Ausland

Die Pfeiler der kubanischen Revolution bröckeln

Von Oscar Alba. Aktualisiert am 06.08.2008

Kuba hat ein für Lateinamerika beispielloses Bildungs- und Gesundheitssystem. Doch die Probleme im Alltag sind immens, die Errungenschaften gefährdet.

Auf dem Papier ist alles gut. Kubas Regierung liefert den Vereinten Nationen stets Zahlen und Statistiken, die weltweit beeindrucken. Die Kindersterblichkeitsrate ist rekordtief, die Lebenserwartung hoch (77), die Ärztedichte einmalig. Analphabeten und Strassenkinder gibt es nicht, in Ländertests lassen kubanische Primarschüler den ganzen Kontinent hinter sich, Millionen haben Matura, Hunderttausende einen Hochschulabschluss. Kuba, ein Volk von Studierten. Nicht nur das. Schulen und medizinische Versorgung (ausser Medikamente) sind kostenlos.

Die Errungenschaften in Bildung und Medizin sind die Stützen der Revolution - und für Kubas Regierung der Beweis dafür, dass nur der Sozialismus fähig ist, eine «Gesellschaft mit gleichen Rechten für alle» zu schaffen. Das ist Politik. Der Alltag auf der Insel sieht anders aus.

Lieber Kellner als Professor

Nachdem Staatschef Raúl Castro letzten Sommer das Volk aufgerufen hatte, offen über die Probleme im täglichen Leben zu reden, kommt nun hoch, was lange gärte: Die Krise in Kubas Schulen, die chronischen Leiden im Gesundheitswesen. Sie plagen das Land seit Jahren. Das Elend begann mit dem Tod des grossen Bruders Sowjetunion 1991.

Tausende Lehrer, Ärzte und medizinische Angestellte gaben in der schweren Wirtschaftskrise in den 90er-Jahren ihre schlecht bezahlten Berufe auf, um sich und ihre Familien anders über Wasser zu halten. Primarlehrerinnen und Professoren wurden Zimmermädchen, Kassiererinnen, Kellner. Hauptsache eine Stelle, wo man Zugang zu Touristen, zu harter Währung und zu Material hat, das man abzweigen kann. Stellen im Tourismus, in der Gastronomie und im Verkauf sind die begehrtesten.

Die 21-jährige Sekundarlehrerin Omaris aus Havanna hatte nach zwei Jahren Unterrichten genug, sie wurde Coiffeuse. «Finanziell ist das lukrativer als der Lehrerberuf.» Der staatliche Lohn sei zwar nicht besser, aber sie habe viele Möglichkeiten für Nebenverdienste. Abends nimmt Omaris das Arbeitsmaterial nach Hause, um privat Kundinnen zu frisieren. «So kann ich meinen Monatslohn mehr als verdoppeln.»

Ärzte und Pflegeangestellte habens schwieriger. Sie dürfen praktisch nirgends anders arbeiten als im Gesundheitsministerium. Trotzdem war der Exodus auch hier gross. Chirurgen und Krankenschwestern verschwanden in der illegalen Privatwirtschaft. Sie verkaufen Selbstgebackenes, brennen Schnaps, fahren Taxi, vermieten Zimmer an Touristen, leben vom Geld der Angehörigen im Ausland - oder sie flüchten selber. Kuba verliert jedes Jahr Tausende gut ausgebildete Fachleute. Sie verlassen die Insel auf Flossen, Schnellbooten, mit falschen Papieren in Flugzeugen oder mittels Heirat mit einem Ausländer, einer Ausländerin.

