In Kuba warten alle Menschen ständig auf irgendetwas
Von Oscar Alba, Chaparra. Aktualisiert am 06.01.2009 5 Kommentare
Kuba hat seinen eigenen Sozialismus. Es beginnt schon bei der Automiete in Havanna. Die Firma ist wie alle Betriebe im Land ein staatlicher grosser «Organismus» mit vielen Angestellten, vielen Büros, vielem Papier. Überall gelten dieselben Vorschriften, Bedingungen, Preise - theoretisch. Filialen gibt es zahlreiche, ihre Chefs heissen Jesús, José, Carlo. Jeder versichert, der kleinste Wagen sei überall gleich teuer, aber jeder macht einen anderen Preis und sagt, der andere halte sich nicht an die Vorschriften. José macht das beste Angebot.
Tankstelle Oro Negro, Schwarzes Gold. An den drei Zapfsäulen stehen sechs Angestellte in goldgelben Poloshirts. Sie sagen, in die Mietautos müssen sie «Especial» füllen. «Normal» und «Regular» wären günstiger. Doch Vorschrift sei Vorschrift. 500 Kilometer weiter, beim nächsten Tankstopp bei Oro Negro, empfiehlt der Angestellte «Regular», das billigste Benzin. Bitte volltanken!
Der öffentliche Verkehr in Kuba ist verbesserungsfähig. Auf dem Land gibt es praktisch keine Busse. Wer kein Unmensch ist, hat in Kuba das Auto immer voll mit Fremden, die per Autostopp von A nach B wollen. Hunderttausende auf der Insel bewegen sich so täglich fort, zur Arbeit, zur Schule, zu Verwandten. An jedem Ortsausgang, an jeder Abzweigung irgendwo im vom Sozialismus verlassenen Brachland stehen Menschentrauben und warten auf eine Mitfahrgelegenheit. Warten in der Schlange, warten auf eine bessere Zukunft, das Warten auf irgendwas - es bestimmt das Leben der Kubaner.
2000 Kilometer im Auto, das sind 200 Geschichten und Erzählungen. Die Kubaner sind hervorragende Erzähler. Dieses Talent, so sagte mal ein einheimischer Drehbuchautor, sei dem Sozialismus zu verdanken. Der verdamme die Menschen zur Untätigkeit und eben zum ewigen Warten. Und was, ausser sich gegenseitig Geschichten erzählen, solle man in all diesen Zeiten des Nichtstuns schon tun?
Der letzte lebende Held
Die 11-jährige Yoanis steht in ihrer Schuluniform der «Pioniere des Kommunismus» am Strassenrand. Sie verlässt jeden Morgen um fünf Uhr früh das Haus, damit sie um acht Uhr in der Schule ist. Ihr Schulweg: Auf einem Traktor oder einem Ochsengespann ein paar Kilometer weit über löchrige Feldwege bis zur Zentralstrasse, von da per Autostopp an die nächste Abzweigung, dann auf einem Lastwagen oder einer Pferdekutsche bis zum Dorf, wo ihre Schule ist. Sie schaffe es fast immer, pünktlich anzukommen. Ihre Schule heisst «Heroisches Vietnam». Jede Schule in Kuba hat einen Namen: «Märtyrer der Schweinebucht», «Vladimir Illich Lenin», «Salvador Allende» - viele tragen die Namen von toten Kommunisten, Sozialisten und Revolutionären.
Die Toten. Sie sind überall anzutreffen. Auch Ortschaften und Landwirtschaftsbetriebe sind nach ihnen benannt. Am Strassenrand blicken die Männer kämpferisch von riesigen Plakatwänden und Mauern. Che Guevara, José Martí, Máximo Gómez und wie sie alle heissen. Alles kubanische Helden, alle tot. Nur einer, dessen Kopf und Befehle ebenfalls überall anzutreffen sind, lebt noch: Fidel. El Comandante.
