Fidel hat das letzte Wort – bis zum Tod
Von Oscar Alba, Havanna. Aktualisiert am 26.12.2008 17 Kommentare
Interaktiv-Box
Fidel Castros Kuba
Kein Mann hat ein Land so geprägt wie Fidel Castro Kuba. Im Vorfeld des 50. Jahrestags der Revolution hat der «Tages-Anzeiger» ein Jahr lang über den kubanischen Alltag berichtet. Zum Schluss folgen jetzt Texte über Castro, die Feierlichkeiten am 1. Januar 2009 und die Zukunft der Revolution.
Happy Birthday? Am 1. Januar wird Kubas Revolution 50 Jahre alt. Auf der Insel kursieren wieder mal die Gerüchte. Der Comandante en cama (im Bett) werde zur Geburtstagsfeier auferstehen und öffentlich auftreten. Er sei fit, marschiere auf seinem geheim gehaltenen Anwesen jeden Tag zwei Kilometer. Der 82-jährige Máximo Líder, dem die besten Ärzte und die modernste Medizin zur Verfügung stehen, werde noch Jahre leben. Vielleicht sogar seinen 77-jährigen Bruder Raúl überleben. Wer weiss? Gerüchte und Geschichten sind seit jeher Teil des Mythos Fidel Castro.
50 Jahre Revolution. Das sind 50 Jahre Fidel Castro. Er ist der Vater dieser Revolution. Er hat Kuba eine Identität gegeben. Diese Identität ist er. Fidel ist Kuba, Kuba ist Fidel. Im Guten wie im Schlechten.
Woher diese Strahlkraft? Wer war der junge Fidel vor der Revolution? Und was ist heute vom Rebellen von damals noch übrig geblieben?
Der schlechte Verlierer
Ich bin anders. Dieses Gefühl hatte und gab man Fidel schon von früher Kindheit an. Der Sohn eines spanischen Einwanderers wuchs in einer wohlhabenden Landbesitzerfamilie auf, mit allen Privilegien. Fidels Erinnerung: «Jedermann schenkte mir Beachtung, schmeichelte mir und behandelte mich anders als jene Jungen, mit denen wir spielten.» Das Anderssein spürte er später auch im Negativen: Weil er lange Zeit ungetauft blieb, war er in der Jesuitenschule in Santiago de Cuba nur «der Jude». Das macht ihn zum Einzelkämpfer. Bruder Raúl erzählte einem Castro-Biografen: «Jeden Tag kämpfte er. Er hatte einen sehr explosiven Charakter. Er forderte die Grössten und Stärksten heraus, und wenn er besiegt wurde, begann er am nächsten Tag von neuem. Er gab niemals auf.» Der junge Fidel entwickelte eine ungeheure Kraft, war willensstark, durchsetzungsfähig und unbeugsam. Vater, Gastfamilien, Lehrer: Mit allen legte er sich an, schlug zurück, als ihn ein Lehrer schlug, drohte seinen Eltern in einem Streit, das Haus anzuzünden, wiegelte als 13-jähriger die Zuckerrohrarbeiter gegen seinen Vater auf, weil er diese ausbeutete. Fidel schickte alle, mit denen er Probleme hatte, zum Teufel. Einem späteren Mitkämpfer und Buchverfasser sagte er: «Ich wurde mein eigener Herr und regelte alle meine Probleme selbst, ohne Beistand durch jemanden anderen.»
Auf niemanden hören, sich von niemanden etwas vorschreiben lassen und immer das letzte Wort haben: So war Fidel schon immer. Eine seiner Schwestern erinnert sich, wie ihre Eltern die Kinder jeweils gefragt hatten, wohin sie in die Ferien fahren wollten. Die Geschwister diskutierten, Fidel hörte schweigend zu. Und wenn sich alle geeinigt hatten, ergriff er das Wort, schlug einen anderen Ort vor, und argumentierte solange, bis alle einwilligten. Am Schluss fuhr man stets dorthin in die Ferien, wo Fidel wollte. Sein Freund, der Schriftsteller Gabriel García Márquez, schrieb: «Eines ist sicher: Wo immer er sein mag, wann immer und mit wem auch immer – Fidel Castro ist da, um zu gewinnen. Ich glaube nicht, dass es jemanden auf dieser Welt gibt, der ein schlechterer Verlierer sein könnte als er. Sein Verhalten angesichts einer Niederlage, selbst in den kleinsten Dingen des täglichen Lebens, scheint einer persönlichen Gesetzmässigkeit unterworfen zu sein: Er wird es einfach nicht zugeben, er wird keine Ruhe finden, ehe er es nicht geschafft hat, die Bedingungen umzukehren und einen Sieg daraus zu machen.»