Wartezeiten werden länger

Auf den Personalnotstand im Gesundheitswesen reagierte die Regierung mit einer Ausbildungsoffensive für Allgemeinpraktiker und einem Schnellkurs für Krankenpflege. Gleichzeitig entsendet sie immer mehr Ärzte als Internacionalistas ins Ausland. Von den 73'000 kubanischen Ärzten arbeiten heute über 20'000 (begleitet von nochmals so viel medizinischem Personal) in 68 Ländern, die meisten davon in Venezuela. Bebt irgendwo die Erde oder wütet ein Hurrikan, schickt Kuba sofort Medizinbrigaden und tonnenweise Medikamente ins Katastrophengebiet. Die «Missionare für eine bessere Welt» (Fidel) fehlen in den Praxen und Spitälern auf der Insel. Die Wartezeiten für Patienten sind länger geworden. Hat der Spezialist endlich einen Termin frei, kann es sein, dass der Röntgenapparat, das Bestrahlungsgerät gerade nicht funktioniert.

Neun Uhr abends in der Notfallaufnahme der Poliklinik Joaquín Albarrán in Havanna. Die Patienten schwitzen. Die Kühlanlage ist seit Jahren kaputt. Im Gang brennen zwei Stromsparlampen, fünf Fassungen sind leer. Vor dem Notfall der Zahnärztin stehen sechs Personen. Pablo, 35, dick geschwollene Backe, ist als Nächster an der Reihe. Im kargen Praxisraum blättert die Farbe von den Wänden, hängen die Deckenplatten schräg herunter. Am Armaturenbrett, wo Absaugschlauch und Instrumente stecken, klebt Rost und Blut. Die Ärztin zum Patienten: «Mein Lieber, ich habe heute gerade kein Anästhetikum. Soll ich trotzdem bohren oder willst du morgen wieder kommen?» Pablo will jetzt. Die Ärztin bohrt lange und tief. Dem Patienten, steif und bachnass vor Schmerz, schiesst das Tränenwasser aus den Augen. Ein Abszess unter der Zahnwurzel. Die Ärztin verschreibt ein Antibiotikum.

Um die Ecke der Poliklinik steht eine Menschenschlange vor der 24-Stunden-Apotheke. Viele Gestelle sind leer, einige Kunden haben Pech («Dieses Medikament haben wir gerade nicht»). Pablo zahlt für die Packung Antibiotika 50 Rappen, einen halben Tageslohn.

Kuba hat 243 Spitäler und 473 Polikliniken. In vielen mangelt es chronisch an medizinischem Gerät und Material. In den 90er-Jahren war die Lage desaströs, in den letzten Jahren hat sie sich verbessert. Die Regierung investiert Millionen und erhält Spenden aus dem Ausland. Doch in den meisten Kliniken müssen die Patienten und ihre Angehörigen Essen und Bettzeug nach wie vor selber mitbringen, zum Teil auch Ventilatoren und Glühbirnen. Nur in den Vorzeigespitälern fehlt es an nichts. Die sind jedoch der Nomenklatura, Stars aus Sport und Kultur und Ausländern vorbehalten. Einfache Bürger erhalten in diesen topmodernen Kliniken nur mit guten Beziehungen ein Bett oder einen Termin.

Schlampig ausgeführte Sanierungen

Nach zehn dunklen Jahren ohne fremde Hilfe aus dem früheren Ostblock waren die meisten Krankenhäuser baulich heruntergekommen. Kuba begann landesweit zu renovieren. Mit schlechtem Material und schlampigen Hilfsarbeitern. Vieles, was zwischen 2003 und 2005 saniert wurde, bröckelt und zerfällt bereits wieder. Das Problem: Die Profis fehlen. Laut der Zeitung «Trabajadores» (Arbeiter) sind heute nur noch halb so viele gelernte Handwerker in staatlichen Brigaden tätig wie 1990. Auch sie haben den Beruf gewechselt oder arbeiten auf eigene Rechnung. Zu tun haben sie genug, Kuba ist eine Baustelle.

Die Regierung hat einen neuen Renovationsplan angeschoben. Wieder im grossen Stil. Wieder für Millionen. Die Probleme sind dieselben. In einer Artikelserie über die Renovationsoffensive zitierte die «Trabajadores» einen Klinikdirektor: «Die meiste Zeit meiner Tätigkeit verwende ich darauf, die Sanierungsarbeiten zu überwachen und zu kontrollieren, damit nicht geschlampt und das Baumaterial nicht geklaut wird.»

