Ausland

Einmal pro Monat gibts Fisch, vielleicht

Von Oscar Alba. Aktualisiert am 06.08.2008

Was nicht im Lebensmittelbüchlein steht, muss anderweitig organisiert werden.

Anfang Monat nimmt die 73-jährige Felicia Pérez ein paar alte Plastiksäcke, eine leere Pet-Flasche und ihr braunes Lebensmittelbüchlein aus dem Schrank. In jedem Haushalt in Kuba liegt ein solches Büchlein (la libreta). Diese kleine Libreta ist eine der grossen Reliquien der Revolution, eingeführt von Fidel Castro 1962, kurz nachdem er den Sozialismus und die kommunistische Partei zur Staatspartei ausgerufen hatte. Im Büchlein sind die Produkte aufgeführt, die jeder Person pro Monat zustehen, vom Staat garantiert, verkauft und subventioniert.

Ausgabestellen für alles

Zum Einkaufen geht Felicia Pérez zu den ihr zugeteilten Lebensmittelausgabestellen im Quartier. Sie stellt sich in die Schlange. Hinter dem Tresen steht ein junger Mann. Mit seiner Kelle schöpft er aus Fässern ein Grundnahrungsmittel nach dem anderen auf eine antike Waage und dann in die leeren Säcke, die die Kunden selber mitbringen müssen.

Eine Person erhält pro Monat 7 Pfund Reis, 5 Pfund Zucker, 575 Gramm Bohnen, 290 Gramm Kichererbsen, 115 Gramm Kaffee, 2,5 dl Speiseöl, abgefüllt in Pet-Fläschchen. Dieser monatliche Warenkorb kostet umgerechnet etwa 60 Rappen. Der Durchschnittslohn beträgt in Kuba 20 Franken. Die Kubaner essen jeden Tag mindestens einmal Reis, viel Bohnen, sie frittieren gerne und trinken viel Kaffee mit sehr viel Zucker. Was sie Anfang Monat mit dem Lebensmittelbüchlein erhalten, ist Mitte Monat alle.

Milch bekommen nur Kinder: Bis zum ersten Lebensjahr monatlich 10 Liter, vom ersten bis zum siebten Lebensjahr 1 Kilo Milchpulver und dann bis zum 13. Lebensjahr 7 Liter Sojajogurt. Personen, die vor 1955 geboren sind, erhalten vier Päckchen Zigaretten pro Monat. Jüngeren subventioniert der Staat aus gesundheitspolitischen Gründen keine Zigaretten mehr, die alten Raucher will die Revolution jedoch nicht mehr erziehen.

Felicia, die wegen ihrer Krähenfüsse nicht mehr oft aus dem Haus geht, hat die Tür auf die Strasse hinaus immer offen stehen. So hört sie von den Nachbarn sofort, wenn subventionierte Lebensmittel im Angebot sind, die es unregelmässig zu kaufen gibt. Diesen Monat gab es pro Person noch 2 Pfund Kartoffeln (bei einer anderen Ausgabestelle), 10 Eier (wieder bei einer anderen Ausgabestelle), zwei Pack Spaghetti (eine Abgabestelle drei Häuserblocks weiter) sowie 1 Pouletschenkel pro Person (beim zugeteilten Fleischer). Fisch gibt es jeweils Mitte oder Ende Monat, vielleicht. Zahnpaste, Waschseife und Körperseife alle vier, fünf oder sechs Monate.

Alles, was Felicia sonst braucht, muss sie anderswo kaufen. Auf den staatlich kontrollierten Bauernmärkten, in den staatlich kontrollierten Secondhand-Kleiderläden, in den staatlich kontrollierten Minisupermärkten oder auf dem staatlich nicht kontrollierten Schwarzmarkt – gut ist das Angebot nur auf dem Schwarzmarkt, hoch sind die Preise überall (ein Markenturnschuh kostet fünf Monatslöhne). Bezahlen müssen die Kubaner mit zwei verschiedenen Währungen: Mit dem kubanischen Peso (er ist nichts wert) können sie sich gebrauchte Waren sowie subventionierte Lebensmittel kaufen, mit dem konvertierbaren Peso (er ist horrend teuer und vor allem für Touristen gedacht) Importprodukte und gestohlene Ware auf dem Schwarzmarkt. Felicia sagt: «Dieses System hier ist ein einziger grosser Kopfschmerz.»

Fidel Castros Nachfolger, sein Bruder Raúl, und andere Regierungsmitglieder haben in den letzten Monaten angetönt, dass die Tage der Libreta und der zwei Landeswährungen gezählt seien. Der Staat könne sich dieses milliardenschwere Versorgungssystem eigentlich schon lange nicht mehr leisten. Die Kubaner fragen sich: Woher soll plötzlich genügend Essen kommen, wenn es der Staat nicht mehr garantiert und rationiert? Wer darf was produzieren, verkaufen und kaufen? Und mit welchem Geld? Felicia kann sich nicht vorstellen, wie es anders sein könnte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2008, 14:00 Uhr

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