Die letzte Adresse in Havanna
Von Oscar Alba. Aktualisiert am 06.08.2008
Eine von Mauern umgebene Stadt mitten in Kubas Hauptstadt. 140 Jahre alt, 60 Hektar gross, mit Kirchen und Kapellen, mit Hauptstrassen und Nebenstrassen, auf denen tagtäglich von früh bis spät lange Trauerzüge aus Leichenwagen, Autos, Taxis und Cars verkehren. Unter dem blauen Himmel und im Schatten von Palmen stehen meterhohe Statuen, Pantheons und Grabhäuser von wohlhabenden Familien, die sich vor der Revolution 1959 prunkvolle Ruhestätten erbauen liessen, alles im Kolonialstil, alles in Marmor. Solchen Pomp lässt das sozialistische Kuba nicht mehr zu. Die Leichen liegen in Normsärgen in fünf Meter tiefen Massengräbern stapelweise aufeinander. Zweieinhalb Millionen Tote ruhen in der unendlichen Weite von Grabfeldern und Gebeinhäusern.
Lange in Ruhe liegen kann man in der Nekropolis allerdings nicht. Der feuchte Boden und die Hitze lassen die Leichen rasant vermodern. Zwei Jahre nach der Beerdigung werden die Särge aus den Gräbern gehoben.
Särge öffnen, Gebeine bündeln
Werktags jeden Morgen um acht Uhr haben Familien und Verwandte von zwei Dutzend Toten einen Termin auf dem Friedhof. Exhumation. Das heisst: Särge öffnen, Skelette identifizieren, Knochen häuten, Gebeine bündeln. An diesem Morgen sind links und rechts am Rand der Strasse 15/G je zehn kleine Zementkisten aufgereiht. Auf dem Grabfeld nebenan haben kräftige Totengräber in ärmellosen Leibchen oder blauen Arbeitsgewändern zwei Grabplatten aus Stein zur Seite geschoben. Mit Tragbändern heben sie 20 Särge aus dem Massengrab. Einer stapelt die Sargdeckel, zwei tragen die schwarzen, halb verfaulten Holzkisten auf die Strasse. Jeden Sarg zum richtigen Zementkistchen. Diese sind von Hand und in schwarzer Pinselfarbe mit einem Namen und Todestag beschriftet. Der Exhumationsadministrator ruft die Hinterbliebenen auf und erklärt, was zu tun ist.
Schweren Schrittes gehen die Angehörigen durch die Strasse, links und rechts liegen die Skelette Spalier. Vor dem zugewiesenen Sarg bleiben die Hinterbliebenen stehen. Sie schauen hinein, einige halten sich ein Taschentuch vor Mund und Nase, andere wenden sich angewidert ab, Frauen weinen. Ihre Geliebten sind nur noch Hautfetzen und Knochen. Der Administrator hat eine Familie zur Seite genommen und erklärt ihr, dass der tote Vater nochmals für zwei Jahr ins Grab hinuntermuss. Die Leiche ist noch nicht verwest. Der Mann hatte jahrelang Medikamente geschluckt.
Neben den offenen Särgen kniend, machen sich die Totengräber an die Arbeit. Zuerst nehmen sie den Schädel. Vorsichtig, fast zärtlich, säubern sie ihn von Dreck und dunkelbraunen Hautfetzen und legen ihn in die 50 Zentimeter lange Zementkiste. Danach nehmen sie Knochen für Knochen, streifen Hautresten ab und legen auch diese ordentlich ins Kistchen. Mit Tränen in den Augen streuen die Angehörigen Unmengen von Talkpuder ins Gebeinkistchen, bespritzen die Gebeine mit Parfüm und Rosenwasser. In der feuchtheissen Luft verbreitet sich ein süsslich-blumiger Duft.
Die Friedhofsangestellten decken die Knochen mit einem weissen Tuch zu, laden diese auf einen Lastwagen und fahren zu einem der zahlreichen Gebeinhäuser. In diesen stapeln sich auf zwei Geschossen meterhoch zig Tausende Kistchen voller Knochen. Der Administrator informiert die Angehörigen, dass diese letzte Ruhestätte 50 Rappen Miete pro Jahr kostet. Solange der Betrag bezahlt werde, bleibe die Kiste an ihrem Ort. Er händigt jeder Familie einen Zettel aus. Darauf steht zum Beispiel: Haus E3, Gang B2, Reihe 40 – die letzte Adresse in Havanna. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.08.2008, 16:29 Uhr
Ausland
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Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




