Druck in der Leitung
Von Oscar Alba, Havanna. Aktualisiert am 24.11.2008 22 Kommentare
Seit Jahrzehnten fliesst aus der Duschbrause nur ein Rinnsal. Zu wenig Druck oder Leitung verstopft. Drei Generationen haben sich von Hand gewaschen, das Wasser aus einem Eimer geschöpft. Grosseltern und Eltern sind inzwischen gestorben. Alfredo, Erbe des Kolonialhauses in Centro Habana, will endlich richtig duschen. Er ruft Klempner Ismael an.
Der arbeitet illegal auf eigene Rechnung. Auf dem Gepäckträger seines rostigen Fahrrades aus der ehemaligen Sowjetunion hat Ismael mit Schnüren einen Drucklufttank festgezurrt. Mit diesem jagt er Luft durch die Wasserleitung - sie ist nicht verstopft. Der Druck fehlt, weil der Wassertank auf dem Dach zu wenig hoch über der Dusche liegt. Ismael rät, den Tank zu erhöhen. Dafür benötige er ein Dutzend Backsteine, Zement, Sand und zwei Meter Leitungsrohr. Er komme wieder, sobald Alfredo das Material aufgetrieben habe - und das gibts nur auf dem Schwarzmarkt. In Kuba dürfen offiziell nur staatliche Arbeitsbrigaden Häuser renovieren. Doch es mangelt an Material und Brigaden. Wer eine «Konstruktionslizenz» beantragt, muss übermenschlich viel Geduld aufbringen.
Alfredo klappert in seinem Stadtteil alle Baustellen ab. Die sind gut bewacht, weil der Diebstahl von Baumaterial ein riesiges Problem ist. Oft ist es das Aufsichtspersonal, das den Schwarzhandel organisiert, sich den kargen Lohn mit dem Verkauf von Backsteinen, Zement und Armierungseisen aufbessert. Alfredo hat Pech. Mancherorts ist kein Material an Lager, andernorts die Baustelle verwaist oder lässt der Aufseher sich nicht auf Händel ein. Bei der Baustelle der neuen Ballettschule in Centro Habana verhandeln an der Bretterwand bereits mehrere Heimwerker mit einem Brigadearbeiter. Material? Kein Problem. Man solle aber morgen wieder kommen, heute sei es ungünstig.
Am nächsten Tag mietet Alfredo den Handkarren seines Nachbarn. Der Kontaktmann bei der Ballettschule steht schon am Zaun und sagt leise, heute könne er nichts herausgeben, die Baustelle sei voll von Aufsehern des Innenministeriums. Sie bewachen Häftlinge bei der Arbeit. In Kuba werden Tag für Tag Busse voller Gefangener aufs Feld oder auf Baustellen gekarrt. Streng bewacht und ohne Lohn müssen sie dort Zwangsarbeit verrichten.
Alfredo sucht weiter. Nach drei Stunden gibt er auf. Am dritten Tag mietet er den Handkarren wieder und geht noch weitere Wege. Bei der Primarschule «Neues Vaterland», sie wird gerade renoviert, hat er Glück. Ein Arbeiter sagt zu Alfredo, er solle auf der Rückseite des Gebäudes warten, nicht beim Eingang, der Wächter sei ein ganz scharfer Hund. Hinterm Haus geht ein Fensterladen auf, zwei Arbeiter reichen rasch ein Dutzend Backsteine, je einen halben Sack Zement und Sand. Alles für sechs Franken. Am nächsten Tag geht Alfredo zum Markt Cuatro Camino (Vier Wege), Havannas bekanntestem Umschlagplatz für illegale Ware. Nach einer Viertelstunde hat Alfredo die zwei Meter Leitungsrohr.
Fünfter Tag: Telefon an Klempner Ismael. Er kommt mit Maurerkelle, Rohr- und Gewindeschneider, alles für ein Trinkgeld von einem Kollegen ausgeliehen. Nach einem halben Tag Arbeit steht der Tank auf dem neuen Backsteinfundament, das Wasser fliesst druckvoll aus der Duschbrause. Für die Arbeit verlangt Ismael 42 Franken (zwei staatliche Monatslöhne). Die zwei Franken sind für einen Automechaniker einer Garage. Er hatte dem Klempner heimlich für zwei Stunden den Luftdrucktank vermietet. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.11.2008, 16:01 Uhr
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22 Kommentare
Ein extrem zum andern. In Kuba braucht man eine Woche um einen Wasseranschluss zu Reparieren, kann aber wen ein Kind krank ist gleich ins nächste Spital gebracht werden und es wird gleich untersucht. In der USA kannst du ein Kind in ein Privatspital Fahren und wen es keine Versicherung hat wird es in Staatliche Krankenhaus geschickt. Viele sind auf dem Weg ins Staatlich Krankenhaus schon gestorben. Antworten
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