Ausland

Die letzten Reifen vom grossen Bruder

Von Oscar Alba. Aktualisiert am 12.08.2008

Kuba ist eine Insel, wo die Zeit stillzustehen scheint. Kolonialzeit (Architektur), Amerikas 50er-Jahre (Oldtimer), Kommunismus und Kalter Krieg (Rhetorik) – ist hier alles präsent, als wärs heute.

Kuba lebt in der Weltgeschichte von gestern. Nicht nur die Regierung, auch das Volk erhält die Vergangenheit am Leben wie ein kostbares Gut. Fast jede Geschichte, jede Erzählung über den Alltag endet in einer Erinnerung in den 80er-Jahren. Das waren noch Zeiten!

Die 80er, die letzten Lebensjahre der UdSSR, waren die besten der kubanischen Revolution. Es mangelte zwar schon damals an manchem, doch vieles gab es im Überfluss. In den Städten erinnern sie sich wehmütig an die Apfel- und Birnenkompotte aus der ehemaligen Tschechoslowakei, an die Fruchtsäfte «Bulgar» aus Bulgarien, das Dosenfleisch aus Russland, den Schweineschmalz aus Jemen. Auf dem Land kommen den Bauern fast die Tränen, wenn sie an die Lagerhallen voller Ersatzteile für die sowjetischen Traktoren und Landmaschinen denken. Alles robuste Ware von der Grossmacht, nicht totzukriegen.

Im Bauerndorf Velasco in der Provinz Ciego de Ávila, 7000 Einwohner, ist noch ein gutes Dutzend Traktoren im Verkehr. Sie sind heilig wie die Kühe in Indien. Damals, in den goldenen 80ern, gab es zwar Ersatzteile en masse, doch die Traktoren und Maschinen gehörten alle dem Staat, den landwirtschaftlichen Kooperativen und Grossbetrieben. Hie und da erhielt ein Bauer eine «Sonderbewilligung zur Nutzniessung». Die Ersatzteilverwalter konnten sich vor lauter Nachschub kaum retten. Bauern und Landarbeiter horteten Pneus, Batterien, Vergaser, Kurbelwellen, alles, was man später vielleicht mal brauchen konnte. Auch der 44-jährige Bauer Pablo, genannt Pipo.

Wie viele Bewohner in diesem abgelegenen Dorf hat Pipo vieles bei sich zu Hause selbst gebaut und gezimmert. Auch die Toilette, den Abfluss und etwas weiter weg vom Haus die Jauchegrube, wo sich alles sammelt, was aus Küche und WC abfliesst. Die Grube hob der Bauer mit Spaten und Schaufel selber aus. Und weil in diesem Gebiet die rote Erde schlammig und rutschig wird, wenns regnet, brauchte Pipo Material, um die Wände zu stützen. Doch für eine Betonkonstruktion fehlte ihm das Geld. Pipo, wie die meisten Kubaner mit einem beneidenswerten Erfindergeist gesegnet, überlegte: Mit Gummi gehts auch. Er holte die sechs Hinterpneus für einen sowjetischen Traktor aus seinem privaten Ersatzteillager, nahm Mass und passte den Durchmesser der Grube exakt auf jenen der Pneus an. Pipo versenkte die Reifen - einer über dem anderen ergaben sie eine solide Stützwand. Das war 1987.

20 Jahre später. Pipo hatte inzwischen den Abfluss seines Hauses ans örtliche Kanalisationssystem umgeleitet – aber ein neues Problem. Die Hinterpneus des Traktors, mit dem er und seine Arbeitskollegen auf dem Feld arbeiten, waren am Ende, ohne Profil, der Gummi war an mehreren Stellen gespalten. Der Traktor kam in der schweren Erde keinen Meter mehr vorwärts. Pipos Arbeitskollege, Enrique, der sich das Gefährt in der Krise der 90er-Jahren auf Umwegen hat beschaffen können, findet seit Jahren keine Pneus mehr für seinen Rosthaufen. Den Bauern blieb nichts anderes übrig, die letzte Reserve aus den guten, alten Zeiten auszugraben. Letzten Sommer stiegen sie in die stillgelegte Stinkgrube und schaufelten die sechs Traktorreifen frei. Die Reifen, jahrelang feucht gehalten, waren in einwandfreiem Zustand.

Der Traktor rattert wieder zügig über die Felder. In Pipos Schuppen lagert ein Vorrat für zwei komplette Reifenwechsel an der Hinterachse. Er und seine Arbeitskollegen haben sich mit der Vergangenheit bis auf Weiteres die Zukunft gesichert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.08.2008, 23:24 Uhr

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