Der verlorene Sohn
Zwischenhalt an der Bretterbude «Zum guten Geschmack». Eine dicke und sympathische Frau verkauft Kokosgebäck und Tropi-Cola. Hinter dem Palmenhain ihres Strassenkiosks bei Jagüey Grande stehen die Häuser und Lagerschuppen der Agro-Kooperative Camilo Cienfuegos. Er war der populärste aller bärtigen Guerilleros. Ein paar Monate nach dem Triumph der Revolution am 1. Januar 1959 stieg er in ein Flugzeug und verschwand mitsamt diesem im Nichts. Attentat? Absturz ins Meer? Ein Mysterium. An seinem Todestag werfen die Menschen auf der ganzen Insel Blumen ins Meer.
Unter einem Palmblätterdach steht Alberto, 55, der Bodeguero der Kooperative. Er verkauft die subventionierten und rationierten Lebensmittel an die Landarbeiter, die hier mit ihren Familien leben. Es sei ja kein Geheimnis, sagt Alberto, das vom Staat garantierte Essen reiche nirgends hin. Doch zum Glück habe «der Kommandant» kurz bevor er im Sommer 2006 krank ins Bett gefallen sei, noch die monatliche Reisration von fünf auf sieben Pfund erhöht. Immerhin. Und was «der Kommandant» den Menschen einmal gegeben habe, nehme ihnen niemand mehr weg. Auf «den Kommandanten» lässt der Bodeguero nichts kommen. Sonst sei allerdings schon sehr vieles im Argen hier. Wegen «der Blockade der Yankees», die Kuba fertigmachen wollten. Nun gut, sagt Alberto nachdenklich, die Löhne seien viel zu tief, und das habe nichts mit dem Embargo der USA zu tun. Von diesen Hungerlöhnen könne ja kein Mensch überleben. Und dass die Bauern nichts privat verkaufen dürfen, verstehe er bis heute nicht. Die revolutionäre Polizei habe seinem Sohn vor zwei Jahren «das Genick gebrochen», ihn erwischt, als er mit zwei Lastwagen voll Maniok und Papaya nach Havanna fahren und die Ware dort verkaufen wollte. Alberto verwirft die Hände: Der staatliche Abnehmer hätte die Ernte tagelang nicht abgeholt. Was hätte sein Sohn tun sollen? Die Ware verfaulen lassen? Nein, das mache kein Bauer. Deshalb wollte er damit nach Havanna. Die Polizei habe alles beschlagnahmt, und seinem Sohn eine Busse aufgebrummt, die er nie hätte bezahlen können. Mit 13 anderen Männern sei er darauf in einem Fischerboot nach Miami geflüchtet. Seither schickt der Sohn jeden Monat 150 Dollar nach Hause, sieben kubanische Monatslöhne. Albertos Augen sind wässrig. «Ich musste meinen Sohn verlieren, damit ich hier besser leben kann.» Er hofft, dass die Zukunft ihm eines Tages seinen Sohn wieder heimbringt.
Dienstleistungen fürs Volk
In der Provinzhaupstadt Ciego de Avila platzt der rechte Vorderreifen des Autos. Ein Schlagloch. Der Angestellte der Mietwagenfirma ist sehr hilfsbereit. Er braucht zweieinhalb Stunden, bis er Ersatz findet. Genug lang, um mit Leuten zu plaudern. Gegenüber der Mietwagenfiliale ist ein Haus mit «Dienstleistung fürs Volk» angeschrieben. Im Foyer schaukelt ein alter Mann in brauner Uniform auf einem zerschlissenen Bürosessel. Aus einem Transistorradio scheppert schmissiger Salsa. Francisco, 72, Nachtwächter, arbeitet, weil die Pension nicht reicht. Seit 25 Jahren sitzt er nachts auf diesem Stuhl, wartet, bis es Morgen ist und er nach Hause gehen kann. Die Türen der Büros stehen offen, Computer gibts keine, dafür umso mehr Papier. Welche Dienstleistungen werden hier geboten? - «Allerhand, in diesen Büros arbeiten über 30 Personen. Sie nehmen die Wochenrapporte von Coiffeuren, Fleischern und anderen Gewerbetreibenden von weitherum entgegen. Die Administratoren prüfen, ob die Planvorgaben erfüllt werden. Hier herrscht ein Kommen und Gehen. Weiss der Teufel, was die immer alles kontrollieren und aufschreiben.»
Nur Kontrollen, keine Dienstleistungen? - «Nein, nicht nur. Die Gewerbler kommen auch, um Arbeitsmaterial zu beantragen. Wenn dem Coiffeur ein Kamm fehlt oder der Haarschneider kaputt gegangen ist. Alles wird hier entgegengenommen und aufgeschrieben. Aber wir wissen ja, wie es ist. Überall fehlt das Material. Der Coiffeur meldet es zwar, schaut dann aber, dass er das Problem selber lösen kann.»
Allzeit bereit zum Krieg
Über dem Bauerndorf Pedro Ballester (ein Märtyrer der Revolution) wölbt sich prächtig der Nachthimmel. Im Dorf ist es dunkel, keine Strassenlampe blendet den Blick aufs Sternenmeer. Die Grillen zirpen und die Kröten quaken. Sie verbringen die Nacht gerne in Häusern, kleben an Stuhllehnen und Zimmerwänden und springen von dort auf die Bettlaken und wieder weiter. Die Bauern hier gehen früh schlafen und stehen früh auf - wenn sie arbeiten können. Bauer Ricardo und sein Dutzend Landarbeiter sitzen seit Wochen untätig herum. Das 50 Hektar grosse Feld, das sie vor zwei Jahren von einem staatlichen Betrieb für fünf Jahre zur Pacht erhalten haben, hat ihnen der Staat vorzeitig wieder entzogen. Planänderung wegen der Hurrikane. Nach den Millionen Tonnen Ernteverlust braucht das hungrige Volk nun dringend Kartoffeln, nicht Bananen - dauert zu lange, bis die reif sind. Kartoffeln aber sind streng kontrolliert, nur Staatsbetriebe dürfen sie anbauen. Auf dem Feld, wo vor sechs Monaten Bananen, Mais und Maniok erntereif waren, wächst heute nur noch Gras. Niemand im Dorf weiss, warum hier nicht schon längst die Kartoffeln wachsen.
Ricardos Nachbar Gelacio blüht derweil in der Anbauschlacht im eigenen Garten auf. Der Kopfsalat spriesst in Reih und Glied. Gelacio, 65, ist pensionierter Berufsmilitär, brachte es bis in den Generalstab auf Provinzebene. In seiner alten olivgrünen Uniform rackert er vor seinem Haus. Jetzt, nach den verheerenden Wirbelstürmen im September, sei das Volk auf jeden Salat angewiesen. Gelacio macht das alles freiwillig, für die Revolution. Gelacio ist noch aktiver Chef der Verteidigungsbrigade seiner Zone. Die ganze Insel ist in Tausende militärische Zonen und Einheiten eingeteilt, im Falle eines Angriffs des Imperiums, der USA, kann innert Kürze jeder Bürger sofort zum «Krieg des ganzen Volkes» mobilisiert werden. Gelacio sagt, so rasch sei Kuba nicht zu besiegen. Er hat den Schlüssel für ein grosses Haus gleich um die Ecke. Dort sind Gewehre und Munition, Minen und Mörser gebunkert. Gelacio weiss genau, wie er die Waffen verteilen und wo er die Frauen und Kinder in Sicherheit bringen muss. Der allzeit zum Krieg bereite Hobbygärtner ist einer der wenigen im Dorf, der die «Granma» abonniert hat, das Parteiorgan der Kommunistischen Partei. Die Zeitung berichtet täglich, wie in Kuba alles im Lot und im Rest der Welt alles aus den Fugen ist. Heute: Kuba steigert Produktion und Export lebenswichtiger Impfstoffe. In den USA verkaufen immer mehr Studenten ihre Spermien an Samenbanken, um sich das Studium finanzieren zu können.
Wie viele seiner Generation kann sich auch Gelacio nur zwei Zukunftsszenarien für sein Land vorstellen: Entweder für die Revolution weiterkämpfen und unten durch wie bisher oder sich ergeben und somit zurück zur kapitalistischen Hölle der Fünfzigerjahre. Für Gelacio alles eine Frage der Ehre: Ein echter Revolutionär geht nie in die Knie, schon gar nicht vor dem Imperium.
«Ein Tag ohne Gefecht ist ein verlorener Tag.» So lautet die Willkommensbotschaft am Strassenrand vor Chaparra, einer ehemaligen Hochburg der nationalen Zuckerindustrie in der Provinz Las Tunas. Viele Häuser haben keine Dächer, stehen schief oder gar nicht mehr. Hurrikan Ike hat hier gewütet. Zweieinhalb Monate war die Gemeinde ohne Strom. Von frühmorgens bis spätabends ist in diesem Dorf nur ein Geräusch zu hören: hämmern. Die Menschen zimmern und schustern sich aus nichts und mit nichts irgendwie ihre Häuser zusammen. Dem Staat fehlen Geld und Material, allen Sturmopfern zu helfen. Ike, Gustav und Paloma haben eine halbe Million Häuser im Land teilweise oder ganz zerstört.
Missionare statt Zucker
Die Zuckerfabrik Jesús Menéndez (auch ein Märtyrer der Revolution) ist eine der vier grössten im Land, ein gigantischer Rosthaufen, vor Jahren stillgelegt. Riesige, von Wind und Wetter zerfetzte Hallen und Werksgebäude stehen wie verkrümmte Skelette auf dem umzäunten Gelände. Auch hier wird gehämmert. Die letzten Arbeiter demontieren, was noch brauchbar ist. Kuba verkauft die Einzelteile seinem Bruderstaat Venezuela. Dort will Präsident Hugo Chávez den «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» und eine eigene Zuckerindustrie aufbauen. Andere Länder verdienen mit modernen Anlagen und Nebenprodukten wie Ethanol heute gutes Geld. In Kuba, der einstigen Weltmacht des Zuckers, ist noch ein Drittel der 156 Zuckermühlen in Betrieb. Die Jahresproduktion ist auf den Stand von 1907 zurückgefallen.
Das unablässige Hämmern in Chaparra hält kein Kopf aus. Rolando, 27, ein Meister und Lehrer des Schachspiels, empfiehlt zur Erholung einen Ausflug ins Fischerdorf La Herradura. Auf der Fahrt erzählt Rolando von seiner «Mission». Eineinhalb Jahre war er in Venezuela, als Schachlehrer. In Kuba ist Schach ab dem ersten Primarschuljahr ein Fach wie jedes andere. Das Brettspiel fördert strategisches Denken. Rolando war einer von Fidels 50'000 Missionaren, die in Venezuela arbeiten, 30'000 davon im Gesundheitswesen. Weitere zig Tausend verrichten in über 70 Ländern der armen Welt im Namen von Fidel und seiner Revolution gute Dienste.
Rolando kam mit 3000 Dollar in der Tasche zurück, in seiner Heimat ein Vermögen. Er investierte das Geld in eine kleine Küken- und Hühnerfabrik, die er mit seinem Vater hinter hohen Mauern im Hinterhof des Elternhauses aufgebaut hat. Nicht billig war der alte sowjetische Kühlschrank, den ein kluger Kopf zu einem Brutapparat umgebaut hat. Alle drei Tage schlüpfen 50 bis 60 Küken. In den grossen, sturmsicher gebauten Hühnerhäusern gackern die Federviecher. Das Geschäft läuft, das halbe Dorf kauft. Rolando und sein Vater wissen nicht, was geschieht, wenn die Inspektoren eines Tages Wind bekommen vom Privatbetrieb. Der vife Jungunternehmer ist zuversichtlich, dass Vater Staat ihm nicht alles beschlagnahmen wird und man gemeinsam eine Lösung findet.
Lesen Sie morgen im zweiten Teil der Reportage: Der Macho von La Herradura und die Odyssee einer Leiche in Bayamo.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.01.2009, 09:03 Uhr
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5 Kommentare
Cuba als Land hat mich, trotz der grossen Probleme , fasziniert! Noch frei von Amerikanismus, ist es quasi die letzte Bastion eines Staates der versucht hat, die Konsumwut ,den Kauf auf Pump,den Anspruch des Einzelnen, zu Gunsten der Allgemeinheit zu instituieren! Leider hat die Politik versagt! Nie den Mut gehabt , sich langsam anzupassen! Schade, wenn Cuba gleichgeschaltet würde Rest Welt Antworten
Ausland
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