Die Klagen im Volk über Wartezeiten, Mängel und Missstände sind weit verbreitet. Doch im gleichen Atemzug sagen die Kubaner auch, wie sehr sie die kostenlose Versorgung schätzen. Gesundheitsminister José Ramón Balaguer sagte kürzlich in einer Rede: «Trotz aller Probleme gibt es in der kapitalistischen, egoistischen und individualistischen Welt nirgends ein Gesundheitswesen wie unseres.»

Der Fernseher als Lehrer

Aus dem Bildungsministerium hört man seit langem kein solches Selbstlob mehr. Kubas Lehrer und Schulen genossen lange Zeit grosses Ansehen - beim eigenen Volk wie auch im Ausland. Die Alphabetisierungskampagne zu Beginn der Revolution hat Fidel Castro zu einem Exportschlager entwickelt. Laut Regierung haben in den letzten fünf Jahren 3,2 Millionen Analphabeten in 28 Ländern mit dem kubanischen Modell «Yo sí puedo» (Ja, ich kann) Lesen und Schreiben gelernt. Auf der Insel allerdings ist die Schule in der Krise.

Niemand will mehr Lehrer werden. Dieser Standardsatz hält sich in Kuba wie ein schlechter Refrain. Zurzeit fehlen dem Land über 8000 Lehrkräfte. Raúl Castro hat in einer Rede im Parlament kürzlich die Pensionierten aufgerufen, sie sollen doch bitte in die Klassenzimmer zurückkehren. Sie erhalten dafür den vollen Lohn plus die monatliche Pension.

Schon vor Jahren hatte Fidel Castro mit Notmassnahmen den massiven Personalmangel beheben wollen. Der Alleinherrscher, der fast 50 Jahre lang auch die Bildung dirigierte und organisierte, krempelte die Grundschule und die Lehrerausbildung komplett um. Zuerst führte er die sogenannten Teleclases ein, die Schule am Fernsehen. Heute steht in jedem Schulzimmer des Landes ein TV. Morgens um acht beginnt der nationale «Erziehungskanal» die Kinder der Revolution zu unterrichten. Mathe, Sprache, Geschichte, Biologie: jede Stunde ein anderes Fach für eine andere Stufe, von der Primar- bis zur Mittelschule. Die Lehrerin im Fernsehen steht vor einer Leinwand, in einem Chemielabor oder sitzt an einem Computer, spricht durch die Kamera zu den Schülern und stellt ihnen Aufgaben, die sie dann alleine oder mit dem Klassenlehrer lösen müssen. Die Schulen passen ihren Stundenplan dem «Erziehungskanal» an. Beginnt dieser den Tag mit einer Mathe-Stunde für Viertklässler, schieben die Lehrer aller anderen Stufen eine Videokassette ein.

Der Unterricht am TV hat zwar Materialprobleme entschärft (zugespitzt: ein gut ausgestattetes Chemielabor für die ganze Schulfernsehnation reicht), nicht aber die Lehrer ersetzt. Nach den Teleclases führte Fidel die Notausbildung für Primar- und Sekundarlehrer ein - Schnellbleichen für Jugendliche nach der dritten Sek. Früher begann die Lehrerausbildung nach der Mittelschule und dauerte drei Jahre mit anschliessendem Praktikum. Heute dürfen die Jungen nach einem achtmonatigen Kurs Unter- und Oberstufen unterrichten, mit Hilfe des «Erziehungskanals» und den Schulcomputern. Kuba hat seine Schulen in den letzten Jahren massiv mit PCs aufgerüstet. Radikal verändert hat sich die Sekundarschule: Fachlehrer gibt es nicht mehr, alle Fächer werden neu von einer einzigen Person unterrichtet. Eltern und Pädagogen kritisieren dies vehement.

