Kuba libre, aber nur für kleine Kapitalisten
Von Oscar Alba. Aktualisiert am 06.08.2008
Enrique, alle nennen ihn hier Riqui, arbeitet nicht, hat Verwandte im Ausland und vermehrt das Geld, das sie ihm senden, mit Schwarzhandel. Am Samstag ist er mit einem silbernen BMW vorgefahren, neuestes Modell, einem Mietwagen der Luxusklasse. Die Knaben, die in der Strasse Baseball spielen, staubig von Kopf bis Fuss, drücken ihre Nasen an die verdunkelten Scheiben der Limousine. Riqui steigt aus, nimmt die Sonnebrille ab, warnt: «Vorsicht, Jungs, nicht dreckig machen.» Der Nachbar pfeift: «Hier kommt unser Neureicher!» Riqui: «Hey Mann, das ist das Kuba von heute.»
Im Kuba von heute fallen zahlreiche Verbote von gestern. Fidel Castros Nachfolger, sein Bruder Raúl, liberalisiert den Luxus: Kubaner dürfen neuerdings Handy-Abos abschliessen, Computer, strombetriebene Fahrräder, DVD-Abspielgeräte und andere Elektronik kaufen, sie dürfen Autos mieten, sämtliche Hotels und Touristenkomplexe betreten und Zimmer buchen. All das war auf der sozialistischen Insel bis anhin verboten – ausser natürlich für Ausländer sowie auserwählte Genossen mit «besonderen Verdiensten». Es herrschte eine Art Apartheid: Kubaner, die im Ausland leben und Ferien in ihrer alten Heimat machen, hatten schon vorher Zutritt zu allen Hotels; ihre auf der Insel lebenden Angehörigen jedoch nicht, sie durften lediglich in die eigens für sie reservierten Hotels zweiter Klasse absteigen. Gemeinsame Strandferien im selben Hotel waren unmöglich.
Während Raúl Verbote fällt, sendet Fidel vom Krankenbett aus Fragezeichen an die Nation. Für den zähen Marxisten sind «Geräte zur massiven Reproduktion von Informationen», überhaupt Besitztum Todfeinde der Revolution. In einem kürzlich in der Staatspresse veröffentlichten Brief fragte er: Wozu all diese elektronischen Apparate, «die der Imperialismus anbietet und die transnationalen Konzerne nur noch reicher machen?» Das Internet bleibt für Kubaner zwar verboten, doch Fidel grauts schon jetzt vor der vernetzten Welt: «Nicht einmal mehr die Geheimnisse eines Liebespaars auf einer Parkbank bleiben in Zukunft privat.» Bruder Raúl siehts pragmatisch. Er spricht von «absurden Verboten», die abgeschafft gehören. Auch in der Landwirtschaft. Bauern dürfen neu ohne Bewilligung landwirtschaftliches Werkzeug erwerben und damit ungenutzte Böden bewirtschaften.
Alles, was Raúls Regierung liberalisiert, können sich nur Leute leisten, die mehr Geld haben zum Leben als einen staatlichen Monatslohn von durchschnittlich 20 Franken. Enrique zahlt für seinen BMW acht Monatslöhne – pro Tag. In Havanna waren die DVD-Geräte (120 Franken) innert Tagen ausverkauft, die Elektrovelos (900 Franken) sind inzwischen auch alle weg, und für ein Handy stehen die Menschen Schlange (allein die Registriergebühr kostet 120 Franken).
Computer sollten seit dem 1. April im Verkauf sein. Sind sie aber bis heute nicht. Niemand weiss warum, auch der Verkäufer im Laden nicht. Die Informationspolitik ist wie immer rätselhaft. Die staatlichen Medien hatten lediglich angekündigt, dass nun Handy-Abos und das Bewirtschaften von brach liegendem Boden erlaubt seien. Über alle anderen Reformen wurde nicht offiziell informiert. Nie würde die kommunistischen Partei zum Konsum aufrufen. Für die Menschen kein Problem: Liberalisiert die Regierung heute etwas, wissen es morgen alle – per Mundpropaganda in Lichtgeschwindigkeit überliefert. Darin sind die Kubaner unschlagbar.
Riqui, der kleine Kapitalist und Playboy aus Centro Habana, prahlt schon, er werde seine Geliebte ins Fünfsternehotel Parque Central abschleppen. Eine Nacht kostet 240 Franken, einen Jahreslohn. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.08.2008, 16:15 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.




