Die Zukunft ohne den Máximo Líder hat begonnen
Von Oscar Alba. Aktualisiert am 25.11.2008
Fidel Castro, 81, seit eineinhalb Jahren krank, im Trainingsanzug und ohne öffentlichen Auftritt, kandidiert erneut für die Nationalversammlung. Am Sonntag kann das Volk auf Einheitslisten der Kommunistischen Partei 614 Kandidaten für ebenso viele Sitze wählen sowie 1201 Personen für die Regionalparlamente. Wie immer ein Wahl ohne Auswahl.
Nach dem Wahlsonntag nominiert die Nationalversammlung innert 45 Tagen den Präsidenten des Staatsrates und dieser dann den Präsidenten des Ministerrates. Fidel Castro, seit 50 Jahren Máximo Líder der kubanischen Revolution, besetzt seit jeher beide Ämter.
In ausländischen Medien, im Internet und Exil werweissen die so genannten Kubanologen, ob sich der alte, kranke Mann am Sonntag in seinem Wahlkreis in Santiago de Cuba an die Urne schleppt. Wenn ja, wie? Im Adidas-Trainer? An Krücken? Im Rollstuhl? Oder bleibt er doch im Bett?
Was sollen seine Worte im Dezember, er klammere sich nicht an die Macht? Lässt er sich am Sonntag noch ins Parlament wählen, tritt aber danach von den Regierungsämtern zurück und beschränkt sich auf das allmächtige Amt des Generalsekretärs im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei?
Solche Fragen und Spekulationen sind im Alltag auf der Insel kein Thema. In den Strassen von Havanna und in den Dörfern auf dem Land spricht praktisch niemand mehr von Fidel (in Kuba wird der Nachname nie erwähnt). Die Menschen warten wie seit Jahren auf bessere Zeiten. Ihr Leben ist wie eh und je: beschwerlich, aber entspannt.
Präsent ist der amtsälteste Staatschef der Welt nur noch mit seinen «Reflexionen des Comandante en Jefe», die regelmässig in der Parteizeitung «Granma» erscheinen. Die teils bedenkenswerten, teils philosophisch abgehobenen, bisweilen melancholischen und wirren Betrachtungen zum Weltgeschehen lesen sich wie die Nachworte von einem, der sich langsam von dieser Welt verabschiedet.
«Exzess von Verboten und Gesetzen»
Fidel Castros lange Absenz hat Kuba noch nicht verändert, jedoch viele Köpfe befreit und manche Zunge gelockert. Noch nie waren die Wörter «Wandel», «Transformation» und «Veränderungen» so präsent auf der Insel wie in den vergangenen Monaten. Noch nie hörte und las man von offizieller Seite so viel harte Kritik an der Revolution, so viele deutliche Worte zum maroden Zustand des Landes. Minister, Parteikader, Chefs staatlicher Massenorganisationen, Kirchenvertreter und auch Fidels Bruder und Interimspräsident Raúl Castro: Sie alle sagen, was schlecht läuft, was verbessert werden muss, dass nun etwas geschehen muss.
Der 76-jährige Raúl spricht öffentlich von einem «strukturellen und konzeptionellen Wandel in der Wirtschaft», der nötig sei, und dass «der Staat aufhören muss mit dem Exzess von Verboten und Gesetzen, die das Volk niederdrücken».
Armeechef Raúl, wenig charismatisch, aber pragmatisch, gilt als Anhänger des «chinesische Wegs» (kommunistisch regieren, kapitalistisch wirtschaften). Mit den Worten «Bohnen statt Kanonen» hatte er in der grossen Krise nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit den Militärkadern Wirtschaftsreformen eingeleitet (die dann sein grosser Bruder teilweise wieder rückgängig machte).