Die schnell ausgebildeten Jungen heissen Maestros emergentes (Notfalllehrer). Sie sind zwischen 16 und 19 Jahre alt. In ihren ersten drei Arbeitsjahren werden sie berufsbegleitend weitergebildet. Auf dem Land und in den Reihen der Jungkommunisten wurden in den letzten Jahren massenweise Teenager für den Lehrberuf rekrutiert. Zurzeit befinden sich 70'000 Jugendliche in diesem Learning by Doing. Die Hälfte aller Lehrkräfte in Kuba sind junge Notfalllehrer.

Das Problem dieser Schnellbleiche: Die jungen Lehrkräfte sind pädagogisch und fachlich oft völlig überfordert. Erziehungswissenschaftler, Eltern und Medien berichten von Notfalllehrern mit massiven Rechtschreibeproblemen, von aufgedonnerten Teenagern, die knapp bekleidet die uniformierten Schüler unterrichten, von verbreitetem Laisser-faire. Pubertierende Sekundarschüler nehmen ihre fast gleich alten Lehrerinnen oft nicht ernst. Kumpanei und Konflikte in Klassenzimmern sind Alltag. Der schlimmste Fall: Im Februar schlug in Havanna ein 17-jähriger Sekundarlehrer während des Unterrichts einen 12-jährigen Schüler mit einem Stuhl tot. Die Medien schwiegen (sie berichten nie von Gewalttaten im eigenen Land). Doch die Schreckensnachricht verbreitete sich rasch - von Mund zu Mund und über internationale Fernsehkanäle, die manche Kubaner illegal per Satellit empfangen.

Weil die Staatsschule in der Krise steckt, floriert der Privatunterricht. Tausende aktive und pensionierte Lehrer verdienen damit weitaus mehr als im Staatsdienst. Immer mehr Eltern schicken ihre Kinder zu den «Wiederholern» (Repasadores). Sie repetieren, was die Kinder im Schulfernsehen mehr schlecht als recht gelernt haben. Oft sind es die Klassenlehrer selbst, die nach Schulschluss bei sich zu Hause mit den eigenen Schülern nochmals den Stoff durchgehen. Die Eltern zahlen dafür gutes Geld.

Ohne Privatstunden keine Chance

Private Schulstunden sind nach Gesetz illegal, aber derart verbreitet, dass der Staat nichts dagegen tut. Eine Professorin des Elitegymnasiums Vladimir Illich Lenin hat am Rande der Diplomfeier im Theater Karl Marx in Havanna gesagt: «Jeder Jugendliche, der in die Lenin und später an eine gute Hochschule will, nimmt Privatunterricht - ohne hast du bei der Eintrittsprüfung keine Chance.» Die Tageszeitung «Juventud Rebelde» (Rebellische Jugend) fragte in einem Artikel: Sind die Privatlehrer ein notwendiges Übel? Oder untergraben sie einen Grundwert unserer Revolution? Das Recht auf gute und kostenlose Bildung für alle.

«Der Privatunterricht ist nicht das Problem, sondern ein Resultat der staatlichen Defizite.» Dies sagte die Autorin Laidi Fernández am 7. Kongress der Künstler und Intellektuellen diesen Frühling - dem ersten ohne Fidel Castro. Seine Absenz löste manche Zungen. Beim Thema Bildung explodierte die Kritik regelrecht. Zu Aktivzeiten Fidels unvorstellbar. Bekannte Persönlichkeiten, darunter Vertraute des kranken Revolutionsführers, sprachen vom «Zerfall des kubanischen Bildungssystems», von «unhaltbaren Zuständen an den Schulen». Autorin Fernández sagte: «Die Privatlehrer garantieren wenigstens, dass unsere Kinder für jede nächste Schulstufe gerüstet sind.»

Der Tenor am Kongress: Die Krise in der Bildung erschüttert die Revolution in ihren Grundfesten mehr als alle anderen Probleme im Land. Die Intellektuellen fragen sich: Wie sollen die Jugendlichen an dieses System glauben, wenn sie sehen, dass Private besser Schule machen als der Staat? Laidi Fernández’ Schlussworte: «Die Krise in der Grundschule gefährdet alles: die Errungenschaften und die Zukunft der Revolution.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2008, 13:19 Uhr

Ausland

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.