Sein Dickschädel und Mut sind legendär, seine – manchmal abstrusten – Heldentaten zig Mal überliefert. In der Schule wettete Fidel mit einem Kameraden, dass er zu extremsten Aktionen fähig sei – er fuhr mit einem Fahrrad Kopf voran mit voller Wucht in eine Steinmauer. Fidel stürzte bewusstlos vom Velo und erlitt eine Gehirnerschütterung. Am Ende der Schulzeit erhielt er in allen Fächern exzellente Noten. Sein Lehrer, ein Pater, schrieb über Fidel: «Wir haben keine Zweifel, dass er das Buch seines Lebens mit brillanten Seiten ausfüllen wird.»
Pistolero und PR-Profi
Die Studienzeit im Havanna der 40er-Jahre war eine Zeit der Gangster und Strassenkämpfe. Der draufgängerische und blitzgescheite Student der Rechtswissenschaften aus dem Oriente, dem Osten der Insel, mischte mit seinen aufrührerischen Reden die Uni auf. Fidel über jene Zeit: «Ich war der Don Quijote der Universität, immer Pistolen und Kugeln um mich herum.» Es sei «reiner Zufall», dass er jene wilden Jahre überlebt habe.
Seine Überlebenskünste haben Fidel schon vor der Revolution zu einem schier Unsterblichen gemacht. Er überlebte 1948 im kolumbianischen Bürgerkrieg in den Strassen von Bogotá eine Gewaltorgie, bei der 3500 Menschen umkamen. Anfang der 50er-Jahre sprang er bei einer frühzeitig gescheiterten Expedition, den dominikanischen Diktator Trujillo zu stürzen, von Bord des Guerillabootes und schwamm zehn Seemeilen durch angeblich haiverseuchtes Wasser. 1953, beim dilettantischen und ebenfalls gescheiterten Angriff auf die kubanische Militärkaserne Moncada, lieferte sich Fidel ungedeckt im Kugelhagel eine wilde Schiesserei mit den Soldaten des damaligen Diktators Fulgencio Batista. Um Fidel herum fielen seine Mitkämpfer, er überlebte wie durch ein Wunder. 1956 schwamm er unbemerkt über den Rio Grande in die USA, um Geld für seine Revolution aufzutreiben, die er zusammen mit Che Guevara in Mexiko vorbereitete. Che schrieb in sein Reisetagebuch: «Es ist ein politisches Ereignis, Fidel Castro kennengelernt zu haben, einen intelligenten, sehr selbstsicheren und erstaunlich kühnen jungen Mann. Er stellte sich den unmöglichsten Dingen und löste sie.»
Kuba begann, den furchtlosen Guerillero zu bewundern und zu lieben. Da kam einer und räumte mit der Vergangenheit auf. Schaffte, was vor ihm viele Unabhängigkeitskämpfer mit dem Tod bezahlt hatten: Die fremden Herren aus dem eigenen Haus werfen, mit frischem Blut altes Blutvergiessen sühnen. Fidel Castro war kompromisslos, er besiegte alle, Gegner und Nebenbuhler. Und ging dafür über Leichen.
Fidel wusste stets: Krieg und Sieg bedeuten nichts, wenn die Massen, ja die Welt nicht davon erfährt. 1954 schrieb er an eine Kampfgefährtin: «Man darf nicht eine Minute die Propaganda vernachlässigen, denn sie ist die Seele des ganzen Kampfes.» Die geschickte Inszenierung, die richtigen Worte zur richtigen Zeit: Fidel Castro ist ein Profi in Public Relation. Den Guerillakrieg gegen Batistas militärische Übermacht gewannen Fidel und seine wenigen, wie Landjäger bewaffneten Kämpfer auch dank hervorragender PR-Arbeit ihres Anführers. Mit Tricks, Finten und Täuschungsmanövern liess er seine Gegner und die Welt im falschen Glauben, im Dickicht der Sierra Maestra verstecke sich eine gewaltig grosse Rebellenarmee. Am 1. Januar 1959 flohen der Diktator und seine Schergen Hals über Kopf von der Insel. Der Sieger nahm alles. Auch die Medien. Fidel brachte sie unter seine totale Kontrolle.
Der ewig junge Held
Heute, 50 Jahre Fidel später. Der Revolutionsführer ist alt und krank, hat seinen Chefposten, nicht aber die Macht abgegeben. Seine Propagandamaschinerie funktioniert besser als alles andere in Kuba. Fidel, seine Massenorganisationen und Medien schreiben weiter Geschichte, Fidels Geschichte. Das Bild des heldenhaften Revolutionärs wird mehr denn je zelebriert. In Presse und TV, in Büros und am Strassenrand, überall ist der Kopf der Revolution, sind seine Zitate und Befehle anzutreffen. Immer kämpferisch, jung und in olivgrün. Das offizielle Kuba betreibt einen Kult um seinen Führer wie er bisher leidglich toten Revolutionären vorbehalten war. Fehlen nur noch die Statuen. Doch die verbietet sich Fidel – solange er lebt.