Letzten Sommer stiess Raúl eine landesweite Debatte an über die brennenden Probleme auf der Insel. In Arbeitszentren, Massenorganisationen und Quartieren diskutierten laut Regierung fünf Millionen Kubaner über das absurde System mit zwei Landeswährungen, die prekären Wohnverhältnisse, die Transportprobleme und Reisebeschränkungen, über die fehlenden Anreize, die tiefen Löhne und hohen Preise sowie über die Mängel im Gesundheits- und Bildungswesen, das nach wie vor für alle gratis ist und im Vergleich zu anderem gut funktioniert.
Offiziell heisst es, aus dieser Volksdebatte hätten sich 1,3 Millionen Fragestellungen herauskristallisiert, die den Kubanern das Leben schwer machen. Raúls Fazit: Das Volk stimme mit der Regierung überein, dass es viel zu viele Gesetze und Verbote gebe, die mehr schaden als nützen würden.
Die Angst davor, was danach kommt
Auch die staatlichen Medien berichten öfter und kritischer über Missstände. Dass die Hälfte der Landwirtschaftsfläche unbenutzt oder in einem unnutzbaren Zustand ist. Dass tonnenweise Früchte und Gemüse verfaulen und Fabriken ihre Produktion stoppen müssen, weil Lagerraum und Transportmittel fehlen. Dass es nicht mehr mal für die Kinder Milch gibt (das Land muss Milchpulver importieren). Hinzu kommt: Kuba hat seine Wirtschaftsziele letztes Jahr bei weitem nicht erreicht, und die Minister prognostizieren für 2008 (wieder einmal) ein hartes Jahr. Unsicher ist auch, wie lange das Land noch auf die grosszügige Hilfe (Erdöl) des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez zählen kann. Dessen Referendumsniederlage Anfang Dezember war für Kuba ein Schock. Die Menschen auf der Strasse sagen: Wenn Chávez einmal die Macht verliert, geht bei uns gar nichts mehr.
Diese Angst, das schlechte letzte Jahr und die pessimistischen Prognosen haben die Rufe nach Veränderungen verstärkt. Und Fidel Castro widerspricht nicht, lässt sogar öffentlich ausrichten, dass er den angestossenen Reformprozess seines Bruders unterstützt.
Nur: Bis jetzt reden alle nur von den Problemen und dem nötigen Wandel, passiert ist noch nichts. Wie auch? Kuba hat kein Knowhow, kein Geld, nach 50 Jahren ist das System so steif und starr wie eine Leiche. Raúl sagte kürzlich: «Wir alle würden uns gerne rascher verändern und vorwärts bewegen, doch das ist leider nicht immer möglich.» Die Regierung weiss: Jede Bewegung, jede Öffnung kann das heutige System aus dem Gleichgewicht, die Revolution ins Wanken bringen.
In Kuba ist die Hoffnung auf einen Wandel so gross, wie die Angst davor, was danach kommt. Die grosse Freiheit? Oder das grosse Fressen und Gefressenwerden?
«Das Jahr der Wahrheit»
Egal wie lange Fidel Castro noch lebt. Analysten, Dissidenten, Diplomaten, die Frau und der Mann auf der Strasse, sie alle sagen, dass das Wort «cambio» (Wandel) in Kuba wie noch nie zuvor in allen Köpfen herumgeistert – und dass dies der Anfang vom Ende der Revolution ist. Der langjährige Korrespondent der spanischen Zeitung «El País» ist überzeugt, 2008 werde «das Jahr der Wahrheit in Kuba».
Fidel Castro schrieb Ende Dezember, er habe sich «auf Grund des jugendlichen Alters und fehlenden Bewusstsein» lange an die Macht geklammert. Er sei aus seiner «politischen Ignoranz heraus zu einem utopischen Sozialisten» geworden. «Das war eine Etappe, in der ich zu wissen glaubte, was zu tun sei, und ich wünschte, es tun zu können.»
Jetzt ist der Übervater der kubanischen Revolution alt, krank und schwach. Er kann nichts mehr tun. Und er weiss: Die Zukunft hat begonnen. Ohne ihn. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.11.2008, 15:57 Uhr
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