Guten Morgen, Pioniere für den Kommunismus
Von Oscar Alba. Aktualisiert am 06.08.2008
Auf den Schulhöfen absolvieren die uniformierten Kinder der Revolution im Namen des Vaters, des Bruders und des heiligen Sozialismus ihr Morgenritual. Eines von vielen Relikten dieser Insel, wo die Zeit seit fast einem halben Jahrhundert still steht.
Kurz vor acht Uhr morgens strömen sie im ganzen Land auf die Strassen: die Pioniere für den Kommunismus, wie in Kuba die Schulkinder heissen. Solche Pioniere oder Roten Pfadfinder gibt es seit dem Ende des Kalten Krieges nur noch in Kuba, China, Nordkorea und Vietnam. Die jüngsten Pioniere, die Erst- bis Drittklässler, sind in den drei Nationalfarben gekleidet: rote Short, weisse, säuberlich gebügelte Hemden, ein blaues geknüpftes Halstuch. Die Viert- bis Sechstklässler tragen rote Halstücher, die Jugend von der Sekundarschule an senfgelbe Hosen und Miniröcke.
Noch heute bekommen Mütter wässrige Augen, wenn sie ihrem ersten Sohn am ersten Schultag das Pionierhalstuch umbinden. Kein Kind entkommt dieser Uniform, in Kuba gehen alle zur Schule, Strassenkinder gibt es nicht.
Die Schulhäuser haben alle Namen von Toten, die sich irgendwann einmal für die Revolution, den Sozialismus oder den Kommunismus verdient gemacht haben. Auf jedem Schulhof steht eine Büste des Nationalhelden José Martí. Der Dichter und Unabhängigkeitskämpfer ist seit über 100 Jahren tot, doch sein Geist lebt. Keiner wird auf der Insel so oft zitiert wie er. Jedes Kind kann ein Repertoire an Gedichten und Weisheiten von José Martí im Schlaf abrufen und auswendig aufsagen.
Punkt acht stehen die Klassen in Reih und Glied. Die Chefs der Schülerkollektivs treten vor, zwei hissen feierlich die kubanische Fahne, Kinder und Lehrer singen die Nationalhymne. Nach der letzten Strophe ruft ein Kind des Kollektivs lautstark über den Schulhof: «Pioniere für den Kommunismus!» Die Kinder salutieren über dem Kopf und schreien im Chor: «Wir werden sein wie Che!» Ruhn!
Ein Schüler verkündet öffentlich, welche Pioniere am Vortrag durch welche «Disziplinlosigkeiten» aufgefallen sind und welche «Disziplinarmassnahmen» gegen sie verhängt wurden. Ein anderes Mitglied des Kollektivs verliest Informationen zum Tag und erinnert an denkwürdige Ereignisse, die an diesem Datum stattgefunden haben: Geburts- und Todestage von Helden, siegreiche Schlachten, grandiose Niederlagen (von Feinden). Seit Fidel krank im Bett liegt und sich nur noch schriftlich mit seinen «Reflexionen» in der Staatspresse ans Volk wendet, sind diese Texte an manchen Schulen morgendliche Pflichtlektüre, lauthals vorgetragen von einem Pionier. Fidel schreibt heute so viel, wie er früher geredet hat.
Bevor der Unterricht beginnt, rezitieren die Kinder in ihren Klassenzimmern Merksätze, Grundsätze und andere Sätze von Nationalhelden: «Wenn ich vorwärts gehe, folge mir; wenn ich stehen bleibe, stosse mich; wenn ich rückwärts gehe, töte mich» oder «Die Revolution macht man Schritt für Schritt riesenhaft» oder «Ein Menschenleben ist Millionen Mal mehr wert als das Eigentum des reichsten Menschen dieser Erde».
Um 8.15 Uhr beginnt die marxistisch-leninistische Schule. Martí hat gesagt: «Nur ein gebildetes Volk ist ein freies Volk.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.08.2008, 13:59 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