Fidel existiert für das Volk nur noch als Standbild. Die Erinnerung an den starken Rebellen und Führer darf nicht zerstört werden mit bewegten Bildern und brüchigen Worten eines alten, schwachen Mannes, der sich unsicher auf den Beinen hält. Sich bewegt wie ein «Coma-andante», ein «wandelndes Koma», wie der kubanische Punkrocksänger Gorki Aguila singt. Den Kommandanten so zu bezeichnen, ist in Kuba ein Verbrechen. Gorki sass schon mal zwei Jahre im Gefängnis. Diesen Sommer wäre er beinahe erneut hinter Gitter gekommen. Internationale Proteste haben ihn gerettet. Kritik an Fidel und der Revolution ist nicht erlaubt. Menschen, die den Führer und sein Lebenswerk in Frage stellen, kommen in den Medien nie zu Wort.
Der Testamentschreiber
Die selten veröffentlichten Fotos vom kranken Castro dienen lediglich als Beweis, dass er noch lebt. Er selbst wendet sich nur noch schriftlich an sein Volk und die Welt. Seit zweieinhalb Jahren schreibt er unermüdlich seine «Reflexionen». Seine Presse druckt sie ab, sein Fernsehen und Radio lesen sie in voller Länge und zur besten Sendezeit vor. Fidel schreibt über alle Probleme dieser Welt, nur nicht über die seines Landes. Absturz von Banken und Börsen, Krise des Kapitalismus, sie wirken auf Fidel wie Vitaminspritzen. In den letzten Wochen blühte er in seinen Kommentaren und Analysen geradezu auf. Der Weltenlauf bestärkt den Marxisten-Leninisten, dass er mit seinem Sozialismus auf seiner Insel goldrichtig liegt. Mehr denn je.
Die «Reflexionen» des «Compañero Fidel» lesen sich wie die Kapitel eines episch langen Testamentes. Sein Vermächtnis auf Papier. Die Erben interessierts mässig. Die Meinungen im Volk sind nach so vielen Jahren Fidel gemacht. Viele lieben ihn, viele hassen ihn. Wobei: Jene, die ihn lieben, machen einen psychologischen Spagat. Sie trennen Fidel und die Probleme im Land streng voneinander. Sie sind überzeugt: Alles Gute kommt von Fidel, für alles Schlechte sind Andere verantwortlich, unfähige Funktionäre, faule Bürokraten, unsozialistische Bürger und natürlich das US-Embargo.
In den Köpfen der Menschen hat die Zukunft ohne Fidel längst begonnen. Vielleicht auch in jenem von Raúl Castro. Er ist zwar Staatspräsident, doch die Nummer zwei und im Schatten seines grossen Bruders geblieben. Bei öffentlichen Auftritten spricht aus ihm meistens die Angst, ja nichts Falsches zu sagen. Umarmt er Staatsoberhäupter und küsst er Protokolldamen, ist der erste Gruss und der erste Kuss stets «von Fidel». Der ist immer noch Chef der Kommunistischen Partei, verfassungsgemäss das höchste Organ im Staat.
Raúl, sein Regierungsregiment und die «Reflexionen» lassen keine Zweifel: Fidel hat in Kuba nach wie vor das Sagen. Abgeben kann er seine Revolution nicht. Wie auch? Er ist die Revolution. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.12.2008, 22:16 Uhr
Kommentar schreiben
17 Kommentare
Fidel Castro hat zwei Generationen von Kubanern die Moeglichkeit zur Entfaltung gestohlen. Was nuetzt es den Analphabetismus auszurotten und den Menschen dann bloss politische Eigen-Propaganda zum lesen vozusetzen und jede andere Information von ihnen fernzuhalten? Castro ist einer der schrecklichsten Versager der Menschheitsgeschichte. Antworten
Die Lebensgeschichte von diesem grossen Staatsmann mit seinem Willen seinem sozialen Handeln ohne sich selber zu schonen hat mich beeindruckt. Was währe Kuba ohne Ihn? Von anderen Staatsmänner verflucht und verwünscht obwohl deren Tätigkeiten mehr Chaos mehr Ungerechtigkeit geschaffen hat und heute mehr Blut Ihre Hände befleckt. Wer ist Glaubwürgiger? Ein starker Wille der Uneigennützigkeit ! WK Antworten
Ausland
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




