

Es ist ein gespenstisches Theater: Der Regisseur und Hauptdarsteller des Ein-Mann-Stücks tritt von der Bühne ab, hockt in den Souffleurkasten, schickt Nebendarsteller auf die Bretter und flüstert ihnen zu, wo sie stehen müssen, was sie zu sagen haben. Für das Publikum eine Art Marionettentheater, verwirrend, mit der Zeit langweilig. Titel des Stücks: Kuba mit und ohne Fidel. Es läuft seit zwei Jahren.

Heute vor zwei Jahren, am 26. Juli 2006, hatte Fidel Castro seine zwei letzten Auftritte, hielt er seine letzten öffentlichen Reden. Am Morgen in Bayamo, am Abend in Holguín, zwei Städten im Westen des Landes. Die olivgrüne Uniform steif gebügelt, sein Humor exzellent, sprach er wie immer lang und über tausend Dinge, redete die mobilisierten Massen mit Zahlen schwindlig, schwärmte davon, was seine Revolution alles erreicht hat. Als er von der hohen Lebenserwartung in Kuba sprach, sendete er lächelnd eine Botschaft an seinen Erzfeind USA: «Keine Sorge, liebe Nachbarn im Norden, ich beabsichtige nicht, bis 100 im Amt zu bleiben.»

Drei Tage später war er nicht mehr im Amt. Der Máximo Líder, von dem manche Gegner schon resigniert dachten, er sei unsterblich, musste notfallmässig seinen blutenden Darm operieren lassen. Seither liegt er im Krankenbett – seinem Souffleurkasten. Auf die Bühne beordert hat er seinen kleinen Bruder Raúl und andere Gefolgsleute (darunter fünf Vizepräsidenten), fast alles alte, graue Herren.

Der alte Mann schreibt nur noch

Fidels Stärke waren immer das gesprochene Wort, der öffentliche Auftritt, seine Präsenz. In guten Zeiten hattet er sein Volk mit seinem Charisma und seinen stundenlangen Reden faszinieren und für sich gewinnen können. In schlechten Zeiten hatte er es damit ermüden und so jeglichen Widerstand brechen können. Diese Macht hat er von einem Tag auf den anderen verloren. Der Übervater, der seine Kinder tätschelt, ihnen Befehle erteilt, gut zuredet oder auf die Finger haut, ist nicht mehr. Der 82-jährige schreibt nur noch seine «Reflexionen», die die Staatsmedien drucken und verlesen. Hie und da trifft er sich mit seinem politischen Ziehsohn, dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez, oder sonst mit einem Staatschef. Zeitungen und Fernsehen veröffentlichen dann schön drapierte Bilder des sorgfältig frisierten und stets im selben Adidas-Trainer gekleideten Revolutionsführers. Das Volk nimmt diese Lebenszeichen mehr apathisch denn neugierig zur Kenntnis.

Im Alltag kein Thema mehr

Im Alltag spricht niemand mehr von Fidel – obwohl Regierung und Medien alles dafür tun, die Legende am Leben zu erhalten. Sie stilisieren ihn zur Kultfigur hoch, wie es sonst nur bei toten Revolutionären üblich ist. Neben den obligaten Texten von «Compañero Fidel» veröffentlicht die Presse historische Fotos, Briefe, Dokumente und alte Heldengeschichten. Kein Anlass ohne riesige Bilder und Fahnen mit dem Antlitz des Grossen Führers, keine Rede ohne «Es lebe Fidel!». Halten Massenorganisationen und Verbände ihre Kongresse ab, ernennen sie Fidel zu ihrer «höchsten Autorität». Journalisten, Blockwarte, Jungkommunisten, alle orientieren sich nur an ihm. Die Kongressteilnehmer werden überhäuft mit Büchern von und über Fidel. Am meisten Lesestoff erhielten die Intellektuellen und Künstler an ihrem Kongress im April: zehn Bücher, darunter «100 Stunden mit Fidel» (700 Seiten Interview des französischen Journalisten Ignacio Ramonet).

Raúls Regierung wirkt dagegen wie gelähmt. Ständig ist da der Mythos, der alle und alles überstrahlt, der Souffleur, der einflüstert, die Welt erklärt. Hebt die Europäische Union die Sanktionen gegen Kuba auf oder machen die US-Präsidentschaftskandidaten Kuba-Politik – Fidel Castro greift sofort in die Tasten, steckt die ideologischen Fronten ab, zeichnet die politischen Linien vor. Raúl, der seinem grossen Bruder öffentlich nie widersprechen würde, schweigt. Kubas ewige Nummer zwei kann nie die Nummer eins werden, nicht, solange Fidel lebt – diese Meinung ist im Volk weit verbreitet.

Niemand wagt sich aus Fidels Schatten. Die Reden der Vizepräsidenten und Minister sind so, als wüssten sie nicht, was sagen. Als wäre schon alles gesagt. Von Fidel. In jeder Ansprache zitieren sie ihren Chef, dem sie ein halbes Jahrhundert lang gehorchen mussten: «Fidel hat bereits 1965 darauf hingewiesen ...»; «Wie Fidel schon 1979 gesagt hat ...».

Im Frühling kam auf der Insel politisch ein laues Lüftchen auf. Raúl hob ein paar Verbote auf, signalisierte Reformwillen. Der Frühling ist vorbei. Jetzt ist nur noch die bleierne Hitze des kubanischen Sommers spürbar. Wie jedes Jahr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2008, 19:42 Uhr

Ausland

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.