Ausland

Kuba feiert ein halbes Jahrhundert Revolution

Von Oscar Alba, Santiago de Cuba . Aktualisiert am 06.01.2009

Am 1. Januar ist die Revolution in Kuba 50 Jahre alt geworden. Raúl Castro gab sich standfest: Das sei erst der Anfang gewesen.

Kämpferisch: Präsident Raúl Castro während der Rede zum 50. Jahrestag der Revolution.

Kämpferisch: Präsident Raúl Castro während der Rede zum 50. Jahrestag der Revolution.
Bild: Keystone

Mehrmals totgesagt und ständig am (wirt­schaftlichen) Abgrund, doch mit dem Ge­fühl, allen Widrigkeiten, dem Kapitalis­mus und vor allem der Weltmacht USA getrotzt zu haben. So hat Kuba an Neujahr den 50. Jahrestag seiner Revolution gefei­ert. Staatspräsident Raúl Castro sprach in der Altstadt von Santiago de Cuba, wo sein Bruder Fidel am 1. Januar 1959 den Triumph der Revolution verkündet hatte. Der kranke Máximo Líder, der sonst mit seinen «Reflexionen» Zeitungsseiten füllt, beschränkte sich am historischen Jahres­tag auf ein Glückwunschtelegramm: «Ich gratuliere unserem heroischen Volk.» Im Gegensatz zu Fidel, der stets die Nähe zum Volk gesucht hatte und vor den Massen aufgetreten war, sprach Raúl weit­räumig abgeschirmt vor 3000 auserwähl­ten «Repräsentanten des Volks». Sie rie­fen standesgemäss «Viva Fidel!» und «Viva Raúl!». Die Worte und Orchester­klänge waren pathetisch; die olivgrün Uni­formierten blickten befehlsbereit; die nackten Oberkörper und emporgereckten Fäuste der durchtrainierten Tänzer ver­strömten proletarische Arbeitskraft. Die jungen, aus dem Ausland angereisten Re­volutions- Schlachtenbummler liessen ihre Idole abseits vom Geschehen hochleben. Die ermüdeten und der Revolution über­drüssigen Kubaner fragten sich einmal mehr: «Hasta cuándo?» – wie lange noch? Noch lange. Raúl machte in seiner 35-minütigen Rede klar, dass er nicht ge­denkt, den Kurs zu ändern: Die 50 Jahre waren erst der Anfang. Er und die Staats­medien sprechen konsequent vom «ersten halben Jahrhundert Revolution». Kubas Zukunft, so Raúl, werde möglicherweise noch schwieriger sein, als die Vergangen­heit war. Doch die Revolution sei «stärker denn je». Gerade jetzt, wo die Finanzwelt und der Kapitalismus in der Krise stecken, dürfe Kuba, so Raúl, keinen Millimeter von seinem Weg abrücken. Bemerkens­wert: In seiner ganzen Rede benutzte Fi­dels Bruder kein einziges Mal das Wort «Sozialismus». Er sprach nur von Prinzi­pien, Standfestigkeit, Kampfgeist. Kampf­und krisenerprobt ist die Karibikinsel zur Genüge. Attentate, zehn US-Präsidenten, Wirtschaftsembargo, Tod der Sowjet­union, politische Isolation, Hurrikane – mehrmals schon wurden Fidel und sein System für k. o. oder gar tot erklärt, doch sie haben alle und alles überlebt.

Der offizielle Festakt fand nicht in der Hauptstadt Havanna statt, sondern 1000 Kilometer weit entfernt, im Osten der In­sel, dem sogenannten Oriente. Santiago de Cuba ist «die Wiege der Revolution». Hier begann alles: im 19. Jahrhundert die Auf­stände und Unabhängigkeitskriege gegen die spanischen Kolonialherren. Jahrzehnte später versuchten es Fidel Castro und seine Rebellen; doch ihr Angriff auf die Militärkaserne Moncada am 26. Juli 1953 endete in einem Desaster. Fünf Jahre, fünf Monate und fünf Tage später (in der kuba­nischen Zeitrechnung ist alles mystisch durchnummeriert) klappte es mit der Re­volution. Fidel erklärte Santiago vorüber­gehend zur Hauptstadt. Er, Raúl und ihre Mitkämpfer stammen alle aus dieser Re­gion. Von Havanna halten sie nicht viel. Santiago de Cuba gleicht in diesen Fest­tagen einer Festung der Revolution. An je­der Haustür und Mauer, an jedem Be­leuchtungspfosten, überall hängen Fähn­chen und Bilder von Fidel und Raúl, «An­leitungen zum Sozialismus» und zur «Phi­losophie des revolutionären Kampfes», Kartons und Zettelchen mit Propaganda drauf. Doch die Widersprüche des Sys­tems sind auch in dieser Stadt unüberseh­bar. Den Menschen gehts nicht besser als anderswo – die einzige Extraration, von der sie zerren können, besteht aus Ruhm und Ehre der Vergangenheit. Auch in San­tiago erinnern die Auslagen in den Schau­fenstern an schlechtere DDR-Zeiten, rei­chen die staatlichen Löhne nicht zum Le­ben, hält sich das Volk in einer parallelen (kapitalistischen) Schattenwirtschaft mit illegalen Geschäften und Diebstahl am Staatseigentum über Wasser. Ein Mann an der Ecke mit Verband und Schlauch am Bauch bettelt um Geld, weil er nach der kostenlosen Operation ein Re­zept für ein Medikament erhalten hat, das nur in der «internationalen Apotheke» ge­gen Barzahlung mit der teuren Zweitwäh­rung, dem Peso convertible, erhältlich ist. Ein Espresso in dieser Währung ist 50-mal teurer als derselbe Espresso in einer Kaf­feebar, die nur den Peso cubano akzep­tiert. Doch auf dieser Tropeninsel mit ih­rem eigenen Sozialismus ist das Absurde längst normal. Das Volk hat 50 Jahre Zeit gehabt, damit leben zu lernen.

Kuba feiert 50 Jahre Revolution. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2009, 09:23 Uhr